© Benedikt Redmann

Über zwei Drittel der Menschheit wohnt in Gebäuden aus Lehm. Langsam wird der uralte Stoff wiederentdeckt. Der Vorarlberger Martin Rauch weiß schon seit Jahrzehnten um die Geheimnisse von Lehm Bescheid – und überzeugte mit seinen Arbeiten und Ideen Architekten, Künstler und Häuslbauer.

29 . September 2021 - By Manfred Gram

Für Martin Rausch ist die Sache klar: »Lehm ist die Zukunft!« Das ist insofern eine interessante Aussage, da der Natur- und Baustoff Lehm für den Vorarlberger sowohl Vergangenheit als auch Gegenwart ist. Seit fast vier Jahrzehnten beschäftigt sich der 63-Jährige mit Lehm.
Grundstein dafür war seine Diplomarbeit an der Hochschule für angewandte Kunst Wien. In der Keramik-Meisterklasse von Matteo Thun sollte Rauch – so die Aufgabe – ein klassisches Teeservice gestalten. Stattdessen lieferte er das Projekt »Lehm, Ton, Erde« ab und erhielt dafür den Würdigungspreis des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung.

Inspiration

»Ich habe mich über die künstlerische Seite dem Werkstoff genähert« erzählt Rauch, der als Absolvent der Fachschule für Keramik und Ofenbau ursprünglich die Berufe Keramiker, Fliesenleger und Ofenbau gelernt hat. Da kam einiges an Wissen, Know-how und Innovationskraft zusammen. Zudem inspiriert Martin Rauchs Umgang, seine Philosophie und letztlich auch der Respekt, den er diesem uralten Werkstoff entgegenbringt, recht bald Architekten und Künstler.

Dementsprechend ist das Portfolio im Laufe der Jahrzehnte äußerst umfangreich geworden. Der Lehm-Experte arbeitete mit Weltarchitekten wie Herzog & de Meuron und Snøhetta zusammen oder inspirierte mit seinem Werkstoff Künstler Ólafur Elíasson und Simon Starling zu gemeinsamen Projekten. Auch innenarchitektonisch ist sein Stoff gefragt. So setzte Rauch erst kürzlich die neue Theke im frisch renovierten Stammhaus des Nobel-Japaners »Mochi« um. Ein Blick auf die elegant ruhig und bewusst schlicht gehaltene Website (lehmtonerde.at) lässt einen staunen. Rauch verwirklichte Privathäuser, Gewerbebauten, Museen, Schulen, Kunstpavillons, Kirchen, Kapellen, Friedhöfe.

Fragt man ihn nach seinen Lieblingsprojekten, gibt er sich sehr diplomatisch und erzählt lieber von den Highlights seines Schaffens. Von 1989 etwa, als er als Sieger eines Architekturwettbewerbs für das Landeskrankenhaus Feldkirch eine riesige Lehmwand umsetzen durfte. Oder als er in den 1990er Jahren in Berlin mit der »Kapelle der Versöhnung« den ersten Stampflehmbau in Deutschland verwirklichte. Oder von der Stampflehmmaschine »Roberta«, die riesige Lehmblöcke vorfertigt und erstmals beim Bau des Ricola-Käuterzentraums im Schweizer Laufen zum Einsatz kam.

 

Natur Pur

Rauch ist ein Pionier. Und er kann die Zeichen der Zeit gut lesen. Dementsprechend ist er auch nicht überrascht, dass LEhm als Baustoffalternative zu Ziegel und Stahlbeton immer interessanter wird. »Seit Jahrtausenden wird mit Lehm gebaut. Die Industrialisierung förderte andere Materialien. Allerdings, nach großen Krisen wie etwa dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, wurde Lehm immer wieder neu entdeckt. Lehm ist der Baustoff der Krisen«, resümiert Rauch. In einer Zeit, in der eine Wirtschafts- und Klimakrise herandräut, ist das gut zu wissen.

»Lehm ist die Lösung«, erklärt Rauch und schwärmt von der Vielseitigkeit des Stoffes, der ebenso weich und verbinden wie stark und robust sein kann. Mehr noch: »Die größte Schwäche von Lehm ist gleichzeitig auch seine größte Stärke – die Wasserlöslichkeit.« Damit wird das Material nämlich ohne Qualitätsverlust unendlich recyclebar. Das schafft kein anderer Baustoff. Oder um eine philosophische Komponente reinzubringen: Lehm ist vergänglich und gerade das macht seine Dauerhaftigkeit aus. Das Bewusstsein ist jedenfalls geschärft. »Es ist erfreulich, dass das Interesse an Lehm steigt. Es wächst jährlich nicht nur auf Kundenseite Auch die Anbieter werden mehr«, so Martin Rauch, für den die Sache einmal mehr klar ist: »Lehm ist die Zukunft!«

Wir haben 200 Jahre lang die Erde ausgebeutet. Lehm ist Teil der Lösung für ein neues Bewusstsein im Umgang mit Baustoffen.

Martin Rauch über den natürlichen Baustoff

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