© Andreas Jakwerth

In Japan gibt es das Onsen, in der Türkei und im arabischen Raum wird im Hamam gebadet, und auch das österreichische Tröpferlbad kennen einige noch aus der eigenen Kindheit. Doch wie werden wir uns in 100 Jahren duschen und reinigen? EOOS-Designer Harald Gründl, Architektin Marie-Thérèse Harnoncourt von the next ENTERprise, und Geberit-Geschäftsführer Guido Salentinig werfen gemeinsam einen Blick in die Zukunft.

19 . Mai 2021 - By Wojciech Czaja

LIVING: Dusche oder Badewanne? Morgenstund oder Betthupferl? 
Marie-Thérèse Harnoncourt:
Ich dusche jeden Tag in der Früh. Das ist meine tägliche Erfrischung am Morgen. Aber ich bin auch eine Genussbadende. In die Badewanne lege ich mich am Wochenende oder am Ende eines anstrengenden Tages. 
Guido Salentinig: Auch ich bin ein Morgenduscher. Und auch für mich ist die Badewanne ein genussvolles Must-have, vor allem im Winter. 
Harald Gründl: Ich finde Badewannen total überflüssig. Ich dusche täglich am Morgen. Und natürlich nach dem Sport. 

Die Frage, ob Dusche oder Badewanne, beschäftigt die Bauträger und Wohnungs-errichter schon seit Langem. Ist Österreich ein Dusch- oder Badewannenmarkt? 
Gründl: Badewannen nehmen in der Wohnung verhältnismäßig viel Platz ein. Für einen Raum, den man pro Tag eine Viertelstunde lang nutzt, ist das ein entbehrlicher Luxus. Gerade im Bereich kostengünstigen Wohnens muss man auf Badewannen verzichten. Die zwei Quadratmeter kann man woanders besser investieren. 
Harnoncourt: Ich kenne zwar die genauen Zahlen nicht, aber es ist sicher so, dass im Wohnbau mehr und mehr Duschen verbaut werden. Und das ist gut so! Ein Vollbad – das sind gleich einmal 150 Liter Wasser für eine badende Person. Wasser ist ein wertvolles Gut, und damit muss man sparsam umgehen. 

Wie sieht die Situation auf Seiten der Industrie aus? 
Salentinig: Wir sehen, dass sich das Thema Duschen deutlich dynamischer entwickelt als Badewannen. Besonders gut angenommen werden bodenebene Duschen. Die ausschlaggebenden Aspekte sind hier Design, Komfort und Barrierefreiheit. 
Harnoncourt: Sie haben die Barrierefreiheit angesprochen. Das ist ein wesentlicher Punkt. Ich beobachte, dass in bestehenden Wohnungen immer öfter Badewannen zu Duschen umgebaut werden, um älteren Personen den selbstständigen Alltag zu ermöglichen. 
Gründl: Für Duravit haben wir bei EOOS eine Badewanne mit einer öffenbaren Tür entworfen, sodass die Badewanne barrierefrei als Dusche genutzt werden kann.

Das gibt es am Markt aber schon länger! 
Gründl: Das stimmt. Aber die meisten Produkte, die man am Markt findet, sind ästhetisch nicht wirklich ansprechend. Und in der Badewanne zu duschen und dabei jedes Mal über den Rand zu steigen, ist nicht nur unkomfortabel, sondern auch gefährlich. 

Fehlt Ihnen die gute alte Badewanne? 
Gründl: Der Einzug der Badewanne in die Häuser war sicher eine Revolution. Einige zeitgenössische Entwürfe spielen ja wieder mit dem Bild der damals freistehenden Wanne mit sichtbaren Wasserrohren. 
Harnoncourt: Viele Menschen hatten nicht einmal ein Bad, sondern sind einmal pro Woche ins Tröpferlbad gegangen! 

Seit wann wird eigentlich gebadet? Wie weit reicht die Geschichte des privaten und öffentlichen Badens zurück? 
Gründl: In Japan reicht die Kultur Jahrhunderte zurück. Man denke nur an die hölzernen Badewannen in den öffentlichen Onsen-Bädern oder in einem alten Ryokan, wie die traditionellen japanischen Hotels heißen. Man taucht ein in ein heißes Vollbad, überall Holz und Dampf, eine fantastische Stimmung. 
Harnoncourt: Faszinierend finde ich, dass man sich in Japan ja zuerst sitzend und duschend reinigt – und sich dann erst als bereits gereinigte Person in die Badewanne setzt, die dann auch von den anderen Familienmitgliedern genutzt wird. Das ist ein grundlegend anderes Verhältnis von Badekultur und Körperhygiene als bei uns. Auch in den Hamams in der Türkei und im arabischen Raum ist die Reinigung ein wesentlicher Bestandteil der öffentlichen Körperkultur. 

Mission Badewasser. Gehen der Badekultur, den neuesten Trends und dem ressourcenschonenden Umgang mit Wasser auf den Grund: Harald Gründl (l.), Partner bei EOOS, Marie-Thérèse Harnoncourt, Partnerin bei the next ENTERprise, und Guido Salentinig, Geschäftsführer von Geberit Österreich. 

© Andreas Jakwerth

Herr Salentinig, wirken diese orientalischen Einflüsse auch im privaten Badezimmer in irgendeiner Art und Weise hinein? 
Salentinig: Ich denke, dass die exotische Badekultur an fernen Orten, die Sie hier skizziert haben, das Mindset am Markt bis zu einem gewissen Grad mitbeeinflusst. Das Badezimmer wird vermehrt als Wellness-Oase und Wohlfühlort gesehen. Für uns als Geberit aber sehe ich keinen direkten Einfluss. Wir interessieren uns nämlich vor allem für jene Bäder, die Herr und Frau Österreicher 350 oder 360 Tage im Jahr zu Hause nützen. Und da geht es um ganz andere Faktoren – um Größe und gute Raumausnützung, um Komfort bei der Nutzung und Reinigung, um Wärmebehaglichkeit, Lichtgestaltung und sanfte Körperhygiene. 

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen? 
Salentinig: Entscheidend ist erstens die richtige fachmännische Planung und zweitens aufeinander abgestimmte Produkte. Wir haben beispielsweise viele Sanitärkeramiken und Möbel mit einer deutlich verringerten Aus­ladung. Das schafft Platz, macht den Raum größer und eignet sich vor allem für kleine Sanitärräume. 

Was ist die perfekte Badezimmer-Temperatur? 
Salentinig: Für mich 25 Grad Celsius. Da fühle ich mich morgens rundum wohl. 
Harnoncourt: Wir planen in unseren Wohnungen, wo das geht, gerne offene Badezimmer ein und haben die Badewanne auch schon mal ins Wohnzimmer gestellt. Man verzichtet zwar auf die sogenannte perfekte Wohlfühltemperatur, die ja letzten Endes individuell sehr unterschiedlich wahrgenommen wird, und hat dafür aber ein fantastisches Raumerlebnis. Baden im Wohnen.

Herr Gründl, wenn Sie als Designer ein Auge auf die Bäderlandschaften werfen: Wie gefallen Ihnen die Produkte und Designlinien, die man am Markt findet? 
Gründl: Der Markt ist sehr groß und entsprechend heterogen. Natürlich gibt es viele schöne Produkte, aber generell sind mir die Badezimmerdesigns zu modisch und zu kurzlebig. In Hotels sind die Bäder so starken Moden unterworfen, dass sie alle zehn Jahre umgebaut werden müssen, weil sie so schnell wieder altmodisch aussehen. Da würde ich mir eine langlebigere Gestaltung wünschen. Und was mich am meisten stört – das ist das Bad als Statussymbol. 
Salentinig: Das Bad als Statussymbol gibt es natürlich, und es gibt viele ausgefallene Sanitärmöbel am Markt. Aber aus meiner Erfahrung kann ich Ihnen sagen: 80 Prozent aller Bäder sind weder ausgefallen noch exotisch, sondern ganz klassisch, zeitlos, weiß. 
Gründl: In der Werbung sieht man immer die 20 Quadratmeter großen Status-Designerbäder …

Was zeichnet denn ein gutes Bad aus architek­tonischer Sicht aus? 
Harnoncourt: Ein gutes Bad muss für mich funktional, hygienisch, luftig und kommunikativ sein – idealerweise mit natürlicher Belichtung und Weitblick. Außerdem lege ich Wert auf schöne, authentische und vor allem nachhaltige Materialien.

Was sind denn im Bereich Baden die neuesten Entwicklungen am Markt? 
Harnoncourt: Das Bad als Gemeinschaftsraum wird wieder aktuell. In einigen Baugruppen werden die Wohnungen mit Duschen ausgestattet, doch dafür gibt es dann auf dem Dach einen Wellness-Bereich mit Badewanne. Das ist doch eine gute Entwicklung! Denn der ressourcenschonende Umgang mit Wasser ist für die Zukunft unumgänglich! 
Salentinig: In Hinsicht auf die Produkte haben sich am Markt innovative Angebote für bodenebene Duschflächen entwickelt – also nicht gefliest, sondern als fugenloser Bauteil, der in einem Stück verbaut wird, beispielsweise aus Mineralguss. Das hat große Vorteile bei der Reinigung. Es gibt auch viele digitale Lösungen. Ich denke da nur an unser Dusch-WC, das mittlerweile auch per App bedient werden kann. 

In den letzten zehn Jahren hat sich EOOS auch mit Toiletten beschäftigt – vom Forschungsprojekt bis hin zum fix-fertigen Produkt für Laufen. Was können Sie uns über dieses Projekt erzählen? 
Gründl: Das ist ein langjähriges Forschungsprojekt unter dem Titel »Reinvent the Toilet«, das von der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert wird. Tatsache ist: Über vier Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu einer sicheren sanitären Einrichtung. Wir haben uns mit akademischen Forschungspartnern angeschaut, wie wir das globale Sanitärproblem ökologisch lösen können. Im Grunde basiert die von uns entwickelte Toilette auf der Trennung von Feststoffen und Urin. Aufgrund einer speziellen Geometrie der WC-Schüssel ermöglicht die Toilette eine dezentrale Abwasserbehandlung. Gerade im globalen Süden könnten solche transformativen Technologien für Millionen von Familien den Traum einer was

Der Soziale: Harald Gründl

Für Harald Gründl hat Design nicht nur mit Schönheit zu tun, sondern auch mit sozialer Fairness. Für die Bill & Melinda Gates Foundation entwickelte er ein WC-System, das im globalen Süden zum Einsatz kommen soll.

»Natürlich gibt es viele schöne Produkte, aber generell sind mir die Badezimmerdesigns zu modisch und zu kurzlebig. Ich würde mir eine langlebigere Gestaltung wünschen.«
Harald Gründl, Partner bei EOOS

© Andreas Jakwerth

Die Ressourcenschonende: Architektin Marie-Thérèse Harnoncourt

Marie-Thérèse Harnoncourt sieht in der Planung und Konzeption von Bade- und Reinigungsräumen auch einen Auftrag, mit dem wertvollen Gut Wasser sorgsam und ressourcenschonend umzugehen. 

»In Japan reinigt man sich zuerst und setzt sich dann erst als bereits gereinigte Person in die Badewanne. Das ist ein grundlegend anderes Verhältnis von Badekultur und Körperhygiene als bei uns.«
Marie-Thérèse Harnoncourt, Partnerin bei the next ENTERprise

© Andreas Jakwerth

Der Komfortable: Guido Salentinig

Im Baden sieht Guido Salentinig nicht so sehr die exotischen Reiseerlebnisse als vielmehr die Ganzjahresnutzung des Durchschnittsösterreichers. Er plädiert für Komfort und Hygiene im eigenen Badezimmer. 

»Das Badezimmer wird vermehrt als Wellness-Oase und Wohlfühlort gesehen. Zu den wichtigsten Faktoren zählen Größe, Komfort, Hygiene, Lichtgestaltung und Wärme-behaglichkeit.«
Guido Salentinig, Geschäftsführer der Geberit Vertriebs GmbH & Co KG

© Andreas Jakwerth
LIVING Nr. 03/2021

Erschienen in:

LIVING Nr. 03/2021

Für den LIVING Newsletter anmelden

* Mit Stern gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Anrede

Genuss – das ist zentrales Thema der Falstaff-Magazine. Nun stellen wir das perfekte Surrounding dafür in den Mittelpunkt. Das Ambiente beeinflusst unsere Sinneseindrücke – darum präsentiert Falstaff LIVING Wohnkultur und Immobilien für Genießer!

JETZT NEU 06/2021