© Earthship Biotecture

Das Gas wird knapp, Strompreise steigen, die Wirtschaft wankt – was nach Schwarzmalerei klingt, ist die harte Realität der Inflation, in der wir uns befinden. Solaranlagen-Besitzer dürfen sich glücklich schätzen, denn sie produzieren ihren Strom selbst. Dass Häuser aber noch weitaus mehr können, als Energie zu gewinnen, zeigt die Idee der sogenannten Earthships. Was es damit auf sich hat, erklärt ihnen LIVING.

01 . August 2022 - By Moritz Weinstock

Die Natur kennt im Grunde keinen Müll, nur der Mensch produziert ihn in einer nicht oder nur schwer recycelbaren Form. Grund genug sich darüber Gedanken zu machen, wohin damit – oder was sich damit anfangen lässt. In der Mode- und Designwelt findet bereits langsam ein Umdenken in Richtung mehr Nachhaltigkeit statt. 

Schuhe, Möbel, Funktionskleidung: in vielen Bereichen werden beispielsweise alte PET-Flaschen recycelt und neu verwendet. Aber ist noch Luft nach oben! Gleiches gilt für die Bau- und Gebäudewirtschaft, die laut einem UN-Bericht noch immer für rund 38 Prozent der weltweiten Co2-Emissionen Verantwortung trägt – doch auch sie bessert sich.

 

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Earthships – kleine Kraftwerke

Sogenannte Earthships sind eine spezielle Form von Passivhäusern, die ihren Ursprung in den USA haben und sowohl ihren eigenen Strom produzieren, wie auch ihr eigenes Trinkwasser und sogar Obst und Gemüse. Zudem bedürfen sie weder eines Heizungssystems noch einer Klimaanlage, da sie dank intelligenter Dämm- und Lüftungssysteme sowie großer Fensterfronten immer über ein ideales Raumklima verfügen – und das bei gleichzeitiger Verwendung von recycelten Reifen, Glasflaschen und Plastik als Baumaterialien. 

 

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Komplexer Aufbau, simple Effizienz

Die Funktionsweise ist relativ simpel, wenngleich nicht sehr platzsparend und einfach in der Umsetzung. Zunächst steht die Standortwahl im Vordergrund, denn eine ausreichende Sonneneinstrahlung ist äußerst wichtig, um das Haus an kalten Tagen auf Temperatur zu halten. Als Wärmespeicher im Winter dient die extrem dicke Rückwand eines Earthships, die in der Regel aus alten und mit Sand gefüllten Autoreifen besteht und zusätzlich von einer meterdicken Erdschicht umhüllt ist, die als Isolierung dient. 

Ihr gegenüber ist die Fensterfront, in der das ganze Jahr über Obst und Gemüse gedeihen und im Winter notwendige Sonnenenergie auf die Reifenwand durchstrahlt, und diese erwärmt. Das Dach ist ebenfalls nicht nur Dach, sondern sowohl Energielieferant durch Solarpanels, als auch Regenwasserfänger und -Filter, dank Begrünung und Zisternen.

© Earthship Biotecture

Zu guter Letzt: das interne Wassersystem. In gewöhnlichen Häusern fließen Trink- und Abwasser zusammen und ergeben damit sogenanntes »graues Wasser«, das erst durch aufwendige Filterung und chemische Behandlung in Kläranlagen wiederaufbereitet wird. Earthships spalten hingegen den Wasserkreislauf in zwei verschiedene Systeme auf: Dusch-, Wasch-, und Badewasser haben mit dem Abwasser der Toilette nichts zu tun, werden also nicht vermengt, sondern erst nach unabhängiger Filterung in einer Art riesigem Kompost-Tank zusammengeführt, der wiederum Grundlage für den Obst- und Gemüseanbau ist.

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Schöne Lösung, aber nicht für Alle

Keine Frage, Earthships scheinen vieles besser zu machen, als konventionelle Häuser, zumal sie sich nicht nur problemlos zurückbauen lassen, sondern das, was ihre Bewohner zum Leben brauchen, umfangreich selbst herstellen. Sie bieten Wärme, wenn es kalt ist, schützen vor Hitze, wenn die Sonne wütet, produzieren Energie und Messen dem Wasser die Bedeutung bei, die es verdient: Ein rares, schützenswertes und nachhaltig einzusetzendes Gut. Und als kleines Zuckerl on top gibt es das Lieblingsobst und -Gemüse das ganze Jahr über nahezu kostenlos dazu. Einziger Wermutstropfen: man braucht viel Platz und speziell in Bezug auf die verwendeten Baumaterialien und das eigene Wasserfiltersystem bedarf es überdies auch behördlicher Genehmigungen. 

 

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