© Lena Modigh

Uns allen sind Namen wie Patricia Urquiola, Kelly Wearstler oder die ikonische Zaha Hadid ein Begriff. Doch weibliches Design ist weitaus breiter aufgestellt. LIVING stellt vier historische und vier zeitgenössische Kolleginnen vor, die Brücken von der Vergangenheit in die Zukunft schlagen.

15 . März 2021 - By Karin Cerny

Langer Schatten

Design war lange eine Männerdomäne. Marianne Brandt (1893–1983) war die erste Frau, die am Bauhaus in der Metallwerkstatt einen Abschluss machte. Man habe ihr vorwiegend langweilige und mühsame Arbeit aufgetragen, erinnerte sie sich. Ihren Weg ging sie trotz Widerständen: Ihre berühmte Bauhaus-Silberteekanne von 1924 ist längst ein Klassiker, der ihr zu Weltruhm verholfen hat.

Frauen haben maßgeblich zur Design-Geschichte beigetragen, aber sie wurden lange ausgeblendet – oder bloß als Zulieferer für geniale Männer gelistet. »Solange wir Frauen nicht unter eigenem Namen entwerfen, werden wir immer im Schatten der Männer bleiben«, stellte schon Anna Castelli Ferrieri (1918–2006), die italienische Architektin ­und Designerin der Firma Kartell, fest. Viele wichtige Gestalterinnen gingen als Teamplayer in die Historie ein, entwarfen mit ihren berühmten Designer-Männern. Von Ray Eames bis Aino Aalto: Man arbeitete gemeinsam an Projekten, und irgendwann ließ sich nur mehr schwer trennen, welcher Input von wem kam. 

Macho-Kollegen & soziale Aspekte

Auch die französische Designerin, Architektin und Fotografin Charlotte Perriand (1903–1999) musste sich mit Macho-Kollegen herumschlagen. Die berühmte »Corbusier-Liege« entstand zum Großteil nach ihren Zeichnungen, wurde dann aber natürlich dem Chef zugeschrieben. Le Corbusier soll die junge Mitarbeiterin, die sich 1927 bei ihm beworben hatte, folgendermaßen begrüßt haben: »Wir besticken hier keine Kissen.« Frauen schienen seiner Meinung nach für ­das kleinteilige Dekorative zuständig zu sein, kühne Entwürfe traute er ihnen nicht zu. Lange galt Perriand bloß als die Frau, die für Le Corbusier gearbeitet hat. Dabei hat sie viel mehr geleistet: Die offene Küche geht auf ihre Rechnung, um die Hausfrau aus ihrer Unsichtbarkeit am Herd zu befreien. Sie wollte Möbel und Häuser entwerfen, die das Leben der Menschen verbesserten. In ihrem sozialen Engagement war sie eine Vorreiterin. Auch die Arbeit im Kollektiv lag ihr. Freilich ist Understatement einer Karriere zu Lebzeiten nicht unbedingt förderlich.

Andererseits: Warum nicht im Kollektiv mit anderen Frauen arbeiten? Zeitgenössische Designerinnen haben es zwar leichter, sich einen Namen zu machen. Aber warum sollten sie nicht auch den Teamwork-Gedanken mit neuer Energie füllen. Das schwedische Studio Front bestand zu Beginn aus vier Designerinnen, mittlerweile sind Anna Lindgren und Sofia Lagerkvist ein erfolgreiches Duo. Man hat sie schon »die Spice Girls des Designs« genannt. Wohl auch, weil ihre Entwürfe fröhlich und unbekümmert sind. Selbst zu Kitsch haben sie ein entspanntes Verhältnis. »Als Kind mag man Dinge, die kitschig sind. Und später wird einem beigebracht, dass Dinge, die man mag, nicht kitschig sein dürfen. Warum eigentlich?«, fragt Lagerkvist. Ihre Methode: Man muss Verrücktes ausprobieren, um Neues zu schaffen. Dazu gehören Möbel, die sie tänzerisch in den Raum zeichnen und dann in 3D ausdrucken. Der Prozess ist dabei genauso interessant wie das fertige Produkt. Studio Front möchte junge Frauen ermutigen, sich auf dem Feld des Designs zu behaupten.

Sind Frauen sozialer? Eine schwierige Frage, weil man schnell bei Klischees landet. Aber es zeigt sich doch, dass es vielen Designerinnen wichtig ist, nicht nur sich selbst ein Denkmal zu errichten. Der soziale Aspekt, den bereits Charlotte Perriand hochgehalten hat, lebt zeitgemäß weiter. Monica Förster, Skandinaviens gefragteste Designerin, hat ­für ihre Abschlussarbeit an der Designschule einen beleuchteten Toilettensitz entworfen. Was auf den ersten Blick wie ein technischer Spleen wirkt, hilft Demenzkranken, die oft in der Nacht nicht mehr wissen, wo die Toilette ist. Das Leuchten ist ein nützliches Signal für sie. Um an ihren Designs zu basteln, erstellt Förster kleine 3D-Papiermodelle. Der haptische, intuitive Arbeitsprozess hilft ihr, offen für Überraschungen zu bleiben. Die Fantasiewelt von Kindern inspiriert sie dabei. Nachhaltigkeit ist ihr ein großes Anliegen. Aber auch, dass Design unsere Art zu interagieren verändert: »Cloud« ist ein tragbarer Raum, eine aufblasbare Wolke, in dem man sich treffen kann. Weil gutes Design eben auch Menschen verbindet.

Ideal zum Rücklehnen

Schwedens gefragteste Designerin Monica Förster versieht funktionales Design mit einer poetischen Note. Ihr Vater ist ein bekannter Koch, bereits als Kind in Lappland war sie davon begeistert, wie schön er die Teller drapierte. Sie ist umringt von Bergen und Wäldern aufgewachsen – und war früh schockiert, dass die Menschen alles hässlicher machen. Dass es egal war, wie ein Haus aussieht, Hauptsache, es isoliert gut. Förster machte sich auf die Suche nach der Schönheit, die sie zumindest daheim erlebt hatte. Ihre Eltern betrieben ein kleines Hotel, das voll mit skandinavischen Designmöbeln war. Nostalgisch sind ihre Entwürfe trotzdem nicht. »Der Blick zurück ist das beste Mittel, um Design weiterzuentwickeln«, sagt die vielseitige Skandinavierin, die von Möbeln über Lampen bis zu Fliesen und skulpturalen Objekte alles entworfen hat. 

Klare Haltung

101 Jahre wurde die Architektin und Designern Florence Knoll (1917–2019) alt – und sie hat tatsächlich ein ganzes Jahrhundert geprägt. Die modernen, offenen, lichtdurchfluteten Bürowelten, die in der TV-Serie »Mad Men« zu sehen sind, verdanken wir ihr. Eero Saarinen förderte die junge, begabte Studentin, machte sie mit befreundeten Künstlern wie Le Corbusier oder Alvar Aalto bekannt. Fotos zeigen die junge Florence Knoll als glamouröse Erscheinung, die auf jeder Party für Aufsehen sorgte. Als Designern sah sie sich bloß als Lückenfüllerin für die mit ihrem Mann gegründete Firma Knoll International, die mit Stars wie Marcel Breuer kooperierte. Dabei ist ihr 1954 entworfenes Sofa »1206« ein zeitloser Klassiker. Architektur war für sie mehr als schöne Einzelstücke, sie wollte Lebenswelten entwerfen – und war auch als erfolgreiche Unternehmerin eine Vorreiterin.

Organische Formen

Das Haus der Design-Legenden Aino und Alvar Aalto in Helsinki dokumentiert ihre gemeinsame Leidenschaft. Auf ihrer Hochzeitsreise in Italien entdeckten die beiden Holzstühle, die sie nach Finnland schleppten und in ihre Küche stellten. Wie so oft bei kreativen Paaren ist schwer zu trennen, welchen Anteil Aino am Ruhm ihres Mannes trug. Was man allerdings weiß: 1936 gewann sie gegen ihren Mann die Goldmedaille bei der Triennale Mailand mit ihrem »Aino-Aalto-Glas«, das inspiriert wurde durch Wasserringe, die entstehen, wenn ein Stein ins Wasser geworfen wird. Als Mitgründerin und Leiterin von Artek stand Aino Aalto (1894–1949) für eine moderne Ästhetik mit klaren Formen. Viel zu wenig bekannt sind ihre Lampen und ihr 1937 entworfener »Riihitie«-Blumentopf mit seinen organischen Rundungen.

Spuren im Holz

Warum müssen Design-Stars immer Einzelkämpfer sein? Das schwedische Studio Front besteht aus Anna Lindgren und Sofia Lagerkvist, die sich schon seit ihrem Studium kennen. Die beiden lieben es, mit ihren Entwürfen zu überraschen und zu provozieren. Ihr Motto: Wir kreieren Möbel, die man auf den ersten Blick liebt oder immer hasst. Die beiden treten den Beweis an, dass skandinavisches Design nicht automatisch minimalistisch sein muss. Für ihre Kollektion »Design by Animals« ließen sie aus der Flugbahn von Fliegen einen Lampenschirm entstehen. Mitunter ist ihr Büro eine Mischung aus Labor und Kinderspielplatz. Berühmt wurden sie mit ihrer Pferdelampe mit dem Namen »Animal Thing« für das Design-Studio Moooi. Tierfiguren interessieren sie besonders, weil sie bei Menschen emotional etwas auslösen. 

Textile Welten

Wer skandinavisches Design liebt, kommt an ihren farbenfrohen, minimalistischen Stoffentwürfen nicht vorbei: Anfang der 1960er-Jahre schuf Maija Isola (1927–2001) für Marimekko ihr berühmtes »Unikko«-Muster, abstrahierte Mohnblumen in leuchtendem Rot, die noch heute prototypisch für das Schaffen des finnischen Design-Unternehmens stehen. Isola gab Skandinavien leuchtende Farben, sie holte die Sonne ins Schlafzimmer. Gerade nach dem Krieg war es ihr wichtig, die angeschlagene Psyche aufzu-heitern und positive Gefühle über Design zu vermitteln. In ihren ikonografischen Entwürfen ließ sie sich von traditioneller Volkskunst, der finnischen Natur und ihren zahlreichen Reisen rund um den Globus inspirieren. Über 500 Muster gehen auf ihre Rechnung, und sie sorgen noch heute für gute Laune. 

Geflecht aus Holz

Für eine Textildesignerin hat Elisa Strozyk, Jahrgang 1982, ein ungewöhnliches Lieblingsmaterial: Sie arbeitet mit hauchdünnen Holzplättchen, aus denen sie Decken, Tischläufer, Vorhänge oder Teppiche anfertigt. Die Berlinerin sorgt damit nicht -
nur für überraschende haptische Erfahrungen, sondern erweitert auch unsere Vorstellungen, was Holz alles kann. »Ich wollte einen Holzboden entwerfen, den man wie einen Teppich aufrollen und in ein anderes Zimmer räumen kann«, erklärt sie ihren Ansatz. Am meisten habe sie ihr Studium am Central Saint Martins College of Arts and Design in London geprägt. »Wir wurden angeregt, Szenarien zu entwickeln, wie Textilien in zehn, 20 oder 50 Jah-ren aussehen und funktionieren könnten«, sagt sie. Nachhaltigkeit und die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern sind ihr dabei wichtig. 

Es werde Licht

Eine Teekanne darf nicht tropfen! »Das Benutzen und besonders das Ausgießen haben wir ausprobiert, das war ganz selbstverständlich für uns«, betont die Bauhaus-Designerin Marianne Brandt (1893–1983). Selten hat Funktionalität so glamourös ausgesehen wie in ihren Entwürfen. Ob Aschenbecher, Zuckerschalen, Teekannen oder später Lampen, Marianne Brandt schuf zeitlose Klassiker. Sie entdeckte die Fotografie, experimentierte mit Collagen, erfand sich immer wieder neu. Mit der Macht-übernahme der Nationalsozialisten galt ihr Werk als »entartet«, sie lebte in Chemnitz bei ihren Eltern, hielt sich mühsam mit kleinen Privataufträgen über Wasser, begann zu malen. Brandt hat das Bauhaus mit ihren kühnen geometrischen Entwürfen maßgeblich mitgeprägt, zu Lebzeiten erhielt sie dafür viel zu wenig Anerkennung.

Mondkrater-Oberfläche

Die Niederländerin Marjan van Aubel bezeichnet sich als Solar-Designerin, sie möchte Aussehen und Anwendungsbereiche von Solarzellen erweitern. »Man entdeckt, was nicht möglich ist, und muss herausfinden, wie es doch möglich wird«, beschreibt die 36-Jährige ihren Ansatz. Solarenergie soll nicht nur natürlicher Teil unserer Umwelt werden, sondern auch allen zur Verfügung stehen. Tische werden bei ihr zu natürlichen Ladestationen, wie der »Current Table«, mit dem man sein Handy aufladen kann. Aber sie hat auch Gläser und Tassen entworfen, die Energie aus ihrer Umgebung tanken und in ein Regal leiten, das dann Lampen betreibt. Spannend ist auch ihr »Power-Plant«-Projekt, wo Gewächshäuser als natürliche Energiequelle genutzt werden. Die Pflanzen erzeugen ihren eigenen Strom und sind zugleich Nahrungsmittel. 

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LIVING Nr. 02/2021

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