© Manoel Henrique Silva

Wenn es um Geborgenheit geht, ist ein Material einfach unschlagbar: Holz atmet, Holz will berührt werden. Ob tropisch-dunkel oder alpin-hell, ob als Boden oder Badewanne: Mit Holz holt man sich die Natur ins Haus. Das geht auch ganz ohne Skihütten-Atmosphäre.

20 . November 2019 - By Maik Novotny

Achtung, eine etwas ungewöhnliche Frage an Sie: In welchem Instrument würden Sie lieber wohnen, einem Cello, einer Tuba oder einem Schlagzeug? Sagen Sie nichts, die Antwort kennen wir alle: Es ist das Cello. Denn kaum ein Material ist wohnlicher als Holz. Sehen Sie, schon sind wir bei der Architektur und beim Interieur. Während Architekten beim Sichtbeton auch nach Jahrzehnten noch Überzeugungsarbeit leisten müssen, ist dies bei Holz nicht nötig. Es ist behaglich, es altert in Würde, man fasst es gerne an. 

Ein Mischwald ist schöner als eine Monokultur. Was im Wald nebeneinander steht, steht auch in der Stube gut nebeneinander.

Bernardo Bader

NICHT NUR RUSTIKAL

Dabei müssen Innenräume aus Holz keineswegs immer die Gestalt von Almhütten in rustikaler Kiefer annehmen. Man kann ebenso an das dunkle Mahagoni der Villen von Frank Lloyd Wright denken. Architekten haben einen reichen Fundus an Tradition, auf den sie zurückgreifen können – und das rund um den Globus. Zum Beispiel in Japan, wo das Handwerk nie von der Industrialisierung verdrängt wurde und auch die Stadtbewohner ihre Nähe zur Natur nie ganz ablegen. So entstehen Häuser wie das für eine vierköpfige Familie bei Osaka, entworfen vom Büro Coo Planning: Im hohen Wohnzimmer bestehen Boden, Wand, Decke, Stiege und Möbel aus glatt poliertem und sanft schimmerndem Holz. Es wirkt tatsächlich wie das Innere ­eines Holzinstruments.

Ein ähnliches Spiel mit dem Raum verfolgten Matsuyama Architects bei einem Haus in ­Fukuoka. »Die Familie wünschte sich einen Raum, in dem sie sich zusammengehörig fühlt«, berichten die Architekten. Was eignete sich besser als Rahmen für diese Geborgenheit als Holz? Damit keine Platzangst entsteht, ist der Wohnraum wie eine riesige Treppe über mehrere Ebenen gestaffelt, sodass jedes Familienmitglied seinen eigenen Bereich bekommt.

Im Wald und aus dem Wald: Für dieses Wohn- und Atelierhaus wurden nur Bäume aus dem benachbarten Forst verwendet, und das möglichst im Ganzen. bernardobader.com

© Jörg Seiler

MEHR ALS LIFESTYLE

»Holz kommt immer wieder in Mode«, weiß auch der Vorarlberger Architekt Bernardo Bader. »Früher war es Buche, dann Ahorn, seit zehn Jahren ist es Eiche. Das sind eben Lifestyle-Trends, aber Holz kann viel mehr, als ein Designobjekt zu sein oder eine Tapete.« Für seine eigenen Häuser greift Bader auf die jahrhundertealte Expertise des Bregenzerwalds zurück. Sie wirken behaglich, ohne rustikal zu sein, und pur, ohne puristisch zu sein. Denn verschiedene Holzarten darf man durchaus kombinieren, so Bader. »Ein Mischwald ist schöner als eine Monokultur. Unter Forstexperten gilt die Devise: Was im Wald nebeneinander steht, steht auch in der Stube gut nebeneinander.«

Für sein Haus am Moor, das so selbstverständlich auf einer Wiese am Waldrand steht, als sei es schon immer dort gewesen, wurde nur Holz aus dem benachbarten Forst geschlägert. Für den Boden wurden nur drei Tannen verwendet, dafür aber im Ganzen, Äste inklusive. So wird der Wohnraum zum Abbild des Waldes. »Mir ist es wichtig, dass man sofort spürt: Der Boden hat eine eigene Kraft, der ist richtig Holz, richtig Baum. Bei Holzböden, wo alles Gewachsene aussortiert oder abgehobelt ist, spürt man nur die Industrie.« Holz, sagt Bader, muss nahbar sein, man muss es anfassen wollen. 

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INTEGRIERT IN NATUR

So wird das Holz zur Verbindung zwischen Haus und Natur, und als Bewohner fühlt man sich gleich doppelt zu Hause. Das gilt im Bregenzerwald ebenso wie in Brasilien, wo das dunkle Tropenholz perfekt mit der Vegetation harmoniert. Ein prachtvolles Beispiel tropischer Holzarchitektur ist das Haus für einen Sammler in São Paulo von MF+Arquitetos. Hier wurde das Holz mit Marmor und Beton kombiniert, eine ausgewogene Harmonie, die Luxus ausstrahlt, ohne pompös zu wirken. Raumhohe Öffnungen zum üppigen Garten und Schiebewände aus filigranen Holzgittern lassen das Tageslicht auf den verschiedenen Oberflächen spielen. »Einfach Formen, inte-griert in die Natur«, wie die Architekten ihr Ideal formulieren.

Das funktioniert auch, wenn der Urwald gerade nicht zur Hand ist, denn die Natur lässt sich auch in eine städtische Wohnung holen. Das vietnamesische Büro CTA verwandelte die kleinen Zimmer eines Apartments in Saigon in einen großen flexiblen Raum, der sich mit verschiebbaren Wänden teilen lässt. Eine geschwungene Decke aus geflochtenen Holzstäben macht das Wohnerlebnis schwerelos; der von den Architekten gewählte Name »Cloud House« erklärt sich von selbst. »Unser Kunde arbeitet den ganzen Tag und wünschte sich von uns eine Wohnung, in der er alle Sorgen vergisst und in Ruhe schlafen kann.« Wo ginge das besser als geborgen in einer Wolke aus Wald? Eben.

Wer nicht seine gesamte Wohnung in Eiche, Tanne oder Mahagoni auskleiden will, aber auf die Sinnlichkeit von Holz nicht ganz verzichten möchte, kann die Behaglichkeit natürlich auch mit Möbeln heraufbeschwören. Ein Billy-Regal leistet hier atmosphärisch eher wenig, aber wie wäre es mit einer Holzbadewanne? Zum Beispiel die Wanne »Shell« aus handgeschliffener und geölter Walnuss, entworfen von der Tiroler Designerin und Architektin Nina Mair. »Bei diesem Entwurf gehen wir an die Grenzen der Belastbarkeit des Materials Holz. Dünner kann man eine Holzbadewanne einfach nicht ausführen«, erklärt sie stolz. Wohnen mit Wald und wohliger Wärme: So lassen sich die Wintermonate behaglich verbringen. Als akustische Untermalung dazu empfehlen wir ein Cellokonzert.

LIVING Nr. 05/2019

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