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Neutrales Land: Was Farben bewirken können

Gesellschaftspolitische Strömungen geben den Ton beim Wohnen an. Selten zuvor waren Designer und Trendforscher so stark darauf bedacht, dass Farbe beruhigt, ermutigt und uns Menschen zu zufrie­deneren Wesen macht.

23 . März 2017

Arbeiterblau in der Mode, Veganismus und die Kul­tivierung von eigenem Gemüse als Lebensphilosophie und Weiß als Glücksfarbe zum Wohnen. Geht es nach Li Edelkoort, der Hohepriesterin der Trendforschung, bestimmen drei wesentliche Faktoren das Wohngefühl 2017: Das Verlangen nach Frieden, Spiritualität und Integrität katapultiert die neutrale Farbe Weiß an oberste Stelle der Farbskala beim Wohnen. Das passende Lebensgefühl dazu lautet: »Back to the Roots. Emancipate!«, so Edelkoorts Mutmacherparole. Also: »Kehrt zum Elementaren zurück. Befreit euch von gesellschaftlichen und Konsumzwängen.«

Am leichtesten und gleichzeitig sinnvollsten tut man dies, indem man sich der Basics im Leben besinnt. Also Konzentration aufs Wesentliche: Der Welt ein guter Bewohner sein, indem man ihr möglichst wenig Schadstoffe zufügt, ihre Ressourcen bewusst und nachhaltig nützt, eigenes Gemüse anpflanzt, sein Brot daheim bäckt und »Öko« nicht als Label, sondern als Einstellung begreift.

Sitzgelegenheiten »Drop«. www.cappellini.it 

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Ernsthaft ambitionierte Vorhaben verlangen aber nicht nur nach zwei gesunden Händen, sondern nach robuster Kleidung. Somit kommt dem typischen Blauton des »Blaumanns« sowie Denim auf den Laufstegen eine besondere Rolle zu, deren »volles Ausmaß«, so Edelkoort, »noch lange nicht erreicht« sei. Klassische Arbeiterkleidung übe wieder einen stärkeren Einfluss auf die Mode aus.

Was hat dies alles mit dem Wohnen zu tun? Vieles – wenn nicht alles. »Lange war es so, dass die Einrichtungsbranche in Bezug auf Farben der Mode um drei Jahre nachhinkte«, erzählt die britische Farbexpertin Ruth Mottershead, »jetzt braucht sie nur mehr ein paar Monate, bis sie auf gleich ist.«  Gleich den Fashion-Designern orientiere man sich zunehmend am Streetstyle »und an dem, was sich in unserem Umfeld abspielt. Außerdem beobachten wir genau die Entwicklungen in anderen Nationen

Neutrale Töne - die neue Bodenständigkeit

Worin sich 2017 alle finden, sind die bereits erwähnten neutralen Töne. »Sie werden gern starken Farben entgegengesetzt, bringen Ruhe ins Gesamtbild«, erklärt Mottershead, die außerdem Teil der Inhaberfamilie und Marketingchefin des Farb- und Tapeten­unternehmens The Little Greene ist, dessen Geschichte bis ins Jahr 1773 zurückreicht. »Weiß ist der Dauerbrenner in der Wohnwelt«, meint auch sie. »Es ist eine Farbe, bei der man nichts falsch machen kann. Allerdings gibt es einen Trend zu freundlichen Abwandlungen, indem man diesen doch etwas harten Ton mit Pink, Gelb oder Grün abmischt.

Besonders angesagt ist derzeit der Ton ›Magnolia‹, der wie die namensgebende Blume in eine cremefarbene Richtung geht.« Kombiniert werden die sanften Weiß-Nuancen am besten mit »einem etwas dunkleren Grau« – Blau, das Entspanntheit und Harmonie bedeutet und Grün setzen sich ebenfalls sehr stark durch.

Gute Kombination: Sanfte Weiß-Nuancen passen jetzt gut zu Grün und Grau. 

©Jalag / Frühauf-Gollnek, Gardyo

Der Hintergrund dieser Entwicklung entspringt einem normalen Konjunkturwechsel: Nach langen Jahren der Saturiertheit und einer eher auffälligen Interpretation von Luxus sind nun Besonnenheit, Einfachheit und Bodenständigkeit gefragt. Die Farbwelten spiegeln dies wider: Mit ihren Sand-, ­Erd-, Stein und Grüntönen liegen sie so nah an der Natur wie lange nicht mehr – und über allem der Himmel so blau, blau, blau. 

Neutrale Zone: Dezente Töne bringen Ruhe ins Gesamtbild. Wie beispielsweise Beige, Creme, Grau und Braun. www.cattelanitalia.com

© Emanuele Tortora

Herausfordernde, plakative Töne wie Kirsche, Neongelb oder ein intensives Violett-Braun eignen sich vor allem für Menschen mit starken Nerven. Denn sie stehen, so ­Mottershead, »für Unvorhersehbarkeit, Fast-Moving und Unsicherheit, also für gesellschaftspolitische Symptome, die in der westlichen Welt eine große Herausforderung darstellen«.

Beruhigung durch Pantones »Greenery«

Kein Wunder, dass das US-Unternehmen ­Pantone, weltweite Autorität für Farbe und Anbieter von Farbsystemen, »Greenery« zur Farbe 2017 erklärte. Es soll, so die offizielle Aussendung, »Beruhigung in eine tumult-hafte Umgebung« bringen. Gegenüber der »New York Times« nahm sich Leatrice Eiseman, Geschäftsführerin des Pantone Color Institutes, kein Blatt vor den Mund: »Wir ­wissen, in welcher Welt wir leben: in einer, die sehr stressig und sehr angespannt ist. 

Ganz oben in der Farbskala ist Weiß als Konzentration auf das Wesentliche. 

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›Greenery‹ steht für Hoffnung, die Verbindung zur Natur, für Erneuerung, Erfrischung und Wiederaufbau. Jeden Frühling betreten wir einen neuen Kreislauf, und neue Triebe kommen aus dem Boden. Das ist etwas Lebens­bejahendes, auf das wir uns freuen.

Aus dem Living Magazin 01/17

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