© Trevor Tondro/ Otto Archive

Auch wenn die Restaurants ab Mitte Mai wieder geöffnet werden, hat die globale Corona-Krise den sozialen Wohn-Mittelpunkt »Küche« vermehrt aufleben lassen. Worauf es in Zeiten des #socialdistancing und auch zukünftig rund um den Herd ankommt, besprachen wir mit den Einrichtungsexperten Martin Mühlböck und Johannes Artmayr.

02 . Juni 2020 - By Sandra Keplinger

Zurück an den Herd«, hieß es für alle Haushalte, als am Freitag, den 13. März 2020, der Shutdown offiziell verkündet wurde. Mittlerweile haben wir uns an das ständige Zuhausesein gewöhnt und unsere Küche ganz neu kennengelernt – mit allen Mankos, die sie im Praktischen mit sich bringen mag. Das wird sich auch in den nächsten Wochen, wenn die Maßnahmen nun zurückgefahren werden und ab Mitte Mai die Restaurants wieder öffnen, noch nicht so schnell ändern. 

In der Realität haben wir festgestellt, dass es einen Riesenunterschied macht, ob man den Herd ein- bis zweimal pro Woche oder zwei- bis dreimal am Tag anwirft. Repräsentative und dekorative Elemente haben ein wenig ihren Reiz verloren, obwohl sie dennoch das neue »Wohnen in der Küche« erleichtern – denn es ist wohl aufmunternder, täglich auf dekoratives Dekor zu starren, als beim Kochen ganz darauf verzichten zu müssen.

In unseren privaten Küchen wird derzeit so viel gekocht wie noch nie in den letzten Jahren. Dass es dadurch zu einer Rückbesinnung auf Qualität kommt, ist nur logisch.

Johannes Artmayr, Strasser Steine

küchen-Renaissance

In jedem Fall ist es eine Tatsache, dass die eigene Küche durch die Covid-19-Maßnahmen eine Aufwertung in den Köpfen erfahren hat. »Ich denke, dass dadurch viele Menschen erlebt haben, wie wichtig eine robuste, funktionstüchtige Küche ist«, meint Johannes Artmayr, Geschäftsführer von Strasser Steine. »In unseren privaten Küchen wird ja derzeit so viel gekocht wie noch nie in den letzten Jahren.« Dass es dadurch zu einer Rückbesinnung auf Qualität kommt, ist nur logisch. »Wir haben schon lange vor der Corona-Krise einen starken Akzent in Richtung regionaler Materialien gesetzt und bereits Mitte 2019 ein ›Alpenwelt‹-Sortiment an Natursteinen aus der Alpenregion auf den Markt gebracht, das jetzt sukzessive aufgebaut wird.« Auch Martin Mühlböck setzt sich täglich als Raumplaner mit Fokus auf Küchen mit nachhaltigen Ressourcen auseinander: »Die dominanten Themen wie Klima, Ressourcenschonung und jetzt Corona beweisen, dass die Zeit zum Umdenken reif ist. Der Mensch hat sich nach einer gewissen Beruhigung gesehnt. Eine Küche ist vor allem Werkzeug und nicht nur Schönheitsobjekt. Zumindest muss man beides vereinigen können.«

Naturmaterialien wie Holz oder Stein erfüllen beide Bedürfnisse und befriedigen auch eine Vielzahl an Geschmäckern. Außerdem bedienen beide Materialien das durch Corona steigende Bedürfnis nach Hygiene. »Als ökologischer Rohstoff enthält Naturstein keinerlei gesundheitsgefährdende Schadstoffe und ist die ideale Arbeitsplatte für die Zubereitung von Lebensmitteln. Egal ob Sie Teig kneten oder Fisch filetieren – man kann die Natursteinarbeitsplatte einfach und bequem für Vorbereitungsarbeiten nutzen, weil sie keinen Abrieb kennt«, erklärt Artmayr weiter. Im Gegenzug hat Holz auf mikrobiologischer Ebene einige Vorzüge, so Mühlböck: »Keime und Bakterien bleiben auf Kunststoffoberflächen sehr lange aktiv. Ein Holzboden beispielsweise hat von Natur aus die Eigenschaft, Keime und Bakterien abzutöten.« 

Dass Kunststoffplatten außerdem im Abrieb schadhaft für die Umwelt sind, indem sie Mikroplastik abgeben, scheint mittlerweile in den Köpfen der Konsumenten angekommen zu sein. Trotzdem gibt es noch einiges, was in Küchenbau- und -planung optimiert werden muss –
gerade in Bezug auf Ressourcenschonung! Auch das Aufleben des Themas der autarken Versorgung ist durch die momentane Endzeitstimmung wieder im Bewusstsein der Menschen aufgetaucht. Martin Mühlböck beschäftigt sich deswegen mit dem Comeback des holzbefeuerten Ofens: »Es ist absurd, dass wir im Wohnzimmer eine offene Feuerstelle im Glaskamin haben, der aber die Wärme nicht speichern darf, weil er sonst den Thermostat der Fußbodenheizung beeinflusst. Wir sollten wieder sinnvoller mit unserer Energie umgehen. Ziel muss es sein, dass wir mit einem Ofen heizen, kochen und mithilfe des Sichtfensters auch für eine schöne Optik sorgen.«

Zurück zum Wesentlichen

»Ich habe mir einmal den Spaß gemacht und einen ganzen Messetag lang beobachtet, wohin Menschen als Erstes greifen, wenn sie in eine Küche kommen«, erzählt Mühlböck. »Wenig überraschend war immer alles in Augenhöhe, der Mensch ist ja bequem und will sich nicht bücken.« Wie kann man also das Beste – oder besser gesagt Praktikabelste – aus seiner Küche herausholen? »Man sollte sich mit der richtigen Lagerung von Lebensmitteln beschäftigen und mit der logischen Anordnung der Dinge. Die meisten Küchen haben viel zu viel Geschirr. Es geht um kurze Wege – aber eigentlich ist das ein alter Hut, das wissen wir alles schon seit der Frankfurter Küche von 1926. Mühlböck weiters: »Ich glaube, wir müssen ein bisschen gelassener werden und mehr im Kleinen denken. Den Ast im Holz wieder zulassen! Ich werde diesen Weg gehen: mit Holzofen, biologischer Küche, kleinen Kredenzen und mit Design, das einfach, ehrlich, praktisch und schön ist. Bescheidenheit und Respekt werden sehr wichtig, und auch Menschlichkeit. Wenn die Krise vorbei ist, müssen wir auch ein bisschen geduldiger sein.«

Ich glaube, wir müssen ein bisschen gelassener werden und mehr im
Kleinen denken.

Martin Mühlböck, Mühlböck Küche.Raum

LIVING Nr. 03/2020

Erschienen in:

LIVING Nr. 03/2020

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