© Udo Titz

Junge Buam, reife Weine: »trinkreif« ist Spezialist für gefreite Weine

Aus privater Sammelleidenschaft entstanden, agiert der Weinhandel »trinkreif« seit fünf Jahren mit Kellerfunden privater Weinliebhaber: Markus Inzinger und Clemens Riedl über ihre Liebe zum gereiften Wein.

29 . Januar 2021 - By Roland Graf

Regie hat der Autogott geführt. Besser gesagt, lernten sich Markus Inzinger und Clemens Riedl 2015 im Rahmen des Start-ups »Autogott.at« kennen. Der Vertragsabschluss dazu wurde damals in Riedls Weinkeller im dritten Bezirk gefeiert, wo die beiden Oberösterreicher noch
eine Gemeinsamkeit in ihrem Leben feststellten: Sie hatten viel Wein gebunkert. »Der Unterschied war nur, dass Markus immer auch den Wieder-verkauf angedacht hatte, während ich nur für mich gesammelt hatte«, erinnert sich Clemens Riedl an den schicksalhaften Abend. Denn für Inzingers Liste mit potenziell verfügbaren, reifen Weinen aus aller Welt fielen dem bestens ver-netzten Riedl spontan einige Weinfreaks im Bekannten-kreis ein: »Nach acht Monaten hatten wir plötzlich Wein um 100.000 Euro verkauft.« 

Nicht zuletzt aufgrund dieses raschen Erfolgs ist die »trinkreif Premium Vintage Wine HandelsgmbH« ein Unternehmen mit fünf Mitarbeitern geworden, in dessen klimatisierten Keller heute 12.000 Flaschen lagern. Die Listen gibt es aber fünf Jahre später immer noch. Vom aktuellen Bestand und Neuzugängen im Keller mit den reifen Weinen erfahren Kunden per Newsletter. »Uns war der inklusive Zugang immer wichtig«, erläutert Riedl, »auch weil wir Quereinsteiger sind. Unsere Weine sollen auch getrunken werden«. Insofern finden sich im Portfolio keineswegs nur die »Blue Chips« der Weinszene, für die ein weltweiter Markt (inklusive Preisindex, wie man ihn von der Börse kennt) existiert. Das flexible System hat den Vorteil, dass auch Einzelflaschen an- und verkauft werden. Deren Preis liegt im Durchschnitt bei 85 Euro.

Kellerschätze und Überschätztes

Nachschub an Weinen in trinkreifem Zustand zu bekommen, sei in Österreich übrigens kein Problem, meinen die beiden Profis unisono. Verkauft werde nämlich meist nicht aus Geldnot, sondern aufgrund unvorhergesehener Ereignisse: Der persönliche Weingeschmack ändert sich, die Erben eines Kellers trinken manchmal keinen Alkohol und natürlich sind da Umzüge in kleinere Wohnungen, nicht selten nach Scheidungen. Erlebnisse wie in der berühmten Szene aus Nick Hornbys »High Fidelity«, als eine perfekte Vinylsammlung von der verlassenen Ehefrau verramscht wird, sind im Weinbusiness selten. »Aber auch wir erleben Überraschungen«, so Markus Inzinger – und zwar in beide Richtungen: Mehrere Jahrgänge des unbezahlbar gewordenen »La Tâche« der Domaine de la Romanée-Conti (DRC) lagerten in perfektem Zustand bei einem Besitzer, »der das bewusst als Wertanlage gesammelt hatte; der teuerste Wein, den er selber je getrunken hatte, kostete aber 25 Euro«. War dieser Keller mehrere 100.000 Euro wert, bestand der Schatz einer Witwe, den der angeblich kundige Gatte zusammengetragen hatte, »aus keiner einzigen Flasche, die verwertbar und noch trinkbar war: Alles über 30 Jahre alt und um damals gerade zehn Schilling angekauft«.

Spannender sei die Nachfrageseite, denn im Gegensatz zu anderen am Sekundärmarkt aktiven Weinhändlern sind professionelle Kunden bei »trinkreif« in der Minderzahl: 40 Prozent der Weine gehen an private Abnehmer, nur 30 Prozent in die Gastronomie. Denn schön langsam steigt auch in Österreich der Anteil jener Genießer, die einen perfekt gereiften Wein zu schätzen wissen. Selbst die übliche männliche Dominanz (»die über einen Abend auch nerven kann«) bei Verkostungen hat man mit der Reihe »trinkreif bittet zu Tisch« in den Griff bekommen. Bei diesen »partnertauglichen« Abenden in heimischen Toprestaurants – vom Arlberg bis nach Wien – dominieren Pärchenreservierungen, so Riedl.

Die Provenienz der Zeitkapseln

»Die Fans reifer Weine werden immer mehr, auch wenn der Nachwuchs unter den Millennials dünn ist«, resümiert der 42-jährige Inzinger die Erfahrung aus fünf Jahren Handel. Das sei aber auch eine Budgetfrage, weshalb man bewusst Hemmschwellen abbaut. Bei »Schmerzbefreit trinken« etwa werden 16 Flaschen direkt im Keller geöffnet, damit sich niemand über seinen eigenen »korkenden« Wein ärgern muss. Dieses Risiko trägt in der Regel der Verkäufer, womit Vertrauen in die Qualität einer Flasche eine wesentliche Rolle spielt: »Das ist wie am Kunstmarkt, wo es ebenfalls um die Provenienz und die Geschichte der Werke geht.« Dementsprechend wird jede neu erworbene Flasche dokumentiert, wobei für den Genuss auch fleckige oder eingerissene Labels kein Hindernis sind: »Wichtig ist uns, dass die Weine auch getrunken werden.«

Ein perfekt gereifter Wein sei auch ein Gegenmodell zur »Fast Lane«-Mentalität des Digitalzeitalters, die schon beim morgendlichen »Coffee to go« beginne, räsoniert Clemens Riedl über einem Glas Riesling. Oder, schon etwas philosophischer formuliert: »Wir verkaufen auch jene Zeit, die sich der Kunde nicht nehmen will oder kann«. 

Wie trinkt man reif?

Tipps zu Belüften und Temperatur:

Wann öffne ich einen reifen Wein? Soll er in eine Karaffe? Diese essenziellen Fragen für Weinsammler beantwortet Clemens Riedl pragmatisch: »Kosten Sie erst einmal!« Wenn die Balance des Weins bereits da ist, brauche es nicht mehr Luft. 

»Weißweine zwischen sieben und fünfzehn Jahren öffnen wir zwei bis drei Stunden vorher und entscheiden dann, ob wir sie in eine schmale Weißweinkaraffe oder in einen Dekanter umfüllen. Je kühler das Jahr, umso länger brauchen die Weine meistens.« Bei sehr alten Weinen hingegen sei beim Belüften Vorsicht geboten: Das Risiko besteht, dass der Wein durch den Sauerstoff »kippt«. Hier empfiehlt es sich meist, den Wein kurz vor dem Genuss zu öffnen und ihn bis zum Ausschank wieder verkorkt aufzubewahren. 

»Für ältere Rotweine empfehlen wir schmale Karaffen (»Weißweindekanter«). Braucht der Wein mehr Luft, dann für bis zu zwei Stunden ab in einen großen Dekanter! Nach dieser Zeit kann man den Wein wieder zurück in die ausgewaschene Originalflasche leeren. Braucht der Wein immer noch Luft, dann sollte man ihn rechtzeitig vor der Verkostung erneut in den großen Dekanter geben!«

Aber: »Für wesentlicher als Belüften halte ich die Temperatur des Weins.« Denn Weißweine würden oft zu kalt, Rotweine tendenziell zu warm getrunken. Ist der Wein zu kalt, hebt das vor allem Säure und Tannine (Bitterstoffe) hervor, zu warm wirken Weine rasch überladen und eher alkoholisch. Die Empfehlungen Riedls lauten daher:

11–14 Grad: Prädikatsweine (Süßweine)
12–14 Grad: gereifte Jahrgangschampagner und Weißweine, aber auch leichte, elegante Rotweine (z. B. Pinot Noir)
14–17 Grad: kräftige Rotweine mit mehr
Körper und Tannin

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