© Markus Jans

Iconomy: Design-Icons unter 100 mit Konstantin Grcic

Dem deutschen Designer Konstantin Grcic ging mit seiner »May Day« Ende der 1990er-Jahre ein Licht auf. Die Lampe ist der Inbegriff unaufdringlicher Multifunktionalität, die auch über 20 Jahre nach ihrer Premiere perfekt ins Heute passt.

23 . Februar 2021 - By Manfred Gram

Multifunktionalität ist eines der Schlagworte des Jahres. Oder anders: Momentan ist es so, dass Alltagsgegenstände immer ein bisschen mehr können sollten. Das spiegelt sich letztlich auch in den Designs wider. »Form follows function« ist gut. »Form follows multifunction« ist besser. 

Ein meisterliches Beispiel, wie unter Einsatz geringster Mittel ein Höchstmaß an Multifunktionalität geschaffen werden kann, lieferte der deutsche Design-Star Konstantin Grcic Ende der 1990er-Jahre mit seiner Lampe »May Day«. Wo immer Licht gebraucht wird, die Lampe liefert es. Dafür sorgen ein fünf Meter langes Kabel und ein Haken am Ende des Griffs, mit dem das gute Teil überall aufgehängt werden kann. Abgesehen von dieser mobilen Einsatzmöglichkeit als Werkzeug für Lichtnotfälle aller Art überzeugt die »May Day« vor allem durch ihre Vielfältigkeit in der weiteren Anwendung. Sie fungiert – je nach Bedarf – als Wand-, Decken-, Boden- oder Tischleuchte. Grcic selbst verwendet, so heißt es zumindest, zwei dieser Lampen bei sich zu Hause. Eine befindet sich neben dem Bett, die andere bei der Eingangstür – für alle Fälle. 

»May Day«

Erste Hilfe: Die Lampe »May Day« ist preisgekrönt, zählt zum Ikonen-Kanon und ist jederzeit und (nahezu) überall einsatzbereit.

Flos May Day

»May Day« von Flos

Jahr: 1999
Design: Konstantin Grcic
Hersteller: Flos
Preis: ab 84 Euro

© Flos May Day

Es gilt allgemein als gutes Zeichen, wenn der Designer seine eigene Kreation so super findet, dass er sie auch selbst nutzt. Aber was wurde da überhaupt entworfen? Was macht den Clou dieser Lampe aus, die mit dem begehrten italienischen Indus­trie­designpreis Compasso d’Oro ausgezeichnet wurde und die sich auch im New Yorker MoMA wiederfindet? 

Es ist die selbstverständliche Leichtigkeit, mit der Grcic etwas aus der Arbeitswelt nimmt und in die Interieur-Welt transferiert. Denn die »May Day« mit ihrem kegelförmigen Diffusor und dem praktischen Haken verleugnet nicht ihre Herkunft aus der Welt der Autowerkstätten, Fließbänder und Baustellen, wo Dinge zuallererst einmal robust und praktisch sein müssen. Ganz im Gegenteil: Mit der »May Day« wurde völlig unsentimental und kitschfrei etwas Archetypisches aus dem Blue-Collar-Kosmos entlehnt und gerade mal so weit modifiziert, dass es, ohne für gröbere Irritationen zu sorgen, in jedem Zimmer leuchten kann. Der Wesenskern der Inspirationsquelle und Vorlage bleibt davon aber unberührt. Resultat ist ein unaufdringlicher Designklassiker, der ebenso unpräten­tiös wie elegant auf seinen flexiblen, multifunktionalen
Einsatz wartet. 

Gesehen bei:
leuchtenland.com
connox.at

Konstantin Grcic

Markus Jans

Der Münchner Konstantin Grcic startete seine Design-Karriere mit einer Ausbildung zum Möbeltischler am Parnham College in England. Danach ging es zum Design-Studium an das
Royal College of Art in London. Bevor er sich selbständig machte, arbeitete er als Designer im Studio von Jasper Morrison. Seit den 1990er-Jahren zählt Grcic aber selbst zu den gefragtesten und wichtigsten Designern der Gegenwart. Seine Entwürfe werden regelmäßig mit Preisen ausgezeichnet oder landen in Museen. Das freut letztlich auch Auftraggeber wie Driade, Flos, Iittala oder Magis, für die der 55-Jährige regelmäßig Ikonisches entwirft. Grcics kreativer Output überzeugt in erster Linie durch Einfachheit und gewitzte Reduktion aufs Wesentliche, bringt vor allem aber auch immer Funktionalität mit. 

© Markus Jans
LIVING Nr. 01/2021

Erschienen in:

LIVING Nr. 01/2021

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