Foto beigestellt

Wenn Designer sich mit Umweltschutz und Kreislaufwirtschaft beschäftigen, entstehen aus alten Produkten überraschend neue Formen. Dann wird das Plastik plastisch, dann wird das Ökologische elegant und die Welt durch Wiederverwertung schöner.

26 . September 2019 - By Maik Novotny

Fast neun Millionen. So viele Tonnen Mikroplastik werden jedes Jahr in die Ozeane der Welt gespült. Nicht nur eine enorme Gefahr für Flora und Fauna, sondern auch eine enorme Verschwendung von Material. Was man dagegen tun kann? Eine der Antworten – außer dem Verbot von Plastikstrohhalmen – lautet: Upcycling Design.

Zugegeben: Recycling ist keine neue Idee, aber die Dringlichkeit der Gegenwart hat ganz nach dem Motto »Not macht erfinderisch« eine ganze Reihe an klugen kreativen Köpfen zum Nachdenken angeregt. Die Ideen der Designer zeigen, dass die Ver­wertung gebrauchter Materialien nicht nach traurig-grauer Pappe oder Bastelarbeit aussehen muss. Sie kann auch einfach Spaß machen: Panos Sakkas und Foteini Setaki vom Rotterdamer Design-Duo The New Raw richteten in ihrer griechischen Heimat Thessaloniki das sogenannte Zero Waste Lab ein. In diesem Labor können die Bürger geschredderten Plastikmüll via 3D-Drucker und Roboterarm in neue Formen gießen, die als Möbel den öffentlichen Raum der Stadt bereichern: Bänke, Sessel, Pflanztröge.

Design als Alchemie

Die ersten Prototypen wurden 2018 aus­gedruckt, inzwischen hat das Zero Waste Lab seine Tore geöffnet und bietet auch Informationen für die interessierte Öffentlichkeit. »Plastik hält eigentlich ewig, und trotzdem benutzen wir es meistens nur einmal und werfen es dann weg. Unser Projekt soll einen besseren Weg aufzeigen«, sagen die Designer. Das ehrgeizige Ziel: Vier Tonnen Plastikmüll sollen mittels Circular Economy wiederverwertet werden.

Besonders PET-Flaschen haben es den Designern weltweit angetan, schließlich stellen sie einen erheblichen Anteil am Wegwerf-Plastik. Die mexikanische Designerin Paola Calzada hat daher die Serie Luken Furniture gestartet, die elegante und farbenfroh gefleckte Tische und Sessel aus wiederverwerteten Plastikflaschen formt. Und auch beim schwedischen Möbelgiganten IKEA ist der Trend längst angekommen: 2017 lancierte man die Küche »Kungsbacka«, die ebenfalls aus recycelten PET-Flaschen besteht, auch wenn man ihr das nicht ansieht – die matt schimmernden anthrazitfarbenen Oberflächen würden auch als noble Premium-Linie durchgehen. 25 Minuten dauert es, um eine PET-Flasche zu leeren, die Küche jedoch steht 25 Jahre. Mindestens.

Smartphones zu Geschirr

Hier betätigen sich Designer quasi als Al­chemisten: Sie verwandeln ein Ding in ein komplett anderes Ding. In manchen Fällen schließt sich dabei der Kreis auf so einfache wie geniale Weise: Etwa in der Serie ecoBirdy, die Kinderzimmermöbel zu 100 Prozent aus – genau – nicht mehr gebrauchtem Kinderspielzeug herstellt. So wird der Generationenwechsel elegant gemeistert. »Wir haben herausgefunden, dass in Spielzeug mehr Plastik verwendet wird als in den meisten anderen Konsum­gütern«, erklären die ecoBirdy-Gründer Vanessa Yuan and Joris Vanbriel aus Antwerpen. »Mit unserer Technologie lässt sich altes Spielzeug wiederverwerten, ohne Harz oder Pigmente hinzuzufügen.«

Doch nicht nur Plastik wird plastisch verformt und bekommt eine zweite Chance. Auch Hightech-Produkte sind heute dank immer schnellerer Innovationszyklen früher veraltet und wandern auf den Müll. Dabei bestehen Smartphones und Computer aus hochwertigen und teuren Materialien. Auch hier haben Designer Lösungen gefunden: Andrea Trimarchi und Simone Farresin, die in Amsterdam das Studio Formafantasma führen, haben sich mit dem Label Ore Streams der Wiederverwertung von Elektronikschrott verschrieben. Dafür wird ein Grundgerüst aus Eisen und Aluminium mit Komponenten aus dem Hightech-Bereich kombiniert. Das Ergebnis ist etwas völlig Neues, eine Mischung aus futuristischer Science-Fiction und filmreifen Roboter-Frankensteinfiguren.

Recycling vor Ort

Die Firma Pentatonic wiederum hat unter anderem Geschirr entwickelt, das aus alten Smartphones hergestellt wird, denn diese verwenden schließlich das hochwertigste Glas überhaupt. »Wir glauben nicht an Produkte, die nicht recycelt werden können«, sagt Jaime Hall, Mitgründer von Pentatonic, für das Wiederverwertung kein Hobby ist, sondern das komplette Programm. Weiteres Beispiel: der »Bean Chair«, der für Starbucks ent­wickelt wurde und aus Starbucks-Abfall wie Kaffeebechern und Deckeln besteht.

So geht Circular Economy: Der Abfall wird genau dort, wo er entsteht, neu verwertet. Diese Denkweise steckt auch hinter dem Sessel »S-1500«, den die norwegischen Architekten Snøhetta mit dem Möbelhersteller Nordic Comfort Products entwickelten. Der Stuhl besteht als Plastik und alten Fischernetzen, die von lokalen Fischern stammen – sozusagen Plastik-Ernte vor der Haustür. Der schwedische Nachbar Hampus Penttinen wiederum verwandelt angeschwemmte Fischernetze mit handwerklicher Präzision in Textilien für seinen »Svartskär« Chair. Eine Win-win-Lösung: Die Ozeane werden sauberer, und die Welt wird schöner.

Genuss – das ist zentrales Thema der Falstaff-Magazine. Nun stellen wir das perfekte Surrounding dafür in den Mittelpunkt. Das Ambiente beeinflusst unsere Sinneseindrücke – darum präsentiert Falstaff LIVING Wohnkultur und Immobilien für Genießer!

AKTUELLES MAGAZIN 06/2019