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Die Office-Architektur erfindet sich gerade neu und legt nach Jahren geistloser Flächenproduktion endlich wieder Wert auf Charakter. Ein Überblick über die aufregendsten Projekte.

27 . August 2018 - By Wojciech Czaja

Auf den ersten Blick wirkt der 60 Meter hohe Science Tower in Graz befremdlich technoid. Und der anfängliche Eindruck trügt keineswegs, denn hinter der nur vier Millimeter (!) dicken, chemisch gehärteten Doppelfassade, die sich wie ein gläsernes Maronistanitzel um den Turm wickelt und an der Spitze mit orange-braunen Glasstreifen in den Himmel ragt, befindet sich in Wirklichkeit nichts anderes als ein kleines Kraftwerk, das in der Lage ist, mittels technisch nachgebildeter Fotosynthese Strom zu produzieren.
Im Gegensatz zu herkömmlichen Fotovol-taikzellen wird bei der sogenannten Grätzelzelle das Sonnenlicht nicht etwa über Silizium oder andere Halbleiter absorbiert, sondern über organische und synthetische Farbstoffe. Die von Michael Grätzel 1992 entwickelte und patentierte Technologie, die mit Chlorophyll, Hibiskusextrakten oder Brombeer-Anthocyanen betrieben wird, hat den Vorteil, dass sie auch bei geringem und indirektem Licht funktioniert.

»Architektur wird in der Zukunft nicht nur Energie verbrauchen, sondern auch selbst produzieren. Der Science Tower in Graz ist das beste Beispiel dafür.« Markus Pernthaler Architekt

Mehrwert Dank Hightech

»Der Science Tower ist mehr als nur ein klassischer Büroturm«, sagt der Architekt und Projektinitiator Markus Pernthaler, der den Supertower, der schon jetzt als Startschuss und Wahrzeichen der neuen Smart City Graz gilt, für das steirische Unternehmen SFL Technologies entwickelte. »Er ist ein Beispiel dafür, wie Architektur in Zukunft nicht nur Energie verbrauchen, sondern auch selbst produzieren kann. Wir haben das Haus mit den neuesten, derzeit am Markt erhältlichen Systemen und Technologien ausgestattet.« In Zukunft, so der Plan, soll der 14-stöckige Turm, der ohne Heizkörper und Klimageräte auskommt und einzig und allein über Geothermie gespeist wird, bei Bedarf ertüchtigt und mit neuen Technologien nachgerüstet werden. 

Der Science Tower in Graz ist das vielleicht radikalste Beispiel für den frischen Wind, der derzeit durch die Immobilienbranche weht. Denn nach Jahren oft uninspirierter und eigenschaftsloser Büroflächenproduktion in ganz Europa – das sich allmählich vereinheit­lichende Bild der Business Towns ist ein eindeutiger Beleg dafür – legt man bei den neuen Büroentwicklungen nicht nur Wert auf schnelle Produktion und ökonomische Effizienz, sondern auch auf Persönlichkeit, Innenraumbehaglichkeit und einen gewissen ökologischen Mindeststandard.

Nie wieder Bürowüste

Und noch eine weitere Qualität hält derzeit Einzug in die Bürobranche: »Einen besonderen Fokus haben wir auf die Freiraumqualität und Funktionsvielfalt des gesamten Gebäudes gelegt«, erklärt Architekt Martin Zechner, Planer des sogenannten NeuBau 3 in der Linzer ­Tabakfabrik. Geplant sind nicht nur Büro­flächen, sondern auch ein Hotel, ein Boarding-House, ein Studentenheim und ein Restaurant im letzten Stock des Turms. Dank dem Mixed-use-Ansatz, der auch auf andere Städte ausstrahlt, dürften die monofunktionalen Bürowüsten endgültig passé sein.

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