HNP Architects

»Architektur ist Spiegelbild der Gesellschaft und kann nur interdisziplinär in der heutigen Zeit entwickelt werden«, meint Architekt Heinz Neumann. Auch wenn heute alles möglichst schief, schräg und bizarr sein soll, so hängt er dem Gedanken der Proportionen und der Ästhetik nach.

15 . Oktober 2021 - By Walter Senk

Zahlreiche große heimische Architekturprojekte zeigen seine Handschrift, wie das Haus am Schottentor, der Office Park 4 am Flughafen Wien, die ­BahnhofCity Wien West, das »Park Hyatt« im ­Goldenen Quartier oder der UNIQA Tower. Heinz Neumann hat mit seiner Architektur der Stadt einen Stempel aufgedrückt. Sein Beruf ist weiterhin seine Leidenschaft, auch wenn sich die Situation für die Architekten in den letzten Jahren doch erschwert hat, wie Heinz Neumann sagt. Darüber und auch zu anderen aktuellen Themen macht er sich Gedanken.

»Früher waren die Fenster übereinander, die Säulen auch, die Dächer oben und die Fundamente unten. Das haben wir heute nicht mehr in der ausgeprägten Form.«

© HNP Architects

LIVING  Welche sind Ihrer Meinung nach die interessantesten Entwicklungsgebiete in Wien?
Heinz Neumann Aktuell sehe ich großes Entwicklungspotenzial in der Gunoldstraße und im gesamten Areal in der Muthgasse bis zur Grinzinger Straße. Es sind etliche Projekte in Planung und es soll hier ein durchmischtes Gebiet entstehen, so wie es von der Stadtpolitik auch gewünscht ist. Beim Donau Zentrum entstehen einige Hochbauten, und ein ganz wichtiger Punkt der Stadtentwicklung ist der Handelskai. Da passiert im Augenblick sehr vieles und sehr unterschiedliche Projekte – und natürlich die Lände am Donaukanal, wo das TrIIIple entsteht und schon viele Häuser ­typisch flussbegleitend gebaut wurden und werden. Das finde ich sehr interessant.

Worauf sollten Politiker bei der Stadtentwicklung achten?
Stadtentwicklung braucht Zeit, manchmal sehr viel. Man sollte nicht parteipolitische Überlegungen vorziehen, sondern auf die Bevölkerung achten. Und damit zitiere ich mich zum x-ten Mal: Architektur ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, und die ist im Wandel und dem sollte man von politischer Seite her Rechnung tragen.

Wie verändert sich in Ihren Augen die Gesellschaft?
Um es plakativ zu sagen: Schauen Sie sich die Kleidung der Menschen hat. Heute ist eine Frau gut angezogen, wenn sie komplett zerrissene Jeans trägt und keine Stöckelschuhe. Und ­sicherlich hat Covid unsere Gesellschaft auch verändert – und es passieren weiterhin Ereignisse, die unsere Gesellschaft weiter verändern.

Sie haben sehr viele Bürohäuser geplant und man spricht derzeit von der Veränderung der Bürohäuser – wie sehen Sie diese Diskussion?
Es ist immer schwer, so etwas zu prognostizieren. Die Erste Österreich hat in manchen Bereichen probiert, das Clean Desk anzuwenden, und was ist passiert? Die Leute sind um halb acht ins Büro gekommen, weil jeder seinen Schreibtisch haben wollte, den er immer hat. Es kam nicht zu der Fluktuation, die man sich erwartet hatte. Man war der Meinung, dass man 30 Prozent der Arbeitsplätze einsparen könnte, aber das war nicht der Fall. Hier eine Prognose abgeben ist schwer. Aber letztendlich wird das Büro immer die Basis bleiben. Das Großraumbüro wurde irgendwann in den 50er-, 60er-Jahren wiedererfunden. Wenn Sie sich die Zeitungsredaktionen um die Jahrhundertwende ansehen, da gab es Hunderte Leute in einem Büro. Das Großraumbüro kommt und das Großraumbüro geht. Die Art des Büros ist im Grunde eine Frage des ­Managements. Davon hängt es ab, ob wir ­Großraumbüros oder Einzelbüros haben oder Homeworkers heranzüchten.

Wie betrachten Sie heute rückblickend Projekte, die Sie vor 20 oder 30 Jahren kreiert haben?
Manche sehe ich unkritisch und manche sehe ich sehr kritisch. Das hat damit zu tun, dass sich, wie gesagt, die Gesellschaft im Wandel befindet, und daher stimmen bei dem einen oder anderen Projekt einige Parameter nicht mehr so wie zur Zeit der Entstehung. Da muss Hand angelegt und verändert werden.

Vor allem wird in den Gebäuden immer mehr eine Durchmischung gefordert.
Ein sehr wesentlicher Aspekt, da immer mehr Gebäude entstehen, die mehrere Funktionen haben sollen. Heute hängt man dem Gedanken nach, dass man es durchmischt, um unter ­anderem die Entfernung von Arbeitsplatz und Wohnen zu verkürzen. Ein wesentlicher ­Gedanke ist auch noch eingeflossen: dass wir die Gebäude auch umnutzen können. Dass man zum Beispiel zu einem späteren Zeitpunkt aus einem Wohnhaus ein Büro machen kann oder ein Hotel.

Haben Sie heute mehr Freiheiten als früher?
Im Gegenteil, ich habe weniger Freiheiten durch die Flächenwidmung der Behörden. Es wird nicht Höhe, Breite oder Dichte des Gebäudes vorgeschrieben, sondern wesentlich in die Architektur eingegriffen. Mit vorgegebenen städtebaulichen Verträgen, Flächenwidmungen und Bebauungsplänen bleibt dem Architekten nur noch die Arbeit der Polierplanung.
Ein weiterer Aspekt: Heute müssen alle Türen 80 Zentimeter breit sein. Da, wo ich in meiner Jugend gewohnt habe, hatten wir Türen, die waren 60 Zentimeter breit, und wir sind tadellos durchgekommen. Roland Rainer meinte einmal, da die Vorgaben immer enger wurden: »Jetzt höre ich auf, jetzt hat Architektur keinen Sinn mehr.« Kurz und gut: Durch diese ­Beschränkungen werden uns Architekten sehr viele Möglichkeiten genommen. Heute haben wir keine Architektur mehr, sondern nur noch gebaute Bauordnung. Eigentlich sind das ­Kuriositäten, die da entstehen und nur die Bauordnung bestätigen. Architektur entsteht keine mehr.

 

Was müsste geändert werden?
Die Stadtplanung sollte sich auf die wesent­lichen Kriterien der Stadtentwicklung ­beschränken. Die Bauordnung müsste durchgeputzt werden und von allen Spompanadeln und Schnapsideen befreit werden. Wir haben in Österreich anscheinend neun verschiedene Typen von Menschen, weil wir neun verschiedene Bauordnungen haben, die alle etwas anderes beinhalten. Stellen Sie sich das bei den Rechtsanwälten vor: Die Rechtsanwaltskammer beschließt, neun ­verschiedene ABGBs zu installieren. Die Rechtsanwälte müssen neun ABGBs lernen, und in jedem Bundesland wird anders geurteilt. Die Architekten sind eine sehr schlecht vertretene Berufsgruppe und wir lassen uns das alles ­gefallen.

Hat sich bei Ihnen in der beruflichen Laufbahn das Interesse an der Immobilienart verändert? Oder ist für Sie die Architektur unabhängig von Immobilienarten?
Natürlich gibt es Spezialisten, aber dem Ausspruch von Hans Hollein folgend: Alles ist Architektur, man muss sich dem beugen und jeder Aufgabe stellen. Ich entwerfe nicht nur Gebäude, sondern designe unter anderem auch Gegenstände. Ich habe einige ganz kuriose Dinge entwickelt, wie Pillenspender, Vasen, Aschenbecher, aber auch Tische und Sessel. Wobei ich sagen muss, das Schwierigste ist, einen guten Sessel zu kreieren. Nehmen Sie einmal den »Fledermaus«-Stuhl von ­Hoffmann. Salopp formuliert: »A Blada passt da nicht hinein.« Meine beiden ersten Sessel waren nicht wirklich richtungsweisend, aber den »Swing«-Sessel, den gibt es heute noch.

Was würden Sie gerne planen?
Eine Kirche oder ein Museum, das habe ich noch nicht gemacht.

Was ist schwieriger, eine Villa oder ein ­Hochhaus?
Ich glaube, dass die Entwicklung eines Einfamilienhauses, einer Villa für einen Bauherren, der sich mit Architektur auseinandersetzt, manchmal schwieriger ist als ein Hochhaus, deren ich acht oder neun in Wien entwickelt habe. Allerdings ist die Verantwortung bei einem Hochhaus um einiges größer – und natürlich auch die Auswirkungen. Wenn ich in einem Haus ein WC einbaue, das um zehn Zentimeter zu schmal ist, ist das unangenehm. Wenn ich aber in einem Hochhaus in 30 Stockwerken WCs einbaue, die zu schmal sind, ist das weitaus ausschlaggebender. Die Verantwortung ist eine sehr große, und wenn ich nicht wirklich einen guten Grundriss zustande bringe und der Bauherr stellt fest, man hätte mehr Nutzfläche zusammenbringen können, dann spielt’s »Granada«.

Welches Projekt ist Ihnen in Ihrer langen Karriere in Erinnerung geblieben?
Gott sei Dank alle.

Wenn Sie über Ihre bisherige Zeit als Architekt ein Resümee ziehen müssten – wie lautet es?
Meine ehrliche Meinung, Architektur ist Spiegelbild der Gesellschaft, Architektur kann nur interdisziplinär in der heutigen Zeit entwickelt werden. Kreativität ist Grundbedingung des Architektenberufes, denn man sollte die Sehgewohnheiten unserer gebauten Umwelt immer wieder zum Positiven verändern.

Wie diplomatisch muss man als Architekt sein?
Man muss sehr diplomatisch sein. Man muss den Bauherren führen, und das meine ich nicht überheblich. Der Bauherr ist meisten kein Baufachmann, den muss man diplomatisch führen und die Entscheidungen, die man ihm abringt, die muss man vorbereiten.

Welche Trends sehen Sie in der Architektur.
Früher hatten wir Begriffe wie Proportionen und Harmonie. Früher waren die Fenster übereinander, die Säulen auch, die Dächer oben und die Fundamente unten. Das haben wir heute nicht mehr in der ausgeprägten Form, da wir nicht mehr abhängig sind von »Tragen« und »Lasten«. Heute haben wir dekonstruktive Architektur. Es ist eine Melange und alles muss möglichst schief, schräg und bizarr sein. Ich hänge noch immer dem Gedanken der Proportionen und der Ästhetik nach.

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