© Lukas Ilgner

LIVING Salon: Wie plant man alles in einem?

Früher gab es Zimmer, Küche, Kabinett. Aufgrund der steigenden Wohnkosten, aber auch der sich ändernden Wohn- und Lebensstile müssen die heutigen Gebäude und Wohnungen vielfach nutzbar sein. Ein Fachgespräch über den mystischen Begriff der Multifunktionalität.

29 . Januar 2018 - By Wojciech Czaja

LIVING: Herr Peugeot, Ihr Büro heißt Walking Chair. Was können wir uns denn unter einem herumspazierenden Stuhl vorstellen?
Fidel Peugeot: Der Walking Chair ist kein richtiger Stuhl, sondern eher ein Kunstobjekt und ein Appell, ein Statement, um das konstruktive Zusammenleben zwischen Mensch und Möbel zu fördern. Wir leben alle mit Tieren und pflegen zu ihnen eine sehr innige, persönliche Beziehung. Mein Büropartner Karl Emilio Pircher und ich setzen uns schon seit vielen Jahren dafür ein, auch zu unseren Einrichtungs-gegenständen, die uns ja hautnah umgeben, eine Beziehung aufzubauen. Ein Stuhl kann eben nicht nur ein Stuhl sein, sondern auch ein guter Freund. 

Wie sind die Reaktionen der Menschen? 
Peugeot:  Der Name und der gehende Stuhl rufen bei den Menschen immer wieder ein Lächeln und ein Lachen hervor. Mit dem Lachen öffnet sich das Herz, und alles ist möglich. 

In den Medien tauchen die Begriffe Flexibilität und Multifunktionalität immer öfter auf. Woher kommt das Bestreben, unsere Möbel, Räume, Wohnungen und Häuser mit so vielen unterschiedlichen Nutzungen auszustatten? 
Peter Ulm: Wir leben in einer dramatisch schneller werdenden Halbwertszeit von Objekten. Früher hat man ein Wohn- oder Bürohaus für hundert Jahre errichtet. Heute ändern sich die Anforderungen an Lage, Größe und Ausstattung im Zehn-Jahres-Rhythmus. Das bedingt, dass die Häuser, die wir heute bauen, viel mehr können müssen als früher. Ein Bürogebäude muss mit wenig Aufwand zum Wohnhaus umgebaut werden können, ein Wohnhaus zum Hotel, ein Hotel zum Wohngebäude. Das heißt, wir müssen Häuser heute so planen, dass sie für mehrere Arten von Nutzung passend sind. 
Anne Catherine Fleith:Wichtig ist auch die Nutzungsflexibilität in der eigenen Wohnung. Wohnen wird immer teurer, demzufolge werden die Wohnungen immer kleiner, und das wiederum bedeutet, dass die wenigen Quadratmeter, auf denen wir heute leben, viel mehr Funktionen abdecken müssen als früher.

Können Sie ein Beispiel dafür nennen? 
Ulm: Früher hatte man Zimmer, Küche, Kabinett. Jedes Zimmer hatte eine ganz bestimmte Funktion. Heute jedoch deckt ein Raum mehrere Funktionen gleichzeitig ab. Ich beispielsweise verbringe die meiste Zeit in der Küche. Die Küche ist bei uns zu Hause eben nicht nur Küche, sondern auch Wohnküche, in der wir kochen, essen, wohnen, reden und Zeit mit Freunden verbringen. Ich kenne aber auch Wohnungen, wo im Wohnzimmer plötzlich das Bett von der Decke herunterkommt oder aus einem Regal herausgezogen wird. Ganz generell geht es darum, auf wenigen Quadratmetern möglichst viel Wohngefühl zu erzeugen, ohne sich dabei in den Funktionen einzuschränken. 

Anne Catherine Fleith: »Beim Thema Flexibilität denkt man meist horizontal. Es geht aber auch um eine vertikale Flexibilität. Dieser Aspekt kommt beim heutigen Wohnen zu kurz.«

© Lukas Ilgner

Peugeot: Die Asiaten sind Profis darin. Da kann man sich noch viel abschauen. Eine 25-Quadratmeter-Wohnung in Hongkong reicht mitunter für eine ganze Familie. Das ist eine Frage der Kultur, der Gewohnheit, der Planungsintelligenz …
Ulm: … und vor allem der Kosten. 

Wie kriegt man als Architektin eine derartige Flexibilität in den Griff? 
Fleith: Beispielsweise durch Raumhöhe. Bei Flexibilität denkt man meist horizontal, aber es geht auch um eine vertikale Flexibilität. Eine 25-Quadratmeter-Wohnung mit 2,50 Meter Raumhöhe ist was ganz anderes wie eine 25-Quadratmeter-Wohnung mit vier oder fünf Meter Raumhöhe, wo man in die dritte Dimension ausweichen kann und – statt mit der Fläche – wirklich mit dem gesamten Raum arbeitet. Meiner Meinung nach kommt dieser Aspekt im heutigen Wohnen viel zu kurz. 
Peugeot:Für einen Architekten, Innenraumgestalter und Designer tut sich hier ein Paradies auf. Das Bett, das von der Decke heruntergelassen wird, ist da nur der Anfang. Mit der dritten Dimension tun sich wirklich spannende Dinge auf. Ich träume von einem Wohnhaus, in dem die Grenzen zwischen Boden, Wand und Decke verschwimmen und in dem man auch in der Höhe wohnen kann. Le Corbusier hat das in seinen Unité d’Habitation in Marseille beispielhaft vorgeführt. Da sind die niedrigen Räume 2,26 Meter und die hohen Wohnzimmer fast fünf Meter hoch. Da lässt sich schon was tun! 

Das klingt gut. Die Realität schaut jedoch anders aus. Die meisten Wohnungen sind exakt 2,50 Meter hoch und keinen Zentimeter höher. Herr Ulm, was sagt der Projektentwickler dazu? 
Ulm: Ja, da kann ich Ihnen leider nur recht geben. Die meisten Wohnungsentwickler und Wohnbauträger bauen niedrige Räume – mit dem Argument, dass niedrige Räume billiger in der Errichtung sind als hohe Räume. Leider ist das ein sehr kurzfristiges Denken. 

Peter Ulm: »Früher hatte man Zimmer, Küche, Kabinett. Heute deckt ein Raum mehrere . Funktionen gleichzeitig ab.«

© Lukas Ilgner

Wie geht die 6B47 mit Raumhöhe um?
Ulm:Wir bemühen uns immer wieder, erhöhte Raumhöhen anzubieten. Aber ich gestehe, mit vier oder fünf Metern haben wir bislang noch kein Projekt realisiert. Wir leben in einer Welt der Bauklassen und effizienten Flächenausnutzungen. 

Frau Fleith, am ehemaligen Gaswerk-Areal in Neu-Leopoldau planen Sie gerade ein Wohnhaus mit einem besonderen Nutzungsangebot in den Vorzimmern. Können Sie das
Projekt kurz umreißen? 
Fleith:Für den Bauträger Schwarzatal planen wir 65 geförderte Wohnungen, die zum Stiegenhaus hin raumhoch verglast sind. Sämtliche Wohneinheiten werden über eine Glastür mit anschließendem Fenster er­schlossen. Dieses verglaste Vorzimmer ist eine Art Schaufenster, in dem sich die Bewohner privat und beruflich präsentieren können. Das kann ein Hobbyraum, ein Weinkeller, eine Bibliothek, ein kleines Mini-Friseurstudio oder einfach nur ein Raum für die Modelleisenbahn sein. Es geht um Selbstverwirklichung an dieser Schnittstelle zwischen privatem und halb­öffentlichem Raum. 

Eine schöne Idee. Doch was tun Sie, damit die Bewohner sich dann nicht vom Stiegenhaus abschotten? 
Fleith:Dieses Projekt ist ein Experiment. Es richtet sich an junge Menschen und Fami­lien, die bereit sind, etwas auszuprobieren. Aber klar ist: Wir können nur Angebote schaffen. Was die Leute dann daraus machen, ob sie offen wohnen oder lieber den Vorhang zuziehen oder die Jalousie herunterlassen, können wir nicht beeinflussen. Für mich wird es bereits ein Erfolg sein, wenn einige wenige Menschen dieses Angebot annehmen. 

Herr Peugeot, Herr Ulm, was würden Sie persönlich mit so einem Bonusraum anfangen?Peugeot: Ich würde in diesem Schaufenster mein Musikstudio aufbauen. 
Ulm:Bei mir wäre das ein Sport- und Fitnessraum. 

Sie würden in der Auslage wirklich sporteln? 
Ulm:Natürlich! In jedem Fitnesscenter schaut einem jemand beim Training zu. Das würde mich überhaupt nicht stören. 

Multifunktionalität ist ein wichtiges Thema im Design. Sie haben schon einige spannende Projekte dazu entworfen. Wird die Nutzungsvielfalt im Alltag denn auch wirklich genutzt? 
Peugeot:Ja und nein. Und in den meisten Fällen können wir das gar nicht so genau sagen, weil wir von unseren Kunden dahingehend nur wenig Feedback bekommen. Eines meiner Lieblingsprojekte zu diesem Thema ist ein PET-Flaschen-Container für Vöslauer. Wir haben diesen Container so gestaltet, dass man ihn zugleich als Hocker oder als Barelement nutzen kann. Einmal für Zuhause, einmal eher für den Bürobereich sowie für Events und ­Veranstaltungen. Der Container ist weiß, der Deckel gelb – also in der typischen Farbe für Recycling-Kunststoff. Gerade in kleinen Wohnungen machen solche Möbel, die mehrere Funktionen abdecken, Sinn. 

Fidel Peugeot: »Multifunktionalität ist immer auch eine Multiästhetik. Das ist das Reizvolle daran.«

Fidel Peugeot: »Multifunktionalität ist immer auch eine Multiästhetik. Das ist das Reizvolle daran.«

© Lukas Ilgner

Derzeit arbeitet die 6B47 an der Revitalisierung des Philips-Hauses am Wienerberg. Wo früher gearbeitet wurde, entstehen nun 135 Vorsorgewohnungen. 
Ulm:Das Philips-Bürogebäude wurde 1964 nach Plänen von Karl Schwanzer errichtet und ist eine der aufregendsten Stahlbeton-Konstruktionen dieser Zeit. Heute steht das Haus unter Denkmalschutz und lässt daher nur entsprechend behutsame Umbauten zu. Nun entstehen dort möblierte Wohnungen für Expats sowie für kurzfristige, wochen- und monatsweise Wohnnutzung. Wir haben das Projekt gemeinsam mit der Sans Souci Group entwickelt. 

Die Büroarchitektur der Sechzigerjahre hat ganz spezifische Standards. Wie geht man damit um? 
Ulm:Wir haben uns das Objekt genau angeschaut und uns überlegt, für welche Zwecke es sich eignen würde. Große Wohnungen kommen nicht infrage, weil der Grundriss erstens nur eine heute immer noch. Aber ich warne davor, das alles zu romantisieren und zu verklären. Denn wir vergessen allzu gerne, dass darin sehr viele Menschen gewohnt haben und dass die Wohnungen nahezu unbeheizbar waren. Meistens ist man damals ins Kaffeehaus gegangen, um sich dort am Ofen zu erwärmen.  
Fleith: Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Die Gründerzeitbauten sind in ihrer Struktur heute vielfältig und multifunktional nutzbar. Damals waren sie es nicht. 

Abschlussrunde: Von welcher Multifunktionalität träumen Sie? 
Peugeot:Natur und Liebe.
Fleith:Arbeiten und Werkstatt. 
Ulm:Hobby und Beruf. 

Und wo werden wir auf Multifunktionalität in Zukunft garantiert verzichten? 
Alle unisono: Auf der Toilette. 

Die Living-Salon-Gesprächspartner

Anne Catherine Fleithstudierte Architektur in Straßburg und Delft und ist Partnerin des 2002 gegründeten Architekturbüros feld72 mit Sitz in Wien. feld72 ist im Bereich Wohn-, Büro- und Bildungsbau tätig, entwickelt Projekte an der Schnittstelle zu Kunst im öffentlichen Raum und wurde für seine innovativen Ansätze bereits vielfach ausgezeichnet. feld72.at

Fidel Peugeotist Grafik- und Schriftdesigner. Er arbeitete in renommierten Werbeagenturen im In- und Ausland, ehe er 2003 in Wien gemeinsam mit seinem Partner Karl Emilio Pircher das Designstudio Walking Chair gründete. Seine Entwürfe verbinden Kunst, Design und Architektur in zumeist polyfunktionalen Objekten. walking-chair.com

Peter Ulmist Jurist und Betriebswirt im Bereich Immobilienwirtschaft. Seit 2011 ist er Vorstands-vorsitzender der 6B47 Real Estate Investors AG, die sich in Österreich, Deutschland und Polen auf außergewöhnliche, multifunktionale Projekt- und Stadtteilentwicklungen spezialisiert hat.6B47.com

Genuss – das ist zentrales Thema der Falstaff-Magazine. Nun stellen wir das perfekte Surrounding dafür in den Mittelpunkt. Das Ambiente beeinflusst unsere Sinneseindrücke – darum präsentiert Falstaff LIVING Wohnkultur und Immobilien für Genießer!

AKTUELLES MAGAZIN 05/2019