© Markus Jans

Konstantin Grcic machte strenge Industrieformen wohnlich. Der Designer, dem gerade die Filmdoku »Design Is Work« gewidmet wurde, gilt als besonnener Star in der Branche. Grund genug, den kreativen Münchner unter die Lupe zu nehmen.

07 . November 2017 - By Uwe Killing

Der Designer bei der Arbeit. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht danach aussieht: Er verharrt in einer nachdenklichen Pose, die Arme verschränkt am Körper. Und er hört konzentriert zu, was der Mann neben ihm zu sagen hat. Eugenio Perazza,  Impresario der italienischen Firma Magis, ist nicht zufrieden: »Was unterscheidet diesen Bistrotisch von vielen anderen? Ich sehe es noch nicht.« Konstantin Grcic nickt. 

Es ist ein Moment, der normalerweise zu den bestgehüteten Geheimnissen im Schaffensprozess zählt: Ein Auftraggeber ermahnt seinen Designer, kritisiert ihn offen. Doch Konstantin Grcic ließ es zu, dass der Filmemacher Gereon Wetzel dieses Gespräch am Firmensitz von Magis im norditalienischen Torre di Mosto aufnehmen durfte. »Ich schätze eine derart intensive Zusammenarbeit wie mit Eugenio Perazza. Er ist einer, der mich herausfordert. Da gibt es viel Dialog, aber auch Reibung«, sagt der Münchner Designer, der zu den stillen Stars der Branche zählt. Für die Dokumentation »Design Is Work« ließ sich der 52-jährige Deutsche mit serbischen Wurzeln über die Schultern schauen – im Atelier, auf Reisen, bei Gesprächen.

Individuell funktionell: Der Stuhl »Chair One« (2003), das bekannteste Objekt von Konstantin Grcic, als Ausstellungsstudie. 

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Reibung schafft Resultate

Der kreative Reibungsprozess mit Magis-­Patriarch Eugenio Perazza ist eine wesentliche Konstante in der Arbeit von Konstantin Grcic. Der »Chair One«, sein 2003 für Magis entworfener Stuhl, gilt schließlich als sein Meisterstück und kann als Blaupause seines Designverständnisses dienen. Aus Aluminium, das gewöhnlich für Gestelle verwendet wird, schuf er eine dreidimensionale Sitzfläche mit verspieltem, luftigem Gittermuster. 

»Es war ein langwieriger Prozess von zwei Jahren«, sagt Grcic, »geprägt von den Versuchen, einen Stuhl zu konstruieren, der ausschließlich aus Konstruktion besteht.« Dabei Kompromisse in Bezug auf Funktionalität einzugehen, hält er für wichtig, betont aber gleichzeitig: »Perazza gewährte mir den Freiraum, den ich brauche. Hätte die Firma nur an die Verkaufbarkeit gedacht, hätte ich den ›Chair One‹ nie vollenden können.« 

Form und Farbe: Einfach komplex: Holzbank aus der Kollektion »Clerici«, die Grcic für das Label Mattiazzi entworfen hat.  

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Konstantin Grcic, ausgebildeter Möbelschreiner, ist jemand, der sich mit seinem Material akribisch auseinandersetzt: Er erfasst das Gusseisen oder das Holzstück immer wieder mit seinen Fingern, betrachtet es aus verschiedenen Blickwinkeln, kombiniert es mit anderen Dingen, bis es eine neue Wirkung entfalten kann. Er sagt klar: »Ich mache keine Interiors. Ich designe Produkte.« Und er liebt den Prozess zwischen den Polen Direktheit und Verspieltheit: »Es ist jedes Mal ein Abenteuer, nicht genau zu wissen, was dabei herauskommt.« 

Als Grcic im vergangenen Jahr Design­objekte und Entwürfe für eine Ausstellung in der Münchner Pinakothek zusammenstellte, bewies er beim Plakat-Slogan »The Good, The Bad, The Ugly« die sanfte Eigenironie, die auch im Gespräch mit ihm aufblitzt. Es war der Titel eines Italowestern-Klassikers von Sergio Leone. Angewandt auf seine Arbeiten bedeutet dies, dass Grcic ihnen den heiligen Ernst nehmen möchte. »Die Objekte sollen nicht erhöht werden. Sie bleiben Gebrauchsgegenstände, die im Raum eines Museums allenfalls anders betrachtet werden können.«  

Gelebtes Understatement

Auch wenn der Münchner jeden künstlerischen Habitus gerne untergräbt, ist der Reiz, beide Welten, Kunst und Design, zu durchkreuzen, immer präsent bei ihm gewesen: »Meine Mutter besaß eine Galerie, und meine Schwester und ich durften sie bei Atelierbesuchen begleiten. Das hat mir imponiert.« Nach dem Abitur spielte er mit dem Gedanken, sich an der Kunstakademie zu bewerben, entschied sich aber dafür, nach London zu gehen, wo er nach seiner Schreinerausbildung am Royal College of Art Design studierte. »Es war die richtige Entscheidung. Über das Handwerk habe ich meine Leidenschaft für Design entdeckt.« Seine ältere Schwester Tamara ist heute eine renommierte Foto- und Installationskünstlerin.

Entscheidend für seinen Weg war die Entdeckung von Achille Castiglioni, der italienischen Industriedesign-Legende: »Meine Schwester lebte damals in Wien, wo eine Castiglioni-Schau gezeigt wurde. Ich kannte ihn nicht, aber Tamara schickte mir den Katalog nach London.« Der junge Grcic war begeistert davon, wie Castiglioni  alltägliche Formen wie einen Traktorsitz oder einen Autoscheinwerfer verwendete  – und aus ihnen seine überraschenden Objekte schuf. Heute darf Konstantin Grcic in einem Atemzug mit seinem Vorbild genannt werden. »Meine Arbeit ist im Kern ernst«, sagt er, »aber so beinhaltet das immer auch ein Spielen und den Reiz des Zufalls.«

Konstantin Grcic

»Meine Produkte sind ein bisschen widerspenstig.« Der Designer Konstantin Grcic ist ein Jahr lang  vom Filmemacher Gereon Wetzel begleitet worden. »Design Is Work« läuft ab 28. September auf Sky Arts HD und beim Streaming-Dienst Vimeo.

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1965 in München geboren, arbeitete nach seinem Designstudium in -London zunächst als Assistent des englischen Industriedesigners Jasper Morrison. Nachdem er sich 1991 mit seinem eigenen Münchner Studio selbstständig gemacht hatte, profilierte er sich mit Möbelentwürfen für Marken wie Cassina, Magis oder Vitra. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen (u. a. den höchsten italienischen Design-Preis »Compasso d’Oro«), seine Leuchte »Mayday« wurde in die Sammlung des New Yorker MoMA aufgenommen.

LIVING Nr. 04/2017

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