© Greg Cox, Production: Sven Alberding/Bureaux

Atemberaubende Ausblicke: eine strahlend weiße Ferien­residenz in der unberührten Berg- und Buschlandschaft Südafrikas, inszeniert im Zusammenspiel von moderner Architektur und einer unvergleichlichen Umgebung.

14 . Mai 2019 - By Graham Wood

Ist man gerade erst angekommen, dann ist das Aufregendste am lang gestreckten weißen Ferienhaus unweit der Plettenberg Bay noch unsichtbar. Mehr noch: Die spektakuläre Aussicht, die sich von diesem hoch in den Bergen gelegenen Ort bietet, bleibt erst ganz absichtlich verborgen. Überquert man schließlich die große Wiese, auf der sich das Gras im Wind wiegt, erkennt man, dass das Haus als eine Art Schild fungiert. Architekt Christiaan van Aswegen spricht von einer »sich entfaltenden Raumfolge« und von »architektonischem Tantra«: eine sorgfältig inszenierte, schrittweise Intensivierung des Erlebnisses. Von der Wiese kommend passiert man einen Swimmingpool und steigt ein paar Stufen zu einem Sonnendeck hinab. »Dann verschwindet die Umgebung praktisch und man ist von den weißen Mauern des Hauses umgeben«, erklärt van Aswegen.

»Das Gelände fällt über 300 Meter tief ab. Man blickt hinunter auf Höhlen und Vögel. Und manchmal wacht man auf und befindet sich über der Wolkendecke.«Julian Treger Investorund Hausherr

Das reduzierte Ambiente bildet die ideale Bühne für große Klassiker der Interior-Geschichte. Hier zu sehen: Stühle von Pierre Jeanneret, ein Couchtisch von Willy Rizzo und Armsessel, die Jeffrey Bernett für B&B Italia entworfen hat.

© Greg Cox, Production: Sven Alberding/Bureaux

»Der Raum wirkt verdichtet und geschlossen. Erst wenn man das Haus betritt, erhält man einen ersten flüchtigen Blick auf die Aussicht – auf dem Weg zur ersten Terrasse weitet sich der Blick dann mehr und mehr und raubt dem Betrachter schließlich den Atem.«

Auch der Hausherr selbst, Julian Treger, ein in Südafrika geborener britischer Investor und Kunstsammler, gerät ins Schwärmen: »Das Gelände fällt über 300 Meter tief ab. Man blickt hinunter auf Höhlen und Vögel. Und manchmal wacht man auf und befindet sich über der Wolkendecke.« Weit und breit ist kein anderes Gebäude in Sicht; die endlose, zerklüftete Landschaft, von regionstypischer Buschvegetation bedeckt, verliert sich in der Ferne in den Tsitsikamma-Bergen. Nur ein unfertiges, jahrelang ungenutztes Gebäude befand sich auf dem Grundstück, als  es Treger van Aswegen zum ersten Mal zeigte. Er beschreibt es als eine Art »quadratisches, minimalistisches 1970er-Case-Study-Haus«. »Alles war überwachsen und verwildert«, ergänzt van Aswegen. Doch angesichts der Lage des Hauses war es für Treger »nur logisch, darauf aufzubauen«.

Im Einklang mit der Umgebung

Van Aswegen begann mit der Planung: »Statt die dem Ort bereits eingeschriebene Sprache zu bekämpfen, wollten wir ihre Vorzüge unterstreichen. Ausgehend von der Front des bestehenden Baukörpers legten wir ein Rechteck über das gesamte Haus und arbeiteten uns dann zum Steilhang zurück. Das Rechteck wurde dann in eine Reihe von Innenhöfen aufgebrochen.«
Das bewundernswert zurückgenommene Ankunftsszenario ist zugleich der Punkt, an dem das Haus die stärkste Eigenwirkung entfaltet – ansonsten scheint es fast zu verschwinden oder dient höchstens als neutraler Hintergrund, der sich der Aussicht unterordnet. Das bestätigt auch van Aswegen: »Das Haus 

fordert keine Aufmerksamkeit für sich selbst ein. Vielmehr fokussiert es den Blick nach außen.« In seiner geradlinigen, monolithischen Erscheinung mag sich zwar der Geist der ursprünglichen Bauruine manifestieren, doch dieser Stil passt auch zur »starken, schlichten Form und dem natürlichen Licht«. Das durchgehende Weiß der Wände ver­bindet die Räume, und die Schieferböden schaffen Zusammenhang und nahtlose Übergänge zwischen innen und außen. »Dadurch entsteht ein schlichter und eleganter Hintergrund für Julian Tregers Sammlung«, so der Architekt, »und die Architektur kann gleichsam verschwinden und stattdessen das Wesentliche – die Umgebung und die Lage – wirken lassen. Der Blick wird zum Himmel und zum Horizont gelenkt.«

Das puristische, galerieartige Interieur bildet den perfekten Rahmen für die Möbel, Designobjekte und Kunstwerke des Hausherrn, der in seiner Sammlertätigkeit unterschiedliche Ansätze verfolgt. Ein Beispiel für einen davon sind die Chandigarh-Möbel von Pierre Jeanneret, dem Cousin von Charles-Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als Le Corbusier, der »Vater der Moderne«. Jeanneret folgte Le Corbusier als Architekt und Stadtplaner von Chandigarh nach, der neuen Hauptstadt des Bundesstaats Punjab, die der indische Premierminister Jawaharlal Nehru in den 1950er-Jahren errichten ließ. Jeannerets Möbel verbinden modernes und erdig-urtümliches Design auf spannende Weise. Hier werden sie mit Kuhfellen einerseits und den geschmeidigen Formen eines Willy Rizzo andererseits kombiniert. Irgendwo dazwischen befinden sich die geometrischen Objekte von Paul Evans und Harry Bertoia. Der Hausherr beschreibt es so: »Le Corbusier trifft auf Ricky Lauren … eine Art erdiges, modernes Cowboy-Gefühl.«

»Statt die dem Ort bereits eingeschriebene Sprache zu bekämpfen, wollten wir ihre Vorzüge unterstreichen«, erklärt van Aswegen

Besonders interessiert ist Treger auch an jener Kunst, die die Verbindungen zwischen Europa und Afrika aufzeigt, vor allem jene aus den 1960er- und 1970er-Jahren (die somit auch gut zum Haus passt). So findet man hier etwa Skulpturen von Edoardo Villa: Der italienische Bildhauer kam im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener nach Südafrika und blieb danach im Land. Erik Laubscher ging den umgekehrten Weg: Er wurde in Südafrika geboren und »studierte dann bei Léger in Paris«, weiß Treger zu berichten. Cecil Skotnes, ein weiterer bedeutender Künstler mit frühem Interesse an afrikanischer Kunst, war stark vom deutschen Expressionismus beeinflusst. Zu Lieblingskünstlern zählt auch der Johannesburger Trevor Coleman, der in den 1960ern in New York und London von den starken Farben und klaren geometrischen Formen der Hard-Edge-Malerei beeinflusst wurde. Damals, so Treger, waren südafrikanische Künstler »Teil des Mainstream-Diskurses«.

In seinem Beharren auf Schönheit und Moderne bei gleichzeitiger völliger Autarkie und Angepasstheit an seine Umgebung folgt das Haus ähnlichen Grundsätzen wie die Chandigarh-Möbel. Das war van Aswegen ein großes Anliegen: »Ich konnte damit etwas beweisen, was mir sehr am Herzen liegt, nämlich dass Nachhaltigkeit und grüne Architektur niemals ein Grund sein können, kein schönes Gebäude zu bauen.« Das Haus bezieht seine Energie von der Sonne und sammelt und recycelt sein Wasser selbst. Es liegt völlig abgeschieden und ist dennoch absolut modern.

Der Charakter des Hauses ist bescheiden und kraftvoll zugleich. Van Aswegen spricht von der »Ruhe, die es in sich birgt. Vielleicht liegt es an seiner Lage und seiner puristischen Ausstrahlung, dass viele Menschen es sehr einladend finden.« Treger und er wollten das Gefühl von Frieden und Ehrfurcht bewahren, das sie selbst bei ihrem ersten Besuch hier empfanden. »Diese ebene Fläche und das sich wiegende Gras an diesem allerersten Tag hatten irgendetwas an sich, das uns ganz wesentlich für diesen Ort erschien«, erinnert sich van Aswegen. Das ist für ihn nach wie vor zentrales Element des Besuchserlebnisses. Auch Treger spürt »eine sehr spirituelle Qualität. Man fühlt sich sehr geerdet, und 
es ist sehr friedvoll und erholsam

LIVING Nr. 02/2019

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LIVING Nr. 02/2019

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