© Stefano Rossi

Die 17. Architektur-Biennale in Venedig ist so virtuell wie noch nie zuvor. Viele Länder, darunter auch Österreich, setzen auf die Cloud und widmen sich der Schattenseite der zunehmenden Digitalisierung. Doch inmitten der Bits und Bytes sind auch einige analoge Lichtblicke zu entdecken.

03 . August 2021 - By Wojciech Czaja

Riesige Bubbles wie auf Signal, Twitter oder Messenger, nur x-mal größer, baumeln von der Decke und knallen dem Besucher gleich am Anfang ein paar gewaltige Wortbrocken vor den Latz: We like! Access is the new capital! The platform is my boyfriend! »Wir leben in einer zunehmend digitalen Welt und lagern immer mehr Aspekte unseres täglichen Lebens in Apps und Clouds aus«, sagen Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer, die beiden fast zwillingshaften Herren in Schwarz, die stets in aufeinander abgestimmter Panier in der Öffentlichkeit auftreten, Peter links, Helge rechts. »Ob das nun Facebook, Amazon, Google, Uber oder Quora ist. Und sogar -unsere Yoga-Stunden und Liebespartner organisieren wir uns übers Internet.« 

Doch die heile Welt der Bits und Bytes, der bunten Icons am Smartphone und der vielen Tweets und Likes, sagen die beiden Architekten und Kuratoren, hat auch eine Schatten-seite: »Je mehr wir uns auf den digitalen Plattformen bewegen, desto mehr geraten gewachsene urbane Strukturen, öffentliche Einrichtungen und gewohnte Formen sozialer Organisation unter Druck. Wenn wir die Entwicklung nicht stoppen, könnten wir sogar des gemeinsamen Stadtraumes, der gemeinsamen Sozialisationsbühne verlustig werden.« Genau dieser Dystopie – den Serverfarmen, Google-Headquarters und Wifi-Sendern mitten in der Natur – widmet sich der österreichische Pavillon unter dem Titel »Platform Austria«. 

Österreich steht mit seinem digitalen Schwerpunkt nicht alleine da. Zwar stellte Hashim Sarkis, Dekan am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Kurator der 17. Architektur-Biennale die Nabelschau in der Lagune heuer unter das Generalmotto »How will we live together?«, doch die Antworten darauf fallen weniger architektonisch und städtisch aus – als vielmehr virtuell, zer-pixelt und mit Abertausenden von QR-Codes versehen. Und so ist der Spaziergang durch Arsenale und Giardini bisweilen etwas anstrengend. Zudem empfiehlt es sich, eine
Powerbank mitzunehmen, denn ohne voll geladenes Smartphone ist man heuer auf -verlorenem Posten. 

Großbritannien stellt in seinem »Garden of Privatized Delights«, so der offizielle Titel, sein fiktives »Ministry of Collective Data« vor. Der kanadische Pavillon konzentriert sich auf eine kleine Ausstellung an der Fassade, mit der man virtuell kanadische Landschaften abwandern kann, die in den letzten Jahrzehnten immer wieder für große Hollywood-Filme wie etwa »X-Men«, »Battlestar Galactica« und »Brokeback Mountain« herhalten durften. Und Deutschland bemüht sich erst gar nicht, irgendeine Ausstellung in seinen Pavillon zu stellen – sondern lässt den Besucher mit nackten, weißen Räumen und ein paar QR-Codes, mit denen man dann seinen eigenen Avatar zusammenbasteln darf, um mit ihm eine virtuelle Ausstellung zu besuchen, etwas ratlos zurück.

Soziokulturelle Highlights

Einer der stärksten Länderbeiträge, die sich dem Thema Digitalisierung widmen, ist der irische Pavillon von David Capener und Fiona McDermott. Mitten im Raum steht eine riesige Maschine, die Hitze, Lärm, Wind und ziemlich anstrengende, flackernde Bilder erzeugt. Die Installation ist eine Anspielung auf die vielen Serverfarmen, die in Irland in der Landschaft herumstehen – 63 alleine in Dublin. »Das sind mehr Datenzentren als in jeder anderen Stadt in Europa«, sagen die beiden Kuratoren. Viele weitere sind bereits in Bau. 2027, so die Prognose, werden die Farmen ein Drittel der gesamten Energie Irlands verbrauchen. »Bis heute haben wir dafür kein Klimakonzept. Wenn wir von  Klimaschutz und CO2-Reduktion sprechen, dann müssen wir in Zukunft auch über Facebook, Twitter und TikTok sprechen.« 

Abseits der Bits und Bytes gibt es auch ein paar soziokulturelle und technische Highlights zu entdecken. Im chilenischen Pavillon sind 525 gleich große Gemälde zu sehen, die ganz alltägliche Straßenszenen in Santiago de Chile, genauer gesagt im Wohnquartier José Mará Caro, darstellen – von Marktszenen über zwischenmenschliche Interaktionen in Schule und Büro bis hin zu Randaspekten des Lebens wie etwa Geburt, Unfall und Tod. Die ganz und gar analogen Pinselstriche sind ein emotionaler Lichtblick auf dieser tendenziell immateriellen Biennale. 

Und schließlich gibt es im Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate eine Bau­innovation mit Zukunftspotenzial zu ent­decken. Der Architekt und Kurator Wael Al Awar hat mit verschiedenen Universitäten und Forschungsinstituten einen neuartigen Beton entwickelt, der nicht CO2 ausstößt, sondern im Produktionsprozess sogar CO2 bindet. Statt Portlandzement kommt eine spezielle Salzverbindung – nämlich Magnesium­oxid – zum Einsatz. Das macht Hoffnung. Mehr davon! 

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