© Tomáš Souček

»Hier prägt die freie Kunst die Kulturszene«

Tereza Stejskalová, Kuratorin der Prager Biennale »Matter of Art«, über die junge und vitale Kunstszene in Tschechien und die Rolle der Biennale.

30 . Oktober 2020 - By Maik Novotny

LIVING:Wie hat sich die zeitgenössische Kunstszene in Prag über die Jahre hinweg entwickelt? Was macht sie besonders?
Tereza Stejskalová: Die internationalen Beziehungen hab sich sehr stark entwickelt. Die jüngere Künstlergeneration ist viel stärker mit der europäischen Kunstszene vernetzt. Viele leben im Ausland, außerdem kehren gerade viele aus London oder Berlin zurück, weil das Leben in Prag einfacher ist. Die Prager Szene ist sehr politisch orientiert, insbesondere in ökologischen Fragen. Und anders als in vielen europäischen Ländern ist der Kunstmarkt hier nicht so dominant.

Welche Museen und Galerien sind wichtig für die Gegenwartskunst in Prag?
Da gibt es sehr viele! Futura, MeetFactory, Fotograf, Center for Contemporary Art, Display. Diese freien Kunst-Institutionen müssen jedes Jahr von Neuem um Förderung ansuchen, prägen die Kulturszene aber viel mehr als die staatlichen oder kommunalen Institutionen.

Sie arbeiten für die Kunstinitiative tranzit, die seit 2002 kulturelle Projekte zwischen Österreich, Tschechien und der Slowakei etabliert. Wie stark sind die Verbindungen nach Österreich heute?
Jedes Jahr organisieren die ERSTE Founda­tion und tranzit ein Artist-in-Residence- Programm für zwei Künstler oder Kuratoren aus Tschechien und der Slowakei im Wiener MuseumsQuartier. Das ist schon seit einem Jahrzehnt Tradition. Weitere Künstler nehmen jedes Jahr an der Sommerakademie Salzburg teil, wo sie sich international vernetzen können. Man kann sagen, dass heute eine bedeutende Anzahl tschechischer Künstler die österreichische Kunstszene sehr gut kennt.

Szene-Insider

Matter of Art

Tereza Stejskalová ist als Kuratorin und Autorin seit Langem in der tschechischen Kunstszene aktiv. Sie leitet gemeinsam mit Vit Havranek die Prager Biennale »Matter of Art«, die noch bis 15. 11. läuft. matterof.art

© Matter of Art

Sie sind gemeinsam mit Vit Havranek Kura­torin der Biennale »Matter of Art«, die von tranzit organisiert und im Juli eröffnet wurde. Was ist das Konzept der Biennale?
Wir haben viel Erfahrung mit internationalen Projekten, aber lokal waren wir bisher nur in kleinem Kreis aktiv. Für uns ist die Biennale ein offenes Format, mit dem wir ganz verschiedene Arten von Publikum ansprechen können. Zusammen mit der ­ OFF Biennale Budapest, der Biennale Warschau und der Biennale Kiew haben wir die East Europe Biennial Alliance eingerichtet, um die Zusammenarbeit und Präsenz in einer Region zu stärken, in der immer noch prekäre Verhältnisse herrschen, was die Kunst betrifft.

Sie haben der Biennale 2020 das Motto »Come Closer« gegeben. Welche Idee steckt dahinter?
Die Biennale widmet sich dem Thema der Fürsorge als unsichtbare Arbeit, die die Gesellschaft zusammenhält. Jemandem nah zu sein, ist nie ohne Konflikte – und wie wir zurzeit erfahren, kann physische Nähe sogar gefährlich sein. Wir zeigen bewegende Kunst, die niemanden gleichgültig lässt, sondern den Betrachter in die Lebenswelt von jemand anderem mitnimmt. Wir glauben, dass Kunst diese Kraft hat, einen emotional mitzureißen, damit man instinktiv versteht, was in jemand anderem vorgeht.

Haben das Thema und die Biennale durch die Pandemie zusätzliche Dringlichkeit bekommen? 
Uns ging es wie allen Organisatoren von Kulturevents. Es gab viel Unsicherheit, und wir mussten schnell und flexibel reagieren. Es war aber wichtig, die Biennale nicht zu verschieben, weil ich glaube, dass wir gerade in der Krise die Kunst brauchen.

Was dürfen wir in Zukunft von der Biennale erwarten?
Wir haben erst vor Kurzem die gute Nachricht bekommen, dass es definitiv eine weitere Ausgabe geben wird. Ich hoffe, dass wir eine permanente Rolle in der tschechischen Kunstszene spielen können. Wir überlegen schon, wer die nächsten Kuratoren sein werden. Die East Europe Biennial Alliance wird auch mit im Spiel sein!

LIVING Nr. 06/2020

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LIVING Nr. 06/2020

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