© Kathrin Koschitzki

Essen sieht auf Fotos oft steril und langweilig aus, obwohl Fine Dining ein sinnliches Erlebnis ist. Deshalb suchen innovative Restaurants verstärkt nach einer neuen Ästhetik, die eher an Mode und Kunst erinnert.

19 . Oktober 2021 - By Karin Cerny

Ein lebloses Bild wird der Erfahrung von Fine Dining nicht gerecht«, sagt die in Wien lebende Fotografin Lisa Edi. »Essen muss eine Geschichte erzählen, es geht um persönliche Erinne­rungen, um spezielle Zugänge – und nicht nur um das fertige Gericht, das auf dem ­Teller liegt.« 

Vogelperspektive

Genau das ist aber das Problem von klassischer Food-Fotografie: Aus der Vogel­perspektive werden da möglichst perfekt ausgeleuchtete Kochkunstwerke abgelichtet. Eine junge Generation kann mit dieser sterilen Ästhetik genauso wenig anfangen wie mit Dresscodes und veralteten Benimmregeln im Restaurant. Neue Kreativität ist gefragt, ­Bilder über Kulinarik müssen überraschen, irritieren – und nicht zuletzt eine eigene ­Poetik haben. Sie sollen nicht typisch nach Essen aussehen. 

»Wir haben noch nie mit einem klassischen Food-Fotografen zusammengearbeitet. Wir lassen einfach unsere Freunde, die eher aus den Bereichen Kunst und Mode kommen, kreativ werden«, so der Kochrebell Lukas Mraz vom Familienrestaurant und Zwei-Sterne-Betrieb »Mraz & Sohn« im 20. Bezirk, der Kreativküche auf Topniveau bietet, ohne veraltete Muster zu bedienen. Gerade hat die Healthy Boy Band, bestehend aus den Jungköchen Lukas Mraz, Philip ­Rachinger und Felix Schellhorn, ein neues Magazin herausgebracht. »The Healthy Times Issue 2« erinnert optisch an coole Modehefte. Die Rückseite des Umschlags ziert nicht zufällig eine Werbung des angesagten Fashion-Labels Balenciaga, das diese Plattform nutzt, um ein hippes Lifestylepublikum zu erreichen. Fine Dining ist in der Popkultur angekommen.

Wer im oberösterreichischen »Mühltalhof« in den neuen Restaurantbereich »Ois« geht, staunt nicht schlecht: ein Balenciaga-Sneaker baumelt da von der Decke. Philip Rachinger hat ihn vom Label geschenkt bekommen, Fashion-Influencer ist er aber noch keiner. »Die Leute fragen oft, was das soll«, erzählt er, »aber er hängt halt einfach da.« Diese erfrischende Unbekümmertheit, es nicht allen recht machen zu wollen, sondern einfach selbst Spaß zu haben, zeichnet die junge ­heimische Fine-Dining-Szene nicht nur in der Küche aus.

Kunst und Kulinarik

»Fotografie von Essen soll nicht mehr Luxus und Dekadenz für eine Oberschicht ausdrücken«, bestätigt Fotografin Edi, die schon für viele heimische Spitzenrestaurants innovative Bilderwelten kreiert hat. Gefragt sind überraschende, verrückte, verträumte und humorvolle Bilder. Oft sehen Gerichte dann wie Skulpturen aus, wie Kunstwerke, die in einer Galerie stehen könnten. Die experimentellen Food-Events des holländischen Kollektivs Steinbeisser sind ein gutes Beispiel für diesen Trend zum Gesamtkunstwerk auf dem Tisch. Kunst und Kulinarik gehen da lustvolle ­Kombinationen ein, oft erkennt man gar nicht mehr, dass es sich um etwas Essbares handelt, was da etws auf dem Kofferraumdach eines Autos abgelichtet wurde. 

Die Fine-Dining-Szene ist ohnehin voll mit Influencern, die von jedem Gericht sofort ein Foto online stellen. So geht aber auch die Magie verloren, sich auf eine abendfüllende kulinarische Reise einzulassen. »Immer, wenn ich im dänischen ›Noma‹ war, hatte ich alle Gänge bereits vorher gesehen«, sagt ­Lukas Mraz. »Das hat mich genervt. Ich ­wollte diese Spannung von früher, nicht zu wissen, was ich serviert bekomme.« Zu viele Bilder verderben den Brei. Mraz postet ­deshalb nur mehr alte Menüs auf Instagram. Essengehen soll wieder ein Abenteuer werden. Die neue, experimentelle Fotoästhetik macht Lust darauf.

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