© Lucas van der Wee

Nachhaltige Immobilien: Öko kann so sexy sein!

Nachhaltiges Bauen: Nur etwas für Nerds? Keineswegs! Gerade die ökologische Architektur überzeugt heute mit schnittiger Eleganz, tollen Räumen und bestmöglich verarbeiteten Materialien. Denn wer sagt, dass das Wahre und Gute nicht auch schön sein darf?

08 . April 2021 - By Maik Novotny

Woran denken Sie als Erstes, wenn Sie von »Öko-Look« lesen? Vermutlich an Handgestricktes aus korrekt geschorener Alpaka-wolle und Korksandalen. Klar, das gibt es natürlich, aber bei aller Liebe: Dies und nichts anderes als ökologische Modestatements zu bezeichnen, ist ein Klischee aus den 1980er-Jahren. Die Modeindustrie ist längst weiter, was Recycling-Chic betrifft, und umweltschonende Materialien haben mittlerweile auch in der Haute Couture Einzug gehalten.

KEGEL-GEBIRGE

Für die Architektur gilt dasselbe. War das ökologische Bauen in der Anfangszeit des Passivhauses noch vor allem hölzern und grasbedeckt, trat die Nachhaltigkeit bald ihren Siegeszug an und wurde zum Unique Selling Point. Heute wedeln voll verspiegelte Wolkenkratzer mit ihren grünen LEED-Zertifikaten, auch wenn ihr ökologischer Fußabdruck mindestens Größe 46 beträgt.

Hauptstadt dieses glitzernden Etikettenschwindels ist Dubai, doch gerade deswegen ist die ölgesättigte Golfmetropole auch die perfekte Bühne, um bessere Alternativen vorzustellen. Auf der Expo Dubai, corona­bedingt von 2020 auf 2021 verschoben, wird Österreich den globalen Verschwendern deshalb einen ökologischen Zeigefinger entgegenhalten. Genauer gesagt: 38 Zeigefinger. Denn das Wiener Büro querkraft architekten konzipierte den Pavillon als eine Art Gebirge aus 38 spitzen, mit Lehmputz verkleideten Kegeln, die im Raster angeordnet sind wie Figuren auf einem Spielbrett. 

Ihre Form leitet sich aus den im arabisch-persischen Raum traditionellen Windtürmen her, die in heißen Wüstenregionen ganz ohne Strom für Gebäudekühlung sorgen. Hier wurden sie in zeitgemäße Form gebracht ­und verstehen sich als Beitrag zur Klimadebatte, ganz ohne energieverschlingenden Air-Condition-Irrsinn. Klima-Engineering aus Österreich trifft arabische Klima-Tradition. Nach Ende der Ausstellung wandern die Kegel nicht, wie viele Expo-Pavillons, auf den Müll, denn die einzelnen Elemente lassen sich wie Lego-Steine neu zusammensetzen. Dass Nachhaltigkeit zum Kern des Selbstverständnisses gehört, sieht man beim österreichischen Interieur-Hersteller Grüne Erde schon am Namen. Klar, dass für dessen Firmensitz, die Grüne-Erde-Welt in Scharnstein, eine Architektur gesucht wurde, die diesem Credo entspricht. Mit dem Büro Terrain Integral Designs fand sich der ideale Partner, denn das Team um Klaus K. Loenhart hatte schon beim österreichischen Pavillon »breathe.austria« auf der Expo Mailand eine kühl-biologische Raumwelt des Biophilic Design erschaffen. 

Für die »Grüne Erde Breathing Headquarters« planten sie einen lang gezogenen Riegel, der von 13 kleinen Innenhöfen perforiert wird, in denen es wuchert und duftet – diese versorgen die Arbeitsplätze mit Tageslicht und angenehmen Temperaturen. Mit dieser nachwachsenden Klimaanlage ließen sich die Haustechnikkosten halbieren, wie Klaus K. Loenhart erklärt. Aber auch das Baumaterial selbst ist nachhaltig: »Wir haben uns die ­Frage gestellt, wie wir die Radikalität und ökologische Kompromisslosigkeit dieses Unter­nehmens auf den Maßstab der Architektur übertragen können – und haben ­beschlossen, auf erdölbasierte Produkte ­zu 98 Prozent zu verzichten.«

Andere Architekten bauen sich ihre Öko-Prototypen gleich selbst. So wie das erfah­rene holländische Büro cepezed in Delft. ­Die Niederlande haben sich das Ziel gesetzt, die komplette Baubranche bis 2050 in die Kreislaufwirtschaft zu überführen, und die Architekten zeigen jetzt schon, wie es geht. »Building D(emountable)« nennen sie ihren Prototyp, den sie selbst als Bauherren auf eigenem Grundstück realisierten. Seine Ökologie ist so weit entfernt vom Strickpulli-Look, wie es nur geht: elegant, kantig, luftig. Stahl, Holz und Glas. Wie der Name besagt, ist 

das viergeschoßige Gebäude komplett demontierbar. Denn Nachhaltigkeit bedeutet eben auch: keine miteinander verklebten Verbundstoffe, die sich später nie wieder trennen lassen und auf dem Sondermüll landen. Alle Elemente sind hier auf das Wesentliche reduziert, was ihnen eine sehnige, sportliche Kraft verleiht. So sexy kann öko sein!

Von der oberen zur unteren Kurve des Stoffkreislaufs und zu einem Bautyp, den Architekten sonst mit spitzen Fingern angreifen: den eher unglamourösen Bauten für die Abfallwirtschaft. Aber wo, wenn nicht genau hier liegen Potenziale der Nachhaltigkeit? Eben. Das Vorarlberger Brüderpaar Bernhard und Stefan Marte war sich nicht zu fein, das Altstoffsammelzentrum Feldkirch in eine hochwertige Hülle zu kleiden. Ihr Ansatz: »Es sollten keine verhüttelten Konglomerate aus Gebäuden, Sammelplätzen und Verwaltung werden.« Stattdessen bekam das gesamte Grundstück eine große Halle übergestülpt. Schnell waren sich alle einig, dass hier nur Holz in Frage kam, denn für die Stadt Feldkirch war der Bau ein Aushängeschild für ihr Umweltbewusstsein. Das Lärchenholz für die teils beachtlich weit spannenden Träger kam aus dem eigenen Stadtwald. Eine hohe Halle, eine fast sakrale »Recycling-Kathedrale« – ein architektonisches Symbol für die Wertigkeit des Weggeworfenen.

HARMONISCHER DREIKLANG

Zu guter Letzt ein Bautyp, der in diesen Tagen mal wieder viele Prügel einstecken muss: das unökologische, flächenverschwendende Einfamilienhaus. Stimmt zwar, doch auch hier sind Ökologie und Ästhetik keine Fremdwörter, es kommt nur darauf an, wie man es macht – und wo. Baumschlager Eberle sind bekannt dafür, die Nachhaltigkeit in der Einfachheit und Qualität zu verfolgen, und das tun sie auch beim jüngst fertiggestellten Haus Hol-dergasse in Vaduz. Als eine »Trilogie von Eichenholz, unbehandeltem Beton und hellen Putz-varianten« bezeichnen sie es, ein harmonischer Dreiklang in hellem Dur.

Umweltfreundlich ist das Haus durch sei--nen sparsamen Materialeinsatz und seine Fotovoltaikanlage auf dem Dach und vor allem durch die sorgsame Qualität seiner Ausführung. Denn, so die Architekten: »Architektur leistet ihren Beitrag zur Nachhaltigkeit vor allem über die Langlebigkeit des Raumkonzepts und der Materialität.« In der Tat: Es muss nicht immer ein Strickpulli sein. Auch handgenagelte Maß-schuhe sind ökologisch.

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