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Wie beeinflussen Social Media und eine stetig wachsende Zahl an Onlineshops die Welt des Interior-Designs? Welche neuen Möglichkeiten bietet das World Wide Web den Konsumenten? LIVING ist auf Tuchfühlung mit Online-Interior-Pionieren gegangen.

09 . Januar 2019 - By Sonja Boric

Egal ob Lagom, Hygge, Minimalism oder Bohemian: Durchforstet man derzeit Social-Media-Portale, sind Interior-Schlagwörter und Inspirationsbilder »on the rise« und definitiv »trending«. Denn während man dank scheinbar nicht enden wollender Bilder von Avocado-Toasts und Modetrends schon längst den Überblick verloren hat, wirken Interiorblogs frisch und kreativ. 
Als Vorreiter und Branchengröße gilt die britische Interior-Bloggerin und -Consultant Kate Watson-Smyth. Mit ihrem Blog »Mad about the House« hat sie schon zahlreiche Preise abgeräumt und Bücher veröffentlicht. Seit Neuestem gehört auch ein Podcast in ihr Portfolio – inklusive herrlich britischem Humor und Quirkiness, versteht sich.

Die ausgebildete Journalistin sieht die Entwicklungen der letzten Jahre extrem positiv: »Die ganze Interior-Welt hat sich geöffnet. Gutes Design ist zugänglich und für jeden erreichbar. Es war noch nie so leicht, Hersteller von Möbelstücken zu finden – einfach herrlich! Jede Marke ist fast weltweit erhältlich und die Möglichkeiten der Inspiration sind schier unendlich. Dadurch beschäftigen sich Konsumenten mehr mit Design und setzen sich mit verschiedenen Stilen auseinander.« Besonders wichtig ist Watson-Smyth auch der Austausch mit anderen. »Ich finde es fantastisch, dass ich auf Instagram die Möglichkeit habe, mit meiner Community zu kommunizieren und Informationen zu teilen.«

Auch trifft ihrer Meinung nach Interior im Gegensatz zur oft extrem schnelllebigen Modebranche den allgegenwärtigen Zeitgeist und Ruf nach Nachhaltigkeit. »Ich glaube nicht, dass sich dieser Aspekt durch Social Media ändern wird. Besonders das Recyceln und Wiederverwenden alter Möbel ist Trend. Die Couch meiner Großmutter hat beispielsweise drei Generationen überlebt und ist mit neuem Samtüberzug das Highlight unseres Wohnzimmers.« Möbel waren schon immer langlebiger als Mode, was natürlich auch mit dem Anschaffungspreis zu tun hat. Die Anzahl der stets wachsenden preiswerten »Highstreet-Interior-Brands« wie Zara Home und H&M Home sieht die Britin gelassen. »Ich glaube, auch hier werden sich nachhaltige Materialien durchsetzen – und diese Marken sind toll, um schnell ein paar Veränderungen in der Wohnung vorzunehmen.«

#Instascam und Frenemies

Natürlich hat auch jeder Trend seine Schattenseiten. Durch die allgegenwärtigen Bilder von top-gestylten Wohnungen auf Portalen wie Instagram und Pinterest ist es ein Leichtes, sich für sein Eigenheim inklusive Schmutzwäschebergen zu schämen. »Durch die sozialen Medien ist definitiv mehr Druck entstanden, in jeder Lebenslage ›perfekt‹ zu sein. Besonders Pinterest sehe ich als ›Frenemy‹. Eigentlich ist es eine inspirierende Plattform, aber sie kann einen auch ordentlich deprimieren und regelrecht zum Feind werden. Denn die perfekten Wohnungen in Traumlagen sind natürlich fernab jeglicher Realität. Mein Haus wurde schon zahlreiche Male fotografiert und in Design-Magazinen veröffentlicht. Das letzte Mal, als ein Fotograf zu Gast war, habe ich meine Schmutzwäsche ins Waschbecken gestopft«, schmunzelt Watson-Smyth. Um ein möglichst unverfälschtes und ehrliches Bild widerzuspiegeln, veröffentlicht die Bloggerin diese Szenen gerne auf ihren Instagram Stories, mit dem passenden Hashtag #instascam, das übersetzt so etwas wie Instagram-Betrug bedeutet.
Ziel des Interior-Profis ist es, dass sich ihre Kunden und Follower in ihren eigenen vier Wänden wohlfühlen und ein Gespür für ihren persönlichen Stil bekommen.

Stil finden leicht gemacht

Neuester Clou aus dem Shopping-Haus Westwing ist ein »Interior-Design-Service«. Die kostengünstige Consultancy liefert Un­entschlossenen drei Möglichkeiten, einen Raum einzurichten – inklusive ange­passtem Budget und Stilvorlieben des Käufers und mit den Produkten des Onlineshops WestwingNow. Stilprofi und Westwing-Gründerin Delia Fischer dazu: »Wir stellen fest, dass es beim Einrichten sehr viele Fragen bei unseren Kunden gibt. Verständlich! Denn wir richten uns ja nicht ständig neu ein, somit fehlt uns die Erfahrung, und es gibt viele offene Fragen und Beratungsbedarf: Wie groß muss ein Teppich sein? Passt der Beistelltisch zu meiner Couch? Welche Farben soll ich wählen? Daher war unser Interior-Design-Service der für uns nächste logische Schritt, das Einrichten der eigenen vier Wände zu erleichtern.« Der Kauf der Produkte ist dabei nicht zwingend und der Service wird mit einem Shop-Gutschein gegenverrechnet. Für den Kunden eine Win-win-Situation: Professionelle Interior-Designer zeigen kreative Möglichkeiten der Raumgestaltung und Stilfindung auf, die passenden Produkte werden direkt geliefert – eine mühsame Suche wird dadurch obsolet.

Lifestyle- und Interior-Blogger

Westwing ist allgemein Vorreiter, wenn es um Online-Marketing und kreative Verkaufslösungen im Bereich Interior geht. Unter anderem setzte der Shop als einer der Ersten auf den Werbewert von Bloggern und Influencern. Auch Laura Noltemeyer alias »Designdschungel« arbeitet mit dem innovativen Onlineshop zusammen. Die Hamburgerin ist einer der erfolgreichsten Influencer im deutschsprachigen Raum. Mit ihren über 200.000 Instagram-Followern teilt sie neben ihrer Liebe zur Mode auch ihre Passion für Interior. Das kommt bei der diplomierten Architektin nicht von ungefähr. Ihren Einrichtungsstil beschreibt sie als »minimalistisch-skandinavisch mit Bohemian-Elementen«.
Der Look kommt bei ihren Lesern gut an. Durch ihre Liebe zu Design und Interior hat sie etwas fast Undenkbares geschafft und Tapeten wieder hip gemacht. Mittlerweile hat Laura ihre fünfte Kollektion für den Tapetenhersteller A. S. Création entworfen. »Ich versuche, meinen Lesern und Followern zu zeigen, wie leicht es ist, mit Tapeten Akzente zu setzen und einen Raum zu verändern.« Dabei zeigt sie in ihren eigenen vier Wänden via Video vor, wie einfach es heutzutage ist, Tapeten anzubringen. »Je authentischer die Inhalte sind, desto besser. Und was könnte authentischer sein, als seine eigenen Kreationen zu Hause einzusetzen?«, meint Noltemeyer. Inspiration für ihre Entwürfe und Interior-Ideen holt sie sich aus Design-Magazinen, Instagram und Pinterest. Noltemeyer über Interior im Netz: »Es gibt definitiv einen steigenden Interior-Trend in den sozialen Medien. Dadurch setzen sich die Leute mehr mit Design und Einrichtung auseinander, das Angebot wird größer, und es gibt die Möglichkeit, neue Stile und Ideen zu entdecken. Das finde ich großartig.« 

Auch wir finden die Entwicklungen großartig und schließen uns dem Tenor bei Insidern an: Interior als Onlinetrend ist gekommen, um zu bleiben.

Mad about the house – How to decorate your home with style

Ein 208 Seiten starkes Wohnbuch, das inspiriert und hilft, das Beste aus den eigenen vier Wänden rauszuholen. Kate Watson-Smyth begleitet ihre Leser von Raum zu Raum und hilft bei der persönlichen Stilfindung. 

Verlag: Pavilion Books, Preis: 20,94 Euro

LIVING Nr. 05/2018

Erschienen in:

LIVING Nr. 05/2018

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