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Die Wildnis der Wälder, die Märchen aus Polarnächten, Erfindergeist und präzises Handwerk: All dies und mehr macht Finnland zu einer der führenden Design-Nationen – und zum Gastland der kommenden Vienna Design Week.

24 . Mai 2019 - By Maik Novotny

War es eine weibliche Form? War es der Schnitt durch einen Baumstamm? War es der Umriss eines der Tausenden Seen des Landes? Oder doch der einer besonders formschönen Wasserpfütze? Bis heute regt dieses Stück Glas die Fantasie an: die geschwungene Form der berühmten Vase von Alvar Aalto, ursprünglich entworfen für die Pariser Weltausstellung 1937. Schon damals war der finnische Architekt bekannt für seine organischen Formen, denen er sein Leben lang treu bleiben würde, sowohl in seinen Hockern und Freischwingern als auch in seinen weltberühmten Häusern.

»Oberstes Ziel des Architekten ist es, ein Paradies zu erschaffen. Jedes Bauwerk, jedes Erzeugnis von Architektur sollte die Frucht unseres Bemühens sein, dem Menschen ein Paradies auf Erden zu schaffen.« ALVAR AALTO (1898–1976)Finnischer Architekt und Designer

Qualität und Eleganz

Die Vase ist heute ebenso berühmt wie ihr Erfinder, und sie wird immer noch von der Glasfirma Iittala produziert. Eine der vielen Erfolgsgeschichten des finnischen Designs: Wie kann so ein kleines Land – mit kaum mehr als fünf Millionen Einwohnern und sehr viel Platz zwischen ihnen – so viele Produkte von hoher Qualität und Eleganz hervorbringen? Namen von Weltrang wie Aalto oder Eero Saarinen. Firmen von Weltrang wie Artek, Fiskars, Karhu, Marimekko und Nokia.

»Wahre Architektur existiert nur dort, wo der Mensch im Zentrum steht«, schrieb Aalto einst, und für die Gegenstände des Alltags gilt dies erst recht. Diesen Zug zum Humanen, Hellen und Freundlichen teilt sich Finnland mit den benachbarten nordischen Ländern, die skandinavisches Design zum globalen Begriff machten. Und doch ist Finnland besonders. Die bunten und schwarz-weißen Textilien von Marimekko scheinen Geschichten aus den tiefen Wäldern zu erzählen, ebenso wie das berühmte Geschirr Pastoraali, das Esteri Tomula 1965 für Arabia entwarf: Szenen aus der Folklore, in liebevollem Detail. Ist es diese Mischung aus städtischer Weltoffenheit und ländlichem Storytelling, die Finnland so besonders macht? Oder der nordische Wechsel aus polardunklen Wintern und hellen Sommern?

Kraft und Wildnis

»Das ist sicher ein Faktor. Im Winter sitzt man mit Tee und Socken zu Hause, im Sommer ist man dafür außer Rand und Band,« sagt die Design-Expertin Lilli Hollein. »Die Finnen scheinen introvertiert, aber hinter der Fassade geht die Post ab. Sie haben einen subversiven Geist. Finnland hat eine eigene Kraft, etwas Wildes.« Sie muss es wissen, denn als Direktorin der Vienna Design Week hat sie Finnland als Gastland für die 13. Ausgabe erkoren, die im Herbst über die Bühne geht. Die Ausstellung, kuratiert von Tero Kuitunen, wird sich auf das Thema »Natur und Wildnis« fokussieren.

An Auswahl wird es nicht mangeln, denn Finnlands junge Design-Generation ist keineswegs in Ehrfurcht vor ihren Großvätern und -müttern erstarrt. Manche knüpfen dort an, wo die Vorgänger aufhörten, etwa Klaus Haapaniemi, der sich ebenfalls von ländlicher Folk­lore inspirieren lässt. Manche bringen Alt und Neu zusammen, wie Harri Koskinen, der Möbel in klaren Mid-Century-Modern-Linien ebenso entwirft wie Uhren, Lautsprecher und Feuerschutzdecken. Ville Kokkonen produziert in Japan archaisch anmutende Holzschemel und widmet sich parallel der Erforschung von Nanostrukturen. Wieder andere sind schon in Virtual-Reality-Welten unterwegs. Hochschulen wie die Aalto-Universität Helsinki halten den hohen Qualitätsstandard über alle Generationen hinweg aufrecht. Firmen wie Artek, Arabia und Iittala prägen heute noch die Design-Welt. Die Firma Fiskars, die seit 1649 im gleichnamigen Dorf westlich von Helsinki Metallwaren produzierte und sich 1967 mit der ersten Schere mit Kunststoffgriff in die Design-Annalen einschrieb, beherbergt in ihren alten Werkstätten heute junge Kreative, die in ländlicher Idylle neue Ideen in Form gießen. Im Mai 2019 startet man dort eine eigene Design-Biennale unter der Leitung von Jasper Morrison.

»Finnen haben einen subversiven Geist. Das Land hat eine ganz eigene Kraft, etwas Wildes.« LILLI HOLLEINDirektorin der Vienna Design Week

Möbel für alle

»Ich finde es beeindruckend, wie die geschlossene Identität eines Landes via Design nach außen getragen wird«, schwärmt Lilli Hollein. »In Österreich haben die Architekten zu Hause einen Aalto-Stuhl oder eine Aalto-Vase herumstehen. In Finnland sind das Möbel für alle.« Ein Land, das Design lebt – in der Stadt, auf dem Dorf, in den Wäldern und in der Welt.

LIVING Nr. 02/2019

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LIVING Nr. 02/2019

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