© Campari Bar

Der Star-Architekt und Designer über die Reduktion auf die Einfachheit, De-Technologisierung und das Bedürfnis nach optischer Ruhe.

09 . Oktober 2019 - By Bernhard Degen

Die Erotik der Farbe Rot muss entsprechend inszeniert werden und darf nicht durch sich verändernde Lichtkultur beeinflusst werden. Matteo Thun spricht über die Farbe von Campari und die neue »Bar Campari«, die er in der Wiener City gestalten durfte. Anlässlich der Eröffnung der Flagship-Bar des italienischen Aperitivo-Klassikers traf Falstaff LIVING den vielseitigen Designer und Architekten. Seine Arbeiten reichen von Löffeln über Tassen, Gläser und Shaker über Uhren und Sanitärmöbel bis hin zu Villen, Hotels, Feriendörfer und Spitäler.

LIVING: Sie haben längere Zeit in Wien gelebt, was dürfen Design-interessierte Menschen hier nicht verpassen?
Matteo Thun: Ich genieße vor allem die Schönheit des Ersten Bezirks und die traumhaften Museen. Gestern war ich erstmals in meinem Leben im Loos-Haus, das war atemberaubend! Es ist toll, wie er sich damals durchgesetzt hat. Ich habe mir auch eine Retrospektive von Friedrich Kiesler angesehen, er ist für ebenso einflussreich wie Adolf Loos, ein Visionär, der nie gebaut hat. Er hat das Infinity-Haus für totale Flexibilität entwickelt. Sein Credo war Form follows Function, Funktion folgt Vision und Vision folgt der Wirklichkeit. Das bringt uns zu Campari: Den Schöpfern ist es gelungen, ein Getränk weltweit zu replizieren.

Trinken Sie selbst gerne Campari?
Ich trinke jeden Abend ein Campari-Soda aus der originalen Flasche von Fortunato Depero. (Anm.: der bekannteste Vertreter des italienischen Futurismus, viele seine Werke werden in der »Bar Campari« ausgestellt). Ich genieße es, die Flasche in der Hand zu halten.

Welche Menschen haben Sie bei der Entwicklung der Philosophie des »Zero Designs« beeinflusst?
Als ich 1978 nach Mailand kam, war Ettore Sottsass mein Lehrmeister. Er postulierte die Stilrichtung des Anti-Designs. Meine erste Arbeit war ein Shaker für Alessi. Im Zuge dieses Auftrags habe ich auch zahlreiche Utensilien entwickelt, die man in einem Hotel braucht: Essig- und Öl-Behälter, einen Weinkühler, eine Eiszange und vieles mehr. Ziel war die Reduktion auf die Ikone und die Einfachheit.

»Etwas einfach zu machen, ist viel schwieriger, als etwas kompliziert zu machen.«

Die Bandbreite Ihrer Arbeit ist eindrucksvoll, von der Kaffeetasse über Sanitärstücke bis zu Hotels. Wieviel Freude hat Ihnen das Design der »Campari Bar« bereitet?
Ich mache nur Dinge, die mir Spaß machen. Dieses Projekt war eine Herzensangelegenheit, die nichts mit Kommerz zu tun hat. Es ist eine alte Liebesgeschichte. Ich habe schon Gläser für Frau Garavoglia (Anm.: aus der Eigentümerfamilie von Campari) entwickelt und mich intensiv mit der Geschichte der Marke auseinandergesetzt. Alle Gläser waren von Frau Garavoglia für die Gratis-Mitnahme konzipiert. Die effizienteste Werbung ist Diebstahl!

Wie muss eine Bar beschaffen sein, damit Sie sich wohlfühlen?
Der Genius Loci verlangt an jedem Ort eine andere Interpretation. Mailand ist ganz anders als Wien. Es kommt auf die Guest-Experience an, die ich für dieses Projekt zusammen mit Peter Friese (Anm: Patron des Schwarzen Kameel und der neuen Bar) und Campari herausgearbeitet habe. In der »Bar Campari« hat es viel mit Höflichkeit zu tun, es geht um den Ritus und nicht um Konsum. Diese Bar ist das exakte Gegenteil einer Bierstube, um das Gegenteil von Alkohol. Ich war zusammen mit Peter Friese mehrfach im »Hawelka«, wo wir versucht haben, die Magie des Ortes zu erforschen. Was am Tag und was in der Dunkelheit passiert, ist etwas komplett anderes. Die Bar Campari soll ein Brückenschlag zwischen Kunst und Ritual sein und im höchsten Maß sozialisieren.

Kann man eine Restaurant-Legende wie das »Schwarze Kameel« am Reißbrett planen
Nein! So etwas muss sich über Generationen wachsen. Es muss auch laufend geplant und weiterentwickelt werden, wer stehen bleibt, verliert. Die Menschen verändern sich.

Welche Trends sehen Sie in der Präsentation von Speisen oder Drinks? Ist es für das Gesamterlebnis wichtig, dass die Atmosphäre interagiert?
Mit zunehmender Digitalisierung wird in Restaurants eine De-Technologisierung stattfinden. Wir haben eben ein Restaurant in Shanghai mit Fine-Dining, Kochschule und Shop umgesetzt, wobei wir sehr auf optische Ruhe geachtet haben. Ich bin kein Freund von sich verändernden Lichtkulturen. Im Zusammenhang mit Campari hat das insbesondere mit der Erotik der Farbe Rot zu tun.

Sie haben rund um den Globus Dutzende Hotelprojekte umgesetzt. Wo machen Sie privat am liebsten Urlaub?
Weit weg von jedem Hotel, das von mir geplant wurde (lacht)! Wir haben eine neue Form von Luxus entwickelt, die kann man gerade in der Ausstellung »Design Therapie« in Mailand erleben. Wir sind auch in der Planung von Spitälern sehr engagiert, wo wir die »Hospitecture«-Philosphie anstreben: Der Patient wird zum Gast und in 20 Jahren soll es keine Patienten mehr geben! Der Begriff »Patient« kommt von Patienta, also Geduld. Künftig soll man aber nicht bloß warten, um gesund zu werden. Wir brauchen Prävention statt Diagnose, wir müssen uns in unserem Körper wohlfühlen. Das geht nur mit guter Ernährung, wir müssen wissen wo unser Essen herkommt, Stichwort: Kilometer Null. Und wir müssen genießen! Campari ist Genuss! Wenn wir alle dem schwedischen Mädchen (Anm.: Greta Thunberg) folgen würden, dann würden wir nur noch mit hängenden Mundwinkeln traurig vor uns hinvegetieren. Wir haben ein historisches Vorbild: Lucullus plädiert für ein Leben als Genuss.

Die Ethik verlangt ein verantwortungsbewusstes Leben, vor allem hinsichtlich endender Ressourcen. Dafür müssen wir Gratis-Energie wie Kreativität künftig noch besser nutzen.

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