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2021 wird zu einem Schlüsseljahr für die Elektromobilität. Noch nie waren so viele, so attraktive Modelle auf dem Markt. Wird es nun Zeit für den Einstieg ins Elektrozeitalter?

07 . Januar 2021 - By Christian Kornherr

Es ist fast zehn Jahre her, dass die große Mobilitätsrevolution erstmals ausgerufen wurde, aber erst jetzt scheint das Elektroauto tatsächlich bereit zu sein, in der Normalität des Autokaufs Fuß zu fassen. Pioniere und Early Adopter ließen sich weder von hohen Preisen noch von Kinderkrankheiten abschrecken. Diese Zielgruppe war allemal bereit, plakativ zur Schau getragenen Fortschrittsglauben gegen kleinere (Verarbeitungsqualität) und größere Unzulänglichkeiten (tatsächlich erzielbare Reichweite) einzutauschen.

Die Avantgarde-Phase scheint nun endgültig beendet zu sein und es braucht keine Kristallkugel mehr, um die Zukunft des Automobils zu erkennen. Der sprunghafte technische Fortschritt, vor allem aber politische Weichenstellungen haben den langfristige Siegeszug der Elektromobilität längst fixiert. Es sollten sich also auch jene, die noch mit dem sprichwörtlichen Benzin im Blut aufgewachsen sind, langsam daran gewöhnen, dass der Treibstoff der Zukunft aus der Steckdose kommen wird. Rückblickend wird wohl der Jahrgang 2020/21 den endgültigen Durchbruch des Elektroautos markieren, weil nun alle Kaufparameter entscheidende Hürden genommen haben. Das Angebot ist inzwischen breit gefächert, die Preise sinken auf konkurrenzfähiges Niveau zu den Verbrennern und auch Reichweiten und Ladezeiten kommen in einen Bereich, in dem Reisen zumindest im Mittelstreckenbereich denkbar erscheinen lässt.

Der Golf für die Millennials

Bestes Beispiel für die Aufbruchstimmung im Markt ist der ewige Branchenführer Volkswagen. Konzernchef Herbert Diess scheute sich nicht, den ID.3 als ersten rein elektrisch konzipierten Volkswagen in eine Reihe mit den Markenikonen Käfer und Golf zu stellen. Die Endphase der Entwicklung stockte zwar durch einige Softwareprobleme, doch inzwischen werden die ersten Kunden bedient. Der ID.3 wird sich alleine durch die marktbeherrschende Stellung des VW-Konzerns schnell ins Straßenbild einordnen.

Die Einstiegslatte des ID.3 liegt zwar mit knapp unter 40.000 Euro noch immer deutlich über dem Durchschnitts-Golf, aber auf Augenhöhe mit dem BMW i3 und gut 6000 Euro unter einem Tesla 3. Außerdem wird der Preis durch eine maximale staatliche Förderung von 5000 Euro erheblich relativiert. Dafür erhält man ein Fahrzeug, das außen praktisch auf den Zentimeter genauso kompakt wie ein Golf ist, innen jedoch aufgrund der platzsparenden Elektromotoren Raumgefühl und Platzverhältnisse eines Passat offeriert. In Sachen Fahrdynamik lassen E-Mobile ohnehin nichts anbrennen, so auch der ID.3: 150 kW entsprechen über 200 PS und im Gegensatz zu den guten, alten Pferdestärken müssen sich die Kilowatt nicht erst mühsam entlang einer Drehmomentkurve aufbauen, sondern stehen sozusagen auf Knopfdruck zur Verfügung. Der Ampelstart ist jedenfalls so mächtig wie bei einem gut im Futter stehenden Sportwagen, was letztlich auch für die Fahrdynamik in Kurven gilt. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 160 km/h begrenzt, was aber in unseren Zeiten echt kein Problem darstellen sollte. Auf den Punkt gebracht: Unterm Strich macht ein ID.3 sicher mehr Spaß als ein Golf.

Das Thema Bedienung orientiert sich mehr an der Generation iPhone als an herkömmlicher Cockpit-Architektur, es braucht also ein wenig Eingewöhnung. Gleiches gilt für die Qualitätsanmutung, gemessen an den bisherigen Standards der Marke gilt es doch, viel hartes Plastik zu verdauen.

Die neue, bunte ElektroVielfalt

Der VW ID.3 ist sicher das wichtigste Modell der Saison, aber bei Weitem nicht alleine im Elektrorevier. In der Klasse unterhalb reicht die Bandbreite bei den Neuerscheinungen vom günstigen Skoda Citygo e (61 kW/ab 21.350 Euro) über die Zwillinge Peugeot e-208 und Opel Corsa-e (100 kW/ab 29.990 Euro) bis zum pfiffigen Mini Cooper SE (135 kW/ab 33.050 Euro).

Die Golf-Klasse ist im Prinzip ein europäisches Phänomen, erst der ID.4 soll das Zeug zum Weltauto haben und wird in Deutschland, China und den USA vom Band laufen. Das Elektro-Crossover-SUV wird Ende des Jahres auf den Markt kommen, baut auf der gleichen technischen Plattform wie der ID.3, ist aber insgesamt eine Nummer größer und bulliger. Damit wird es das erste VW-Modell sein, das zum Gigantenkampf gegen Tesla antritt, denn das ähnlich gestrickte Model Y soll etwa zeitgleich erhältlich sein. Man darf jetzt schon gespannt sein, wie dieses ungleiche Duell von der Kundschaft entschieden wird. Während das Model Y ganz auf den Tesla-Mythos und mächtige, aber eigentlich unnütze Fahrleistungen (3,7 sec auf 100 km/h, 241 km/h Spitze) vertraut, setzt der ID.4 auf alltagsfähige Vernunft und die Vorteile in Vertrieb und Service des größten Autoherstellers der Welt.

Überhaupt werden in den nächsten Monaten die Stärken eines Großkonzerns zum Tragen kommen. Schützenhilfe für die ID.4 kommt spätestens im Frühjahr vom baugleichen Skoda Enyaq. Etwa die gleichen Abmessungen, aber mehr Luxus, wird der Audi Q4 e-tron bieten. Die Sportabteilung oberhalb des bereits seit einem Jahr erhältlichen Audi e-tron werden der Porsche Taycan und sein technischer Bruder Audi e-tron GT abdecken.

Das Beispiel des VW-Konzerns zeigt, wie fein gefächert das Angebot an Elektroautos in Zukunft sein wird. Tatsache ist, dass es sich keiner der großen Player erlauben können wird, maßgeblich nachzustehen. Dementsprechend komplett sieht das Elektro-Line-up bei den Mitbewerbern aus. Mercedes will mit dem EQA ebenfalls bereits 2021 ein Kompakt-SUV anbieten, während BMW mit dem iX3 vorerst auf elektrisierte Varianten bewährter Modelle setzen wird.

Die längst in chinesischem Besitz stehende Traditionsmarke Volvo hat sich mit Polestar einen sehr sportlich – und damit wohl ebenfalls direkt auf Tesla zielenden – Elektroableger zugelegt. Ford nennt sein erstes echtes Elektroauto sicherheitshalber Mustang. Das betont scharf geschnittene Design rechtfertigt den legendenträchtigen Namen durchaus, 190 kW Leistung und Null auf Hundert in 6,1 Sekunden ebenso. Jaguar hat sich den Namen EV-Type schützen lassen, was ebenfalls auf ein mythenbeladenes Sportmodell schließen lässt. Es soll aber auch ein rein elektrischer Range Rover in Arbeit sein.

Vorsicht in der Ladezone

Alles paletti also mit den Elektros? Im Wesentlichen ja, wenn man nicht zu den ausgesprochenen Langstrecken-Fahrern gehört. Aber auch auf diesem Gebiet könnte in den nächsten Jahren Entscheidendes passieren. So soll etwa der Akku des VW ID.4 an einer Schnellladesäule in weniger als einer halben Stunde Saft für 300 km aufnehmen. 

Apropos laden: Hier ist auf ungewohnten Strecken extreme Vorsicht geboten, wie eine Studie des ÖAMTC im Frühjahr zeigte. Die Basis-Ladetarife wiesen zwischen dem billigsten und teuersten Anbieter eine Differenz von fast 300 (!) Prozent auf. Außerdem kann schnelles Laden bis zum Doppelten des Normaltarifs kosten.

Dazu noch ein Tipp in Sachen Stromverbrauch: Die Reichweite ist stark von den äußeren Umständen abhängig. Hitze (Klimaanlage), Kälte (Heizung) sowie die Topografie (Steigungen) kosten Extrastrom und haben – wie nicht zuletzt der eigene Fahrstil – einen wesentlich höheren Einfluss auf die erzielbare Fahrdistanz als bei Verbrennern. Und das wird wohl noch ein paar Jahre so bleiben.

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