© Anna Niederleitner

Roman Delugan: »Die Chinesen nennen mich Marco Polo«

Das Wiener Büro DMAA Delugan Meissl Associated Architects hat einen großen Planungsschwerpunkt im Reich der Mitte – und baut dort Zoos, Teehäuser und botanische Gärten. Ein Gespräch mit Roman Delugan über Träume, Geschwindigkeit und einen neuen Blickwinkel auf die Welt.

14 . April 2021 - By Wojciech Czaja

LiVING Residences: Fehlen Ihnen die Reisen nach China? 
Roman Delugan: Sehr! Ich vermisse die guten Beziehungen zu meinen Bauherren und die illustren Abendessen, die oft bis spät in die Nacht andauern. 

In einem normalen Nicht-Corona-Jahr gelten Sie bürointern als der chinesische Außenminister von DMAA. Wie oft sind Sie in China? 
Üblicherweise vier- bis sechsmal pro Jahr. Am häufigsten bin ich in Taiyuan. Immer
öfter aber auch in Peking, Shanghai und Guangzhou. Die Chinesen bezeichnen mich mittlerweile als Marco Polo. 

Haben Sie eine Lieblingsstadt? 
Eindeutig Shanghai! Da treffen asiatische und europäische Kulturen unmittelbar aufeinander. Das finde ich sehr faszinierend. 

Zwischen China und Österreich liegen Welten. Wie nehmen Sie das Land wahr? 
Was ich nach nunmehr 20 Reisejahren nach China sagen kann: Ich nehme meine chinesischen Partner als offen, interessiert, aufgeschlossen und extrem neugierig wahr. Der vielleicht größte Unterschied zwischen China und dem Rest der Welt aber ist die Geschwindigkeit. 

Inwiefern? 
Es ist unglaublich, wie schnell Entschei-dungen getroffen werden, und vor allem, wie schnell in China gebaut wird. Ich kenne kein Land, in dem in so kurzer Zeit Hochhäuser, Wohnbauten und öffentliche Ge-bäude errichtet werden! Natürlich geht das mitunter auf Kosten der Bauqualität. Es
gibt in China, wie überall auf der Welt, ein Stadt-Land-Gefälle. Im Osten des Landes – also in Peking, Shanghai und im Pearl-River-Delta – ist die Bauqualität mit den europäischen Standards vergleichbar. Aber im Westen des Landes, in den ländlichen und international wenig erschlossenen Regionen, muss man manchmal schon beide Augen zudrücken, wenn man sich
ein Haus genauer anschaut. 

»Von DMAA kann man lernen, sich bei jedem Projekt mit neuen, zum Teil nie da gewesenen Fragen auseinanderzusetzen.«

Sprechen Sie aus Erfahrung? 
Ja. Die meisten unserer Projekte wurden unseren Erwartungen entsprechend gut umgesetzt. Bei einigen Bauten allerdings – wie dem Panda-Haus oder dem Water Sports Center in Taiyuan – lässt die Ausführungsqualität im Detail zu wünschen übrig. Leider haben wir als Architekten wenig Einfluss auf die Ausführungsplanung und die Baustellenkontrollen.

Ein weiterer Unterschied zwischen China und Europa ist der Maßstab. Wie plant man aus österreichischer Sicht ein Gebäude, das zigmal mehr Menschen aufnehmen muss, als man es gewohnt ist? 
Die Größenunterschiede sind in der Tat gewaltig! Das liegt aber schlicht und einfach an der Bevölkerungsdichte und am damit verbundenen Besucherandrang. Die öffentlichen Parks und Zoos in Shanghai oder Taiyuan haben wochentags rund 10.000 bis 20.000 Besucher pro Tag, am Wochenende und Feiertagen sind 100.000 Besucher täglich keine Seltenheit. Diese Dimensionen muss man echt einmal erlebt haben! 

Eines Ihrer größten Projekte ist das »Shanghai Valley« mit Wohnen, Hotel und Büronutzung. 
Das »Shanghai Valley« ist ein Stadterweiterungsprojekt in der Freihandelszone Fengxian, die die Stadt Shanghai entlasten soll. Der Bürgermeister von Fengxian ist ein sehr architekturaffiner Kenner der Materie und hat uns eingeladen, ein 18 Hektar großes Areal mit unterschiedlichen Nutzungen zu entwickeln. Zum einen soll das »Shanghai Valley« als Hub für internationale Start-ups und Firmen dienen, zum anderen soll hier ein lebendiges Stadtquartier mit Geschäften, Gastronomie, Hotel, Wohnen und kulturellen Einrichtungen entstehen. Nachdem Garten- und Landschaftsarchitektur in der chinesischen Kultur von jeher eine zentrale Rolle spielen, haben wir uns entschieden, das Gelände als künstliche grüne Schlucht zu konzipieren – ganz in Anlehnung an die Tee- und Reisterrassen, die die ostchinesische Landschaft prägen. Ich freue mich sehr über das Projekt, und ich sehe mich schon förmlich durch den grünen Park marschieren, vorbei an Wasserflächen und dichter, üppiger Vegetation. 

Wie weit ist das Projekt? 
Nachdem Fengxian nun nicht mehr Teil von Shanghai ist, wie dies ursprünglich geplant war, sondern verwaltungstechnisch abgekoppelt wurde, gibt es eine leichte Zeitverzögerung. Soviel ich weiß, ist der Spatenstich für Herbst 2021, spätestens Frühjahr 2022 geplant. 

In Europa ist DMAA für eckige, urbane Gebäudeskulpturen bekannt, in China planen Sie grüne Täler sowie Panda-Häuser, Teepavillons, Palmenhäuser und botanische Gärten. Wie kam der grüne Schwerpunkt zustande? 
Das erste chinesische Projekt, das wir realisiert haben, war eine Landschaftsgestaltung. Und so nimmt man uns in China seitdem als Landschaftsarchitekten und Profis für künstliche Naturräume wahr. Ich finde die Zuschreibung sehr lustig, weil man daran merkt, wie unterschiedlich die Wahrnehmung in unterschied­lichen Kulturen sein kann. Die Gestaltung von Natur- und Landschaftsräumen ist eine schöne Aufgabe. Dazu muss man wissen, dass in China bei jedem Park- und Landschaftsprojekt drei Prozent der zur Verfügung stehenden Fläche architektonisch gestaltet und bebaut werden müssen. Ein, wie ich finde, schönes Bekenntnis zur Architektur. 

Die von Ihnen geplanten Projekte erwecken den Eindruck, dass die Teehäuser, Palmenhäuser und botanischen Gärten eine Art urbane Ersatznatur bilden. Stimmt das? 
Definitiv! Die Stadtplanung der letzten 20 Jahre war von Hochhäusern, Betonflächen und Straßenbau getrieben. Heute merken die Chinesen, dass sie einen großen Fehler begangen beziehungsweise einen wichtigen Aspekt von Stadt vernachlässigt haben. Ich denke, die
aktuellen Projekte sind nicht zuletzt eine Art Korrektur an der Vergangenheit. 

Viele namhafte Architekten, die in China bauen, wie etwa Coop Himmelb(l)au,
Herzog & de Meuron oder Zaha Hadid Architects, geraten immer wieder in die
Kritik von westlichen Medien und Kultur­schaffenden. Wie ist es, für ein so vielfach
kritisiertes Regime zu bauen? 

Eine wichtige und schwierige Frage. Ich habe mich schon mit vielen Kollegen und Kolleginnen diesbezüglich ausgetauscht. Ein Kritikpunkt ist die Siedlungspolitik der chinesischen Regierung, die bei uns im Westen auf großes Unverständnis stößt. Dazu muss man aber wissen, dass die restriktiven Reglementierungen eine reine Sicherheits- und Regelungsmaßnahme sind, damit nicht zu viele Menschen auf einmal vom ländlichen Raum in die Großstadt ziehen. Schon jetzt sind die chinesischen Megastädte vielfach überlastet. Und der Ansturm auf große Siedlungsstrukturen ist enorm! Nicht zuletzt gebe ich zu bedenken: Kritik an der Politik eines Gesellschaftssystems ist immer auch eine Ansichtssache. Nicht selten werde ich von chinesischen Partnern und Auftraggebern gefragt: Wie geht ihr in der EU mit Flüchtlingen und Migranten um? Wie könnt ihr bloß so viele Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen? Die Zusammenarbeit in China hat mir neue Perspektiven eröffnet.

Was kann China von Delugan Meissl lernen? 
Von DMAA kann man lernen, sich bei jedem Projekt mit neuen, zum Teil nie da gewesenen Fragen auseinanderzusetzen. Und man weiß, dass man bei DMAA eine maßgeschneiderte Antwort darauf finden wird. 

Im Gegenzug: Was kann Delugan Meissl von China lernen? 
Die Auseinandersetzung mit großen Maßstäben. Und die Freiheit, Visionen umzusetzen. 

Abschlussfrage: Was würden Sie in China gern einmal bauen? 
Unser Traumprojekt könnte sogar bald in Erfüllung gehen! Und zwar ein kleines, exklusives Hotel im Westen des Landes, abseits von Trubel und Tumult, in der Einöde der rauen, unfassbar schönen Natur mit Blick ­auf das Himalaya-Massiv. 

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