© Ian Gavan

Immer wieder fordert der Brite Tom Dixon die Interior-Industrie aufs Neue heraus. Wir trafen den Selfmade-Designer in seinem neuen Büro- und Shop-Komplex in King’s Cross, London. Und ein Restaurant gehört mittler­weile auch dazu.

01 . Dezember 2018 - By Angelika Rosam

LIVING: Gratulation zu Ihrem neuen Büro und Showroom! Obwohl Sie seit mehr als drei Jahrzehnten desi­gnen und eine Top-Karriere zelebrieren, gibt es keinerlei Anzeichen der Ermüdung. Ganz im Gegenteil, wie man sieht …
Tom Dixon: Das ist die Schönheit des Designs, dem keine Grenzen gesetzt sind. Es gibt viele verschiedene Richtungen, viele Typologien, die es noch zu bearbeiten gilt. Irgendwie bin ich erst am Anfang. Aufgepasst, da kommt in der Zukunft noch viel mehr.

Woran denken Sie? Etwas komplett Neues? Vielleicht ein Fashionprojekt!
Ich war immer in der Fashionwelt vernetzt. Meine ersten Kunden waren Vivienne Westwood und Comme des Garçons. Aber wenn man Möbel entwickelt, will man sich damit nicht so rasant und kurzfristig bewegen. Wir müssen nicht bis zu vier verschiedene Kollektionen im Jahr hervorzaubern. Mit Möbeln ist man Gott sei Dank keinem saisonalen Rollercoaster ausgesetzt. Das ist natürlich für die Medien nicht so spannend, denn alle wollen ständig über neue Trends schreiben. Und die heutige Instagram-Welt macht’s vor: Ein Trend wird gepostet, und bereits nach 30 Minuten ist er schon wieder out.

Und trotzdem bevorzugen Sie die sichere, konservativere Variante?
Ja, aber deshalb ist es natürlich nicht weniger kompliziert. Es ist heikel, eine Balance zu finden, trendige Stücke zu entwerfen, ohne dass dabei die Nachhaltigkeit verloren geht. 

Und trotzdem bevorzugen Sie die sichere, konservativere Variante?
Ja, aber deshalb ist es natürlich nicht weniger kompliziert. Es ist heikel, eine Balance zu finden, trendige Stücke zu entwerfen, ohne dass dabei die Nachhaltigkeit verloren geht. 

Genau wie bei dem ikonischen »S«-Chair. Der ist nach wie vor ein Hit.
Das sind natürlich wirklich vom Schicksal begünstigte Würfe. Und natürlich bedeutet das auch immer wieder ein wenig Druck. Die Marke Tom Dixon ist eine eigene Firma, aber sie gehört mir nicht mehr allein. Es ist mittlerweile ein Private Equity Fund eingestiegen, der die Mehrheit hält. Das heißt, man muss sich weiterentwickeln und expandieren.

Zum Beispiel? 
In den Elektronik-Bereich einzusteigen, wäre interessant, das habe ich noch nicht gemacht. Aber dafür brauche ich eine neue, perfekte Zeiteinteilung. Dadurch, dass meine Kreationen im Gebrauch zu Hause funktionieren sollen, dauert das Prozedere natürlich umso länger. Produkte durchlaufen viele Runden, bevor sie im Verkauf angeboten werden, denn der Kunde verdient es natürlich, für das viele Geld, das er ausgibt, auch ein perfektes Ergebnis zu bekommen. Und natürlich brauchen wir einen Warenbestand. Das heißt: Wir produzieren und produzieren. Und so ist man als Designer manchmal etwas limitiert in der Entwicklung für Neues.

»Licht ist für viele Kunden wie ein Entertainment-Objekt, denn es verändert die Atmosphäre eines Raums komplett. Es ist wie ein Schmuckstück, das sich wie als letztes Steinchen eines Mosaiks in den Raum einfügt und eine enorme Auswirkung auf das Ganze hat.«Tom Dixonüber Lichtdesign

Ich habe gelesen, dass es Ihnen wichtig ist, dass man mit Design auch gesellschafts­politische Interessen verfolgen sollte? 
Ich mache derzeit viele dekorative Objekte fürs Zuhause. Es wäre sinnvoll, etwas zu leisten, was in irgendeiner Art und Weise die Welt retten könnte. Mithilfe der Regierung und einer guten Finanzierung könnte man Objekte für Menschen entwickeln, die zum Leben notwendig sind, aber für diese Menschen nicht leistbar. Und wenn es nur ein Projekt ist, wofür Randgruppen mit echtem Handwerk etwas schaffen, das dann verkauft werden kann. Ich spreche da von speziellen Projekten in Nigeria und Indien, wo wir mit der Unterstützung des British Council ein Projekt für Metallarbeiter ins Leben gerufen haben.

Was sind für Sie die Kriterien bei der Entwicklung eines neuen Objekts?
Nun, 50 % denke ich kommerziell, bei den anderen 50 % interessiere ich mich für den Kreativprozess. Die Skulptur, das Modell. Wie es letztendlich funktioniert. Unsere Klientel ist sehr anspruchsvoll und meist sehr design­affin, sie kennst sich also damit aus, was sie kauft. Der Spagat zwischen Entertainment und Funktionalität ist dabei immer groß, die Objekte müssen ihre Pflicht erfüllen, gleichzeitig aber so attraktiv sein, dass sie auch als Geschenk infrage kommen. Das ist meine tägliche Herausforderung.

Im Gegensatz zum Lighting-Design blieben Möbel in den letzten Jahren eher konservativ. Beim Licht spricht man von Contemporary Art. Wie erklären Sie diesen Trend?
Ja, das ist richtig. Die meisten Leute, die heute Möbel kaufen, lieben es traditionell und eher konservativ. Einen Tisch kauft man sich nicht jeden Monat neu – das Design sollte über viele Jahre gut wirken. Die letzte richtige Revolution bei Möbeln gab es wohl in den 60ern. Da gab es jede Menge Plastik und Stretch-Details. Beim Lichtdesign hingegen hat sich aus der Perspektive eines Ingenieurs alles geändert.

Licht als Wissenschaft also?
Warum nicht? Der technische Part erlaubt es mittlerweile, mit vielen verschiedenen Formen zu spielen und dennoch nicht seine Wirkung zu verlieren. Lichtdesign ist für viele Kunden ein Entertainment-Objekt. Licht verändert die Atmosphäre eines Raums. Es ist wie ein Schmuckstück, das sich wie als letztes Steinchen eines Mosaiks in den Raum einfügt und eine enorme Auswirkung auf das Ganze hat. Meine Kunden sind bereit, mit extravaganten Licht-Objekten ein weitaus mutigeres Risiko einzugehen als mit Möbeln. Und für Designer ist es generell interessant, in einem Raum zu arbeiten, wo ein wissenschaftlicher Prozess im Gange ist.

Themenwechsel: Sie haben ein Restaurant in Ihrem neuen Büro- und Geschäftskomplex gestaltet. Das »Coal Office« ist nicht weniger durchdesignt als Ihr Store und Ihre Produkte, noch dazu kann man herrlich essen …
Ich wollte eine Erlebniswelt schaffen. Möbelgeschäfte allein finde ich immer so langweilig, und in diesem Restaurant kann man sowohl meine Möbel, die Stoffe und Accessoires betrachten als auch ein herrliches Genusserlebnis haben. Diese Kombination halte ich für gelungen, da man eine Atmosphäre so viel besser fühlen kann.

Das wäre doch ausbaufähig!
Sie sagen es. Am liebsten würde ich mich den ganzen Tag dort aufhalten, meine Businessmeetings dort abhalten, und für das Nightlife würde ich doch glatt eine Disco integrieren. Frühstück wird es übrigens auch bald geben.

Das schreit direkt nach einer Fortsetzung! »Tom Dixon designt neuerdings Restaurants!«
Ich würde es lieben, denn es wäre meine Leidenschaft. Ich habe französische Wurzeln und bin ein Gourmet. Sie werden es nicht glauben, aber ich koche sogar manchmal dort.

LIVING Nr. 05/2018

Erschienen in:

LIVING Nr. 05/2018

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