© Rafaela Pröll

Schauspieler und Bühnenkünstler Tobias Moretti im Exklusiv-Interview

Er ist prädestiniert für das Genre des »Film Noir« – ausdrucksstark und stets überzeugend gut. Auf der Bühne ist Schauspielstar Tobias Moretti derzeit mit emotionalem Grenzgängertum unterwegs. Starke Rollen, die fesseln und für Begeisterung im Publikum sorgen. Für uns inszenierte der Erfolgs­mime ein Cover und Fashion-Shooting der ganz besonderen Art. Ganz Moretti eben, Interview inklusive.

21 . Dezember 2018 - By Angelika Rosam

Es gibt fraglos Schauspieler, deren Karriere mit einer Hochschaubahn zu vergleichen ist. Nach beachtlichen Höhen kann’s auch schon mal wieder rasant abwärts gehen ins Tal. In ein sehr finsteres Tal, so könnte man es apostrophieren – nicht aber für unseren Cover-Star Tobias Moretti. Seine düstere, perfekt überzeugend gespielte Rolle im Austrowestern »Das finstere Tal« 2014 untermauerte vielmehr den weiteren Beweis einer nie nachlassenden Karriere, die heute am Höhepunkt firmiert: Kinofilme, TV-Serien, Theater – Moretti ist vielseitig und sein Faible für emotionales Grenzgängertum Programm. Nicht nur auf der Leinwand. Seit dem Vorjahr und auch wieder 2019 mimt der 59-jährige Tiroler den »Jedermann« am Salzburger Domplatz – angekommen an einer der feinsten Adressen des deutschsprachigen Theaters, überkommt ihn dort die Begegnung mit dem Tod. Ein Part, der ihn ins schauspielerisch Ungewisse entlässt, aber ganz offensichtlich fesselt. Denn der Sprung über die Kante als »Jedermann« motiviert für die Rolle eines Demenzkranken in Luk Percevals Drama »Rosa oder Die barmherzige Erde«. Damit kehrte Moretti heuer im März und neun Jahre nach »Faust« ans Burgtheater zurück. »Für Geist und Körper«, so Moretti, ist es wohl eine der »größten Herausforderungen«, die er noch bis ins nächste Jahr auf der Bühne zu realisieren vermag. 

Für uns beackerte Moretti, der gerade in Spanien unter der Regie von Gregory Kirchhoff für den Kinofilm »Baumbach Syndrome« vor der Kamera steht, nunein für ihn relativ ungewohntes Terrain: Fashion-Herbsttrends ganz im unverwechselbaren Moretti-Stil für ein exklusives Foto­-shooting in Szene gesetzt! Nicht weniger über­zeugend, nicht weniger originell als seine Schauspielkunst. Intellektuelle Ergüsse inklusive …

»Ich denke, dass ich den Luxus, den ich möchte, nicht kaufen kann. Luxus hat für mich mit allem zu tun, nur nicht mit Konvention.« Tobias Morettiüber Materielles

Rollkragenpullover von Gran Sasso bei Gino Venturini. venturini.at

© Rafaela Pröll

Falstaff: Grenzgängerische Rollen sind Ihr Markenzeichen – sowohl auf der Bühne als auch im Kino oder Fernsehen. Eine Herausforderung, die auch persönliche emotionale Engpässe fordert? 
Tobias Moretti: Rollen wie in »Rosa oder Die barmherzige Erde«, wo ich einen Demenzkranken zu spielen habe, sind für Geist und Körper natürlich eine große Herausforderung, da man sich bei jeder Vorstellung wieder neu annähern muss. Auch im Grenzgang und der Freiheit dessen, da es ja eine Mischung ist zwischen der szenischen Disziplin und der Freiheit dieses Zustands. Man kann ja auch nicht abschätzen, was im nächsten Augenblick passiert. Denn der Zustand einer solchen Rolle entlässt den Schauspieler immer in eine Ungewissheit. Gerade bei solchen Figuren ist es schön, dass man sich trotz all dieser Ungewissheit immer aufs Neue auf die Vorstellung freut.

Wie lange nach derlei intensiven Produktionen trägt man die Emotionen solch einer Rolle noch mit sich mit?
Jede Vorstellung ist ein Abenteuer. Aber je besser das Stück gearbeitet ist, je hermetischer, umso klarer ist auch der Rahmen. Dann ist es auch möglich, die Emotionen nach der Vorstellung nicht mit nach Hause zu nehmen. Bei den Proben allerdings wird man da weniger losgelassen und ist bei Tag und bei Nacht mit Haut und Haaren gefangen.

Sie sind bei Ihrer Rollenwahl immer wieder mit dem Tod konfrontiert. Auch der Jedermann verlässt die Welt. Stellen Sie sich manchmal die Frage, wie Sie selbst die Welt verlassen werden?
Natürlich, gerade im Entstehen, am Anfang einer solchen Arbeit, sozusagen wenn das theo-retische Konzept entsteht. Diese Frage stellt sich natürlich zwanghaft und authentisch – das heißt reflexiv mit sich selber. Aber je länger so eine Arbeit läuft, umso selbstverständlicher wird der Umgang. Gerade beim »Jedermann« hat es sich heuer so verdichtet, dass alle Rollen ihr eigenes Recht wahrnehmen und trotzdem was Bildhaftes ausstrahlen, quasi prototypische Lebensstationen sind. Und deshalb reflektiert man vielleicht nicht mehr so auf den Tod an sich. Die grundsätzliche Frage aber bei solchen Rollen, die sich stellt, ist: Hat man in diesem Zustand eine Erkenntnis, hat man etwas gelernt? Wie verlässt man die Welt? Das sind die Synap­sen zwischen dem Beruf und dem Leben.

Schauspieler, Ehemann, Vater und auch passionierter Landwirt – wie lässt sich das alles in einem Leben vereinen?
Wenn Sie mich so fragen, weiß ich das eigentlich gar nicht so genau, wie und warum es funktioniert. Das Kuriose ist: Es funktioniert dennoch irgendwie immer!

Könnten Sie sich vorstellen, auch woanders zu leben als nur am Land?
Obwohl Wien neben Rom und Neapel meine Lieblingsstadt ist, wollte ich dort dennoch nie wohnen. Das geht für mich nicht. Und als wir damals beschlossen haben, den Hof in Tirol zu übernehmen, war ganz klar, dass das ein Familienprojekt wird, wo jeder seinen Teil tut und manchmal der eine für den anderen einspringt. Sobald ich zu Hause bin, bin ich eben auch Landwirt – ob beim Holzen im Wald oder im Stall. Manchmal geht’s an die Sub­stanz, klar, trotzdem haben wir damals die Entscheidung getroffen und bis heute nicht infrage gestellt.

»Jede Vorstellung ist ein Abenteuer. Aber je besser das Stück gearbeitet ist, je hermetischer, umso klarer ist auch der Rahmen. Dann ist es auch möglich, die Emotionen nach der Vorstellung nicht mit nach Hause zu nehmen.« Tobias Morettiüber die Schauspielerei

Dafür brauchen Sie eine sehr verständnisvolle und starke Ehefrau …
Julia ist gleichermaßen einfühlsam wie im­pulsiv, da kracht’s dann auch schon mal, wenn einer genug hat. Wir sind ja beide Künstler und dementsprechend auch sehr emotional. Mittlerweile ist es aber so, dass sich unsere künstlerischen Berufe mit dem der Landwirtschaft nicht mehr so verhaken oder einander im Weg stehen. Aber ich will’s jetzt gar nicht verschreien, denn es kann auch anders kommen (lacht).

Haben Sie schon einmal überlegt, Ihren Schauspielberuf für die Landwirtschaft einzubremsen?
In der Planung, in der Disposition passiert das immer wieder, aber nicht im Prinzip. Ich glaube, dann stirbt man in Etappen. Das könnte ich nicht. Nächstes Jahr wird es mit großen, neuen Projekten ziemlich dicht. Dann wird das wieder ein Grenzgang meiner organisatorischen Möglichkeiten. Aber nicht Schauspieler zu sein, geht einfach nicht.

Wo finden Sie Ihre persönliche Mitte?
Leider habe ich diese in meinem Leben noch nicht gefunden. Vielleicht ist sie mir einmal passiert. Aber sollte das so gewesen sein, dann muss ich gestehen, dass ich es nicht bemerkt habe. Ich weiß auch gar nicht richtig, was die persönliche Mitte überhaupt sein soll. Geht es um einen esoterischen Momentanzustand, kann ich es mir erklären – aber nicht in einem Gesamtzustand.

Wo würden Sie sich sehen, wenn Sie Ihr Leben vor Augen haben, von der Geburt an bis jetzt, quasi am Fuße eines Achttausenders bis zum Gipfel?
Das weiß ich nicht, denn ich denke über mich nicht sonderlich viel nach. Dazu habe ich zu viel zu tun. Ich bin dankbar, dass ich gesund bin, und ich weiß, dass das ein unglaubliches Gut ist. Ich habe in meinem Beruf Netze, die immer die Reaktionen sind auf die Außenwelt, die dann mit meiner Perspektive verarbeitet oder so, wie ich es verstehe, neu ausgeworfen werden. Das ist ein Vorgang, der meiner Kreativität typisch oder atypisch entspricht. In meinem Beruf und in meinem Sein passiert die Auseinandersetzung mit sich selber in der Auseinan­der­­setzung mit anderen.

Sind Sie eitel?
Jeder ist eitel, anders ist der Mensch nicht vorstellbar. Aber es gibt natürlich viele Schattierungen dieses Begriffs. Der eine ist es intellektuell, der andere ist es an der Oberfläche, der Dritte ist es äußerlich. Der eine hat einen Komplex, der andere wieder keinen. Das ist ein sehr weitläufiger Begriff. Eher bin ich geprägt von einem Überlebenstrieb.

Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit. Der Social-Media-Wahn schwappt über unsere Gesellschaft. Ist das für Sie manch­mal beängstigend?
Das ist es sicher, aber beängstigend ist vor allem die Dummheit der Nichtreflexion dessen, was es wirklich für die Welt bedeutet. Das Einzige, das wirklich beängstigend ist, ist nicht, dass dieser Zustand da ist, denn das Phänomen ist ja auch erstaunlich. Aber umso mehr muss der Mensch lernen, damit umzugehen, was es wirklich bedeutet. Der Automatismus, das Phänotypische, das Äußere, das die Gesellschaft bestimmt, ist natürlich brutal – etwa die Social-Media-Welt, die dem Menschen weiszumachen versucht, dass der Einzelne wichtig ist, nur weil er sich dort einbringt. Sozusagen die Demokratisierung des Nichts oder der Doofheit – jeder hat so das Gefühl, dass er etwas Besonderes darstellen und nach außen präsentieren kann und muss – denn das ist ja ein Zwang –, anstatt dass er das, was er macht, gut macht. Es ist alles so rasend schnell gegangen, es hat uns einfach global überholt, und es gibt kein Zurück. Ich glaube, nicht einmal die Erfinder waren sich dessen bewusst.

Und eine Realität, die es nicht schönzu­reden gilt.
Nein, aber die ständige Unzufriedenheit ist auch schon eine Krankheit. Das liegt natürlich auch an der Nichtreflexion, den Umstand klar zu sehen und darüber nachzudenken.

Wäre das eine Aufgabe für unser Bildungs­system?
Es wäre eine Aufgabe, sich mit der Triviali­sierung der Lebenswelt auseinanderzusetzen. Denn das heißt auch, dass damit ein Werte­system verloren geht und natürlich auch die Qualität dessen, was eine Gesellschaft ausmacht.

Themenwechsel. Wir sind in der MAN’S WORLD. Wie stehen Sie zu Lifestyle und Luxus?
Ich denke, dass ich den Luxus, den ich möchte, nicht kaufen kann. Luxus hat für mich mit allem zu tun, nur nicht mit Konvention. Wenn man mir einen Bentley schenken würde, für den ich nicht einmal Versicherung zahlen müsste, würde ich trotzdem dankend ablehnen, weil ich das nicht möchte. Aber dafür bin ich ein leidenschaftlicher Racer und Motorsportler, zudem liebe ich alte Autos. Ich fahre sie wirklich als Alltagsgefährt – und zwar vom Frühling bis in den Herbst. Man weiß zwar nie, ob ich ankomme, aber sie haben mich bis jetzt noch nie im Stich gelassen. Denn sie haben eine Seele, ich beschäftige mich mit ihnen. Das macht mir Freude. Luxus ist für mich also eher, mir die Zeit für so etwas zu nehmen. Man steigt ein und fährt, egal, ob mit dem Auto oder mit der Gurk’n (Motorrad), es darf auch mal ein Umweg sein. Es hat mit Abenteuer zu tun und mit Poesie. 

Gibt es irgendetwas in Ihrem Leben, das Sie noch unbedingt tun möchten?
Ich hätte wahnsinnig gern noch einmal das italienische Konzert von Bach am Klavier gelernt. Doch dafür fehlt mir irgendwie die Disziplin. Und jetzt möcht ich unbedingt noch Eiernockerl mit Salat und ein Seiterl.

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AKTUELLES MAGAZIN 06/2019