© Günter Standl

Urlaub zu Hause in Österreich galt lange als bieder und bürgerlich, doch die alpine Sommerfrische hat eine lange Tradition. Mit viel Liebe zum Handwerk werden heute alte Bauernhäuser restauriert und bieten perfekte Flucht- und Fixpunkte für den Sommer auf dem Land.

09 . Juni 2022 - By Maik Novotny

Mit dem Urigen und Authentischen ist das ja so eine Sache. Denn nicht alles, was alt aussieht, ist wirklich alt, und manches, was mit Naturverbundenheit wirbt, erweist sich als dünne Holzkulisse vor Styropor. Das Authentische, sagten schon die klugen Pet Shop Boys, ist immer ein Stil. Was die Pet Shop Boys mit Österreichs Landleben zu tun haben, fragen Sie jetzt? Gar nicht so wenig! Denn auch die Sommerfrischler:innen des 19. Jahrhunderts erfanden sich ihr authentisches Landleben selbst. Für ihre Villen am Semmering konstruierten sie sich einen Fantasiestil aus Schweizer Chalets und Wiener Nobelvillen. Noch ein Neuschwanstein-Türmchen dazu? Nur her damit! Mit der tatsächlich ländlichen, bäuerlichen Architektur hatte das so wenig zu tun wie die vermeintlich traditionellen Trachten, die oft auch erst im 19. Jahrhundert erfunden wurden.

Bauernchalet | elbacher gütel Der ideale Ort zum Großstadt-Detox für gestresste Münchner:innen. Das liebevoll restaurierte denkmalgeschützte Bauernhaus am Starnberger See bietet ein Zuhause auf 175 Quadratmetern. bauernchalet.com

© Bauernchalet

WIEDERENTDECKTE KULTURFORM

Der Historiker Hanns Haas nannte die Sommerfrische eine »verlorene touristische Kulturform«, und ihre Blütezeit hatte ganz pragmatische und technologische Gründe: die Erreichbarkeit mit der Eisenbahn, die nicht nur Semmering und Bad Gastein, sondern auch die k. u. k. Außenposten wie Triest, Pula und Opatija in Reichweite rückte. Das Herzstück der Sommerfrische, das -Salzkammergut, lockte mit atemberaubender Naturkulisse Künstler wie Mahler und Klimt an, aber auch mit eventuell profitabler Nähe zum im sommerlichen Ischl residierenden Kaiser.

Der Aufschwung des sommerlichen Alpintourismus in den 1930er-Jahren wiederum hatte politische Gründe: Das NS-Regime hatte für deutsche Touristen quasi einen Österreich-Boykott verhängt, wodurch man gezwungen war, um heimische Urlauber:innen zu werben, und in Attraktionen wie die Großglockner-Hochalpenstraße investierte.

»Wir haben nicht nach einem solchen Objekt gesucht. Jedoch ging uns das Chalet nicht mehr aus dem Kopf.« – Anja und André Lammering, Bauernchalet

Hüs üf der Flüe Schweizer Handwerkskunst aus sechs Jahrhunderten konzentriert sich in diesem Walliser Haus, das 2016 behutsam renoviert wurde. Wer authentisch heizen will, darf den Giltsteinofen aktivieren. munts-pavlicek.ch

© Nadia Neuhaus

Mit Erfolg. Den letzten Sommerfrische-Boom verdanken wir bekannterweise der globalen Unsicherheit und der Pandemie. Wer im Frühjahr 2021 oder 2022 versucht hat, spontan eine schöne Ferienwohnung oder ein Hotelzimmer an einem Salzkammergut-See zu ergattern, kann ein Lied davon singen. Ganz klar: Österreich hat seine »verlorene touristische Kulturform« wiedergefunden.

Nicht nur das, auch die Authentizität ist wieder da, und zwar die echte. Denn längst besinnt man sich auf die Qualitäten ländlicher Bausubstanz, die dann mit viel Liebe zum handwerklichen Detail restauriert wird. Zum Beispiel der Taxhof in Bruck an der Großglocknerstraße. Hier dürfen sich die Sommerfrischler:innen zwischen den ­Domizilen »Schenkamerl«, »Troadkostn«, »Dochbodn«, »Heustodl« und »Baumhaus« entscheiden, und dieser urige Sound ist kein PR-Schmäh, sondern verdient. Denn das Taxbauerngut ist seit 1545 aktenkundig, die Familie Unterberger seit 1687 hier ansässig – heute wird der Erbhof in elfter Generation von Elisabeth und Katharina Unterberger geführt. Und so findet sich hier ganz Uriges wie der 447 Jahre alte Getreidekasten und Modernes wie eine ausladende Panoramaglasfassade, WLAN, Sauna, und Solaranlage.

Taxhof Nicht nur landwirtschaftliches und kulinarisches Know-how wird hier seit Generationen weitergegeben, auch Gastfreundschaft mit der idealen Mischung von Bauerngut und Komfort. taxhof.at

Susanne Gapp

LUXUS DES EINFACHEN

Den unschlagbaren Reiz des gut verarbei-teten und gut gealterten Materials hat man auch in der Südsteiermark erkannt: Die Ferienhäuser von PURESLeben haben sich dem »Luxus des Einfachen« verschrieben, und auch das ist nicht nur ein Slogan. Die zehn »Premiumhäuser« leisten sich mehr räumliche Extravaganz und den Dialog von Altbau und Zubau, die zwei »Lagenhäuser« sind kleine und kuschelige naturnahe Weinstöckl, doch alle kombinieren sie die Patina des Alten mit der Wertigkeit des Neuen. 200 Jahre altes, wiederaufbereitetes Holz, ergänzt mit handversetzten Natursteinmauern.

Doch nicht nur in Österreich, auch in anderen Alpenregionen ist das Regional-Authentische wiederentdeckt worden. »Wir haben nicht nach einem solchen Objekt -gesucht und auch nie darüber nachgedacht, so etwas besitzen zu dürfen. Jedoch ging uns das Chalet nicht mehr aus dem Kopf«, sagen Anja und André Lammering über ihr Bauernchalet | elbacher gütel in Eurasburg am Starnberger See. Also kaufte das junge Paar das denkmalgeschützte Bauernhaus aus dem Jahr 1650 und machte es sich zur Aufgabe, der Geschichte des Hauses beim sorgfältigen Umbau gerecht zu werden.

Mesmerhaus Ein Stück Vorarlberger Baugeschichte in typischen Holzschindeln. Das über 200 Jahre alte Rheintalhaus in Bildstein wurde aus dem Dornröschenschlaf geweckt, für die Sanierung gab es den Anerkennungspreis für Tourismusinnovationen. mesmerhaus.at

© Albrecht Immanuel Schnabel
»Letztlich lebt der Semmering vom angenehmen Fehlen des wirklich Extremen.« – Wolfgang Kos, Ex-Museumsdirektor, Semmering-Experte

Bei den alpinen Nachbarn in der Schweiz schließlich muss das Authentische nicht wiederentdeckt werden, denn es war nie weg. Dafür sorgte schon die ungebrochene Tradition des guten Handwerks. Wer seine Entspannung am besten Zen-meditierend vor perfekten Zimmermannsdetails findet, ist hier richtig. Zum Beispiel im Hüs üf der Flüe. Das zwischen 1424 und 1454 erbaute ­Walliser Haus wurde sorgfältig und behutsam renoviert. »Großen Wert legten wir auf die sorgsame Auswahl der verwendeten Materialien«, so Diana Pavlicek, die mit ihrem Zürcher Büro Munts & Pavlicek ausgewiesene ­Spezialistin für wiedererwecktes Altes ist.

Ein Blick, der entzückt. Balkon-Aussicht aus dem Mesmerhaus über das Rheintal.

© Albrecht Imanuel Schnabel

Da braucht es keinen Glitzer und Glamour, um den Luxus des Moments zu veredeln. Es ist das, was es ist. Ganz in der Tradition der Sommerfrische des 19. Jahrhunderts, denn wie sagte schon Wolfgang Kos, ehemaliger Direktor des Wien Museums und Autor des Standardwerks über den Semmering: »Letztlich lebt der Semmering vom ange­nehmen Fehlen des wirklich Extremen.« Besser kann man es nicht sagen.

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