Foto beigestellt

Ein Nobel-Office in einem aufwendig restaurierten Telegrafenamt. Eine Start-up-Stadt in einer alten Tabakfabrik. Ob Premium-Kunden oder junge Kreativszene, alle schätzen die Atmosphäre im Altbau.

13 . Juni 2019 - By Maik Novotny

Von der Straße aus fallen sie nicht auf, die hohen Fenster im obersten Stockwerk. Nur wenige wissen, dass sich hier Anfang des 20. Jahrhunderts eine Zentrale des Wiener Telegrafenwesens befand. Nein, kein fensterloser Raum voller Drähte und Spulen, sondern ein prachtvoller, hoher Saal mit Glasdecke und Ornamenten. Trotz dieser Opulenz geriet der Raum für längere Zeit in Vergessenheit, bis er von einem Investor wiederentdeckt wurde. »Das Haus war im Dornröschenschlaf, wir haben es wachgeküsst«, erinnert sich Armin Ebner von BEHF Architects, die mit dem Umbau zum Premium-Office betraut waren. »Der Zustand war furchtbar, alles war durchlöchert, die Ornamente hinter abgehängten Decken und Kabelchaos versteckt.«

Drei Jahre dauerte der penible Umbau, heute erstrahlt das Telegraf 7 in neu-altem Glanz: ein Dialog von Historie und Gegenwart, in dem beide das Beste an Schönheit und handwerklichem Können aufbieten. Um der Substanz (und den Denkmalschützern, die mit Argusaugen darüber wachten) nicht zu nahe zu rücken, wurde der Besprechungsraum in einer Glasbox in die Raummitte gestellt. In der Beletage residiert der Investor selbst, die übrigen Räume wurden vermietet.

Gründerzeit-Objekte sind für die Kunden spannend, wenn der vorhandene Altbau-Charme mit State-of-the-Art-Technologie verknüpft wird.

Altbau-Charme

Der Reiz der Kombination aus Alt und Neu ist ungebrochen, was Gewerbeimmobilien betrifft. Wer schmückt sich nicht gerne mit Jugendstil-Details im repräsentativen Stiegenhaus oder mit hohen Stuckdecken? »Die Kombination von Altbau und neuer Infrastruktur erfreut sich ungebremster Nachfrage«, weiß Stefan Wernhart, Geschäftsführer bei EHL Immobilien und zuständig für Gewerbeobjekte. »Gründerzeit-Objekte sind für die Kunden sehr spannend, vor allem, wenn der vorhandene Altbau-Charme mit State-of-the-Art-Technologie verknüpft und auf den heutigen Standard gebracht wird. Im Fokus sind hier immer noch in erster Linie die innerstädtischen Wiener Bezirke, in denen Altbauten ein repräsentatives Erscheinungsbild mit einem attraktiven Eingangsbereich aufweisen.«

Nicht nur Anwälte und Architekten schätzen Gründerzeit-Räume aufgrund ihrer anpassbaren Grundrisse. Heute suchen nahezu alle Branchen solche Objekte, vom Kreativbereich bis zum IT-Unternehmen. »Letztendlich ist die Auswahl eher eine Frage des Preisgefüges. Ein Umbau bedeutet oft ein beträchtliches Investment für den Eigentümer, was sich in entsprechenden Mieten niederschlägt«, erklärt Wernhart.Zwischen die Gründerzeit-Etagen mischen sich heute immer mehr Premium-Objekte, die nach innen und außen eindeutig vermitteln, dass sie etwas Besonderes sind. Etwa das Objekt Fleischmarkt 1 in der Wiener Innenstadt, ein architekturhistorisches Juwel aus dem Jahr 1910 mit Stahlbetonkonstruktion und secessionistischer Fassade – und das an einer fast unübertreffbaren Location.

Geht es noch repräsentativer? Ein bisschen schon. Zurzeit wird die ehemalige Zentrale der Bank Austria am Schottentor aus dem Jahr 1912 umgebaut: Die riesige, fast sakrale Kassenhalle mit ihrem üppigen Marmor wird in Zukunft einen Supermarkt beherbergen, die edlen holzgetäfelten Büros in der Vorstands­etage werden zu Offices.

Doch es muss nicht immer der Edelaltbau mit bauhistorischem Gütesiegel sein. Vor allem junge Start-ups fühlen sich in weniger fürstlichem Ambiente (mit weniger fürstlichen Mieten) wohler. Ihre Coworking-Spaces siedeln sich in ehemaligen Werkstätten und Fabriketagen an, werden zu Lofts oder lässigen Großraumbüros, in denen das Rennrad am Arbeitstisch lehnt und die Couch aus zweiter Hand zwischen Kaffeeküche und Tischfußball steht. Die Schraubenfabrik im 2. Wiener Bezirk war hier 2002 der Pionier, seither sind einige nachgefolgt – und die sind auch nicht an Gründerzeitviertel gebunden. »Auch an dezentralen Orten gibt es eine gute Nachfrage, sofern eine gute ÖPNV-Anbindung und ausreichend lokale Infrastruktur vorhanden sind,« erklärt Stefan Wernhart.

Strasse der Ideen

Was nicht bedeutet, dass es nicht auch Indus­trie-Premiumlagen gäbe. Das riesige Areal der Linzer Tabakfabrik, 1935 von Peter Behrens und Alexander Popp erbaut, wurde 2010 von der Stadt erworben, heute siedeln sich dort, wo früher Zigaretten gerollt wurden, Klein­unternehmen, Künstler und Kulturevents an. Ende 2018 eröffnete im zweiten Stock der knapp 3000 Quadratmeter große Gründer-Campus Strada del Start-up. Eine Produktionshalle wird zur Straße der Ideen. Eine Fa­brik wird zur Stadt. Alt trifft Neu.

LIVING Nr. 02/2019

Erschienen in:

LIVING Nr. 02/2019

Genuss – das ist zentrales Thema der Falstaff-Magazine. Nun stellen wir das perfekte Surrounding dafür in den Mittelpunkt. Das Ambiente beeinflusst unsere Sinneseindrücke – darum präsentiert Falstaff LIVING Wohnkultur und Immobilien für Genießer!

AKTUELLES MAGAZIN 02/2020