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Wohnlichkeit ist der neueste Trend im Büro­design. Parallel dazu zieht das Home-Office in unsere Wohnungen ein. Woran erkennen wir den »Arbeitsplatz« der Zukunft?

16 . November 2018 - By Dr. Wolfgang Pauser

Den »Tod des Schreibtischs« hat der »Guardian« schon im Jahr 2014 verkündet: Im neuen BBC-Gebäude wurde die Zahl der Arbeitsplätze für die 5600 Mitarbeiter auf 3500 reduziert. Dabei ging es nicht ums Sparen beim Möbelkauf. Wer ins Büro kam und keinen freien Schreibtisch fand, sollte »mobilisiert« werden, zwecks »positive crowding and sharing« durch den Campus zu wandern. Den gleichen Zweck verfolgt auch Norman Fosters Apple-Gebäude. Längere Arbeitszeiten erfordern Abwechslung nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in deren Umgebung. Will man die Belegschaft motivieren, ihr Leben möglichst zur Gänze im Büro zu verbringen, ist man gut beraten, dieses möglichst lebendig und wohnlich zu gestalten. Ging es früher darum, die Strecke vom Lift zum Schreibtisch zu verkürzen, führt im Pixar-Headquarter jeder Weg durch das Atrium. Man hofft, dass mehr Begegnungen Anstöße zu mehr Zusammenarbeit geben.

»Heute ist der Begriff Arbeitszimmer primär ein Stichwort für steuerrechtliche Querelen und Spitzfindigkeiten.«

Dr. Wolfgang Pauser war in den 1990er-Jahren Kolumnist für DIE ZEIT. Seitdem analysiert er Produkte aus kulturwissenschaftlicher Perspektive im Auftrag von Unternehmen und Agenturen.

Dr. Wolfgang Pauser war in den 1990er-Jahren Kolumnist für DIE ZEIT. Seitdem analysiert er Produkte aus kulturwissenschaftlicher Perspektive im Auftrag von Unternehmen und Agenturen.

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Dem Trend zum Wandern kommt auch das neue Kapsch-Büro entgegen, dessen Besprechungsräume als Birkenwäldchen, Nordsee-Strandkörbe, kanadische Holzfällerhütte, Wiener Heurigenstüberl und New Yorker Loft gestaltet sind. Dahinter stecken die auf trendi­ge Erlebnisbüros spezialisierten Designer von Wideshot. Den Gipfel arbeitsamer Wohnlichkeiten haben sie mit einem Besprechungsraum erklommen, der ­wie eine Zeitkapsel den Stil der 1940er-Jahre reanimiert. Düster ornamentierte Streifentapeten, Perserteppiche, dunkelbraune Kunstledersofas und ein schwerer Kristallaschenbecher (dessen Benutzung selbstverständlich verboten ist) entführen die Mit­arbeiter in eine Zeit, in der ein Zuhause noch ein richtiges Zuhause war – lange bevor das Home-Office erfunden wurde.

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts waren Arbeitszimmer Adeligen, Großbürgern, Unternehmern und Selbstständigen vorbehalten. In den Villen und Herrschaftswohnungen des 19. Jahrhunderts fanden sich Schreibtische auch im »Herrenzimmer«. Hier wurden männ­liche Gäste empfangen, hierher zogen sich nach einem Essen ­die Männer zurück, um beim Konsum von Alkohol und Tabak Themen der Politik und Wirtschaft zu besprechen, von denen Frauen ausgeschlossen bleiben sollten. Diese Rauchsalons waren in dunklen Farben eingerichtet, damit der Qualm keine Spuren hinterließ. In allen anderen Wohnräumen herrschte Rauchverbot – eine Regel, die während der letzten Jahrzehnte zuerst in Büros etabliert wurde, bevor ­sie in immer mehr Wohnungen Einzug hielt. Das häusliche Herrenzimmer des 19. Jahr­hunderts war der Vorläufer des Raucherraums in den Büros des 21. Jahrhunderts – wenn auch deutlich unterschieden im Grad der Ge­mütlichkeit. 

Heute ist der Begriff Arbeitszimmer primär ein Stichwort für steuerrechtliche Querelen und Spitzfindigkeiten. Definitions­gemäß ist es nicht mehr den Selbstständigen zwecks Berufsausübung vorbehalten. Neu ist, dass auch die Arbeitnehmer es »für Zwecke der Heim- und Telearbeit« nutzen und von der Steuer absetzen können. Die von Note­book, Internet und Cloud angestoßene Revolution der Ar­beitswelt ist damit nicht nur ­in ­der Rechtsordnung angekom­men. Sie verändert auch unseren Wohn- und Lebensstil, unseren Arbeits- und Zeitbegriff – und nicht zuletzt unser Verständnis für den Unterschied zwischen Fremd­bestimmung und Selbst­verwirklichung. 

»Das Home-Office erspart nicht nur dem Arbeitgeber ein Bürohaus, es leistet auch gute Dienste für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.«

Das Home-Office erspart nicht nur dem Arbeitgeber ein großes Bürohaus, es leistet auch gute Dienste für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zumindest für Menschen mit hoher Begabung zur Selbstdisziplin. Seine bekanntesten Schattenseiten sind Ver­einsamung, Selbstausbeutung, verdeckte Mehrarbeit und die Gefahr von Arbeitssucht. Die Auflösung der Grenze zwischen Beruf und Privatleben, Arbeit ­und Freizeit verspricht im Geist der Selbstverwirklichung und »intrinsischen Motivation« eine Totalisierung der Freiheit und Freizeit, endet aber nicht selten ­in einer Totalisierung der Arbeit.

Dagegen behilft sich, wer genug verdient, mit der Einrichtung eines eigenen Arbeitszimmers. Dieses soll nicht nur die zur Konzentra­tion nötige Ruhe sichern, sondern auch einen symbolischen Unterschied markieren. Der in der Re­alität von Auflösung bedrohte Gegensatz zwischen Arbeit und Freizeit wird mittels Design ein wenig gerettet. Das Home-Office sieht nicht wie ein weiteres Wohnzimmer aus. Seine Möblierung soll doch ein wenig Arbeits­atmosphä­re verbreiten. Büromöbel helfen, daheim für die Arbeit in Stimmung zu kommen. Ein richtiges Arbeitszimmer muss, um ein solches zu sein, etwas kälter, sachlicher, funk­tionaler und rationaler ein­- gerichtet sein als das auf Gemütlichkeit und Entspannung zielende Wohnzimmer. Es muss so tun, als wäre es ein Büro. 

Für diese doch ein wenig para­doxe Situation gibt es mittlerweile eigene Designlösungen: Spezial­möbel für das Arbeiten daheim. Büromöbel mit einigermaßen wohnlicher Anmutung, Zwischenwesen des Fleißes und der Ge­mütlichkeit. Die Schreibtische sind etwas kleiner, ihre Tisch­platten bestehen aus Hölzern entsprechend den neuesten Wohn­trends, ihre Beine sind zierlich, geometrisiert und hoch­­- glänzend. Als Bürostühle und Schreibtischlampen stehen De­signkunstwerke zur Verfügung, die in der Firma nicht einmal ­dem Chef zustehen. Denn im Büro sind offenkundig teure Möbel immer auch Darstellungsformen der Hierarchie, ihrer Dosierung oder auch Verdeckung. Im Home-Office kann sich jeder hemmungslos als sein eigener Chef insze­nieren. Hier und nur hier ist der individuelle Geschmack die höchste Instanz der Entscheidung. 

Während sich daheim Büromöbel, die auch wie solche aussehen, ungebrochener Beliebtheit erfreuen, verlieren sie in den Büros an Boden. Sucht man zum Stichwort »New Work« nach Bildern, sieht man junge Werk­tätige, die in einen orangefarbenen Sitzsack ver­sunken ins Notebook tip­pen und ihre Papiere auf einem Stapel alter Paletten oder Holzkisten aus­breiten, wenn sie nicht gerade an der Bar oder in der mit zer­schlissenen Oma-Sofas möblierten Lounge eine Besprechung oder sagen wir besser ein Team-Meeting abhalten. Seit Coworking-Spaces auch von Firmen wie IBM als Ersatz für eigene Büroräume genutzt wer­den, klettert deren jugendlich-informelle Flohmarkt-Ästhetik die Karriereleiter hoch. Wer selbst kein Berliner Kreativ-Start-up ist, kann sein Büro zumindest so einrichten. Soweit man funktionsbedingt ohne Schreibtisch nicht auskommt, werden Architektentische und grobe Holztische bevorzugt. Wichtig ist nur, dass die Büro­möbel keinesfalls wie ebensolche aussehen. Dann fehlte ihnen jegliche Macht, den Arbeits­charakter des lustigen Beisammenseins zu dementieren und den traditionellen Unterschied zwischen Beruf und Privatleben ein­zu­ebnen. An die Stelle der Stechuhr ist das Handy getreten. Dieses bricht die Arbeit nicht ab, sondern begleitet einen nach Hause, um dort die Frei­zeit jederzeit unterbrechen zu können. 

Mit Notebook und Handy gerüstet kann man jederzeit und an jedem Ort der Welt arbeiten, im Wald so gut wie am Segelboot. Damit hat nicht nur das Büro, sondern auch der Arbeitsraum seine Funktion verloren. Wohnen muss sich nicht länger als Gegenpol zur Arbeit ins­zenieren. Eine Zu­kunft hat der traditionelle Arbeitsplatz nur noch als Design-Zitat für die Ich-AG. Diese ist die einzige AG ohne Aktienbesitz, dafür mit einem Büro so groß wie der Planet.

LIVING Nr. 04/2018

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LIVING Nr. 04/2018

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