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Nach richtiggehenden Größenexzessen, gepaart mit martialischem Design, folgte eine Kehrtwende zurück zu gefälligen und schönen Armbanduhren.

19 . November 2017 - By Alexander Linz

Man sagt: »Size matters!« Das mag für Vieles zutreffen, doch ob man unserer geliebten Armbanduhr jüngst damit einen Gefallen getan hat, das bezweifeln wir. Die wieder in die Kollektion aufgenommene, 46 mm große Fliegeruhr der IWC Schaffhausen ebnete vor gut 20 Jahren den Weg für zunehmende Durchmesser bei Armbanduhren. Die Großen eroberten die begehrten Plätze an den Handgelenken im Fluge. Das Paradoxe: Da waren viel zu viele kleine, zierliche Handgelenke dabei. Die Kommunikation der IWC suggerierte uns, es sei nun das Ultimative – nomen est omen –, eine »Große Fliegeruhr« oder »Big Pilot’s Watch« zu tragen. Die Botschaft kam an, und so mutierte eine 1940er-Jahre-Armbanduhr für Piloten zum angesagten Lifestyle-Objekt. Die neue Größe von 46 mm musste und muss ein Handgelenk aber erst einmal vertragen. Unsere Handgelenke? Na ja. Die von Arnold Schwarzenegger, Silvester Stallone vielleicht.

Die »Octo Finissimo Auto-matic« ist die weltweit flachste Automatikuhr! Das Titan-gehäuse, mit hauseigenem Uhrwerk, kann mit einem Volltitan- oder grauen -Lederband kombiniert werden. Von: Bulgari

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Der »Chronomaster Heritage 146« aus dem Hause Zenith ist eine -Replik auf einen Klassiker der 1960er-Jahre. Einst war sie mit Handaufzug, heute tickt darin das Zenith-Uhrwerk »El Primero 4069«.

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Neue Sachlichkeit

Die erste nachhaltige Gegenbewegung läutete die Finanzkrise 2008/2009 ein. Die Armbanduhr wurde plötzlich wieder als ein Objekt angesehen, von dem man primär die Zeit abliest. Materialien wie Stahl, Weißgold und Platin sollten je nach Geldbörse zudem die gebotene Zurückhaltung signalisieren. In Sachen Größe waren 40 mm ein wieder gut verträgliches Maß. Da zuvor, in Bezug auf ihre Bauhöhe, flache Armband­uhren jahrelang gar nicht angesagt waren, mangelte es jedoch an ebensolchen Uhrwerken. Es sollte rund fünf Jahre dauern, bis ein entsprechendes Angebot an flachen und extraflachen Uhrwerken verfügbar war. Gerade die Entwicklung und Fertigung eines solchen Uhrwerks gilt als besondere Herausforderung für Konstrukteure und Uhrmacher. Alle Komponenten müssen x-fach miniaturisiert werden und dennoch mit den gleichen Eigenschaften aufwarten wie zuvor.

Zum 25. Geburtstag der »Master« inspirierte sich Jaeger-LeCoultre im hauseigenen Museum und schuf mit der »Master Control Date« eine Datumsvariante im Stahlgehäuse dieser Kultuhr.

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Da hatten es die Designer um einiges leichter, denn um einer Uhr ein gutes, schnörkelloses Aussehen zu verpassen, braucht es nur den entsprechenden Willen. Und selbst wenn man völlig planlos wäre und nicht wüsste, wie das gehen sollte, wäre das kein Problem. Ein Blick in die Archive hilft. Da findet man schnell entsprechend gute Designs. Früher lag ja das Augenmerk primär auf guter Ablesbarkeit und hoher Funktionalität. Viel von dem, was wir heute wieder zu sehen bekommen und als schön empfinden, gab es demnach schon einmal. Viele Hersteller orientieren sich wieder am guten und sachlichen Design von anno dazumal, nur bauen sie heute einfach qualitativ die besseren Gehäuse und Uhrwerke. Probleme mit der Staubempfindlichkeit oder Wasserdichtigkeit gibt es naturgemäß keine mehr, stoßempfindlich und/oder zartbesaitet sind moderne Uhrwerke zudem auch nicht. 

Die Qual der Wahl

Das Angebot heute ist riesig, man findet (s)eine elegante oder sportlich-elegante Armbanduhr. Die Durchmesser haben sich zwischen 38 und 40, maximal 42 mm eingependelt. Bei der Bauhöhe orientieren sich die Designer am Durchmesser des Gehäuses, so dass das Ganze perfekt harmoniert und am Handgelenk eine gute Figur macht. Besonders erfreulich aus unserer Sicht ist die jetzt wieder übliche korrekte ­Gestaltung der Ziffernblätter. Da stimmen die Zeigerlängen – der Minutenzeiger erreicht die Minuterie – und deren Proportion zu­einander wieder, und es werden klar lesbare Typografien verwendet.

Rado hat die mattschwarze »Ceramica Konstantin Grcic« aus Hightech-Keramik auf 700 + 1 Stück limitiert. 700 werden verkauft, ein Exemplar bleibt beim Designer.

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Man muss es einfach einmal klar zu Papier bringen: Es gibt wieder richtig schöne Armbanduhren. Fast alle namhaften Hersteller bieten wieder kleinere und flachere Modelle an. Selbst dezente und besonders schöne Chronografen finden sich wieder, wie unser Beispiel des Zenith »Chronomaster Heritage 146« zeigt. Jean-Claude Biver, der Chef der Uhrendivision von LVMH, zu dem auch die Marke Zenith gehört, bringt es auf den Punkt wenn er formuliert: »Wir müssen wieder Uhren bauen, die der Größe unserer Handgelenke entsprechen, die durch ihr gelungenes Design auffallen und nicht unbedingt durch ihren Durchmesser.« 
Das war es also noch lange nicht. Die Hersteller haben noch reichlich Nachschub. Es gibt einen klaren Trend zu verfeinertem Design und wieder anständigen Größen. Insbesondere trägt man zu eleganter Garderobe keine martialischen Wecker mehr. Dass die Manschetten oder Umschlagmanschetten des Hemdes wegen der Größe der Uhr offen bleiben müssen war gestern. 

Alexander Linz

Der renommierte Uhrenfachjournalist und Autor schreibt in LIVING über aktuelle Zeitgeistströmungen auf dem Uhrensektor.

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LIVING Nr. 04/2017

Erschienen in:

LIVING Nr. 04/2017

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