© Andreas Balon

Architektenvillen sind heute immer mehr markant statt zeitlos. Wer es extravagant mag, sollte nach Exposés Ausschau halten, in denen es um mehr geht als Wohnfläche und Raumhöhe.

26 . Juli 2018 - By Nicola Afchar

Wer den internationalen Immo-Markt studiert, kommt immer wieder in Berührung mit Residential-Projekten aus der Architekten-A-Liga. Zaha Hadid, Isay Weinfeld –nur zwei Namen, die sich in diesem Bereich verwirklicht haben. Ein aktuelles Beispiel aus Wien: die Parkapartments am Belvedere von Renzo Piano. Kaum eine dieser Koryphäen baut aber für Privatpersonen – unleistbar für die Bauherrenseite, uninteressant, weil wenig Publicity und/oder Herausforderung für das Architekturbüro. Glorreiche Ausnahmen kann man etwa in der »Netflix«-Dokureihe »Die außergewöhnlichsten Häuser der Welt« bewundern – und teils auch im eigenen Land.

Das Haus Rehberg kommt ganz ohne Heizung aus. Architektur habe nichts mit Geschmack zu tun, sondern mit Intelligenz in der Umsetzung, sagen die Architekten. 

Im Auftrag der Kunst

»Architektenvilla« ist ein Schlagwort, das selten, aber doch in den Exposés der führenden Makler auftaucht. Gemeint sind Häuser, meist Villen, die durch ihre Einzigartigkeit bestechen und die Handschrift eines namentlich genannten Architekten tragen. Nicht selten sind es Bauten mit Geschichte, errichtet etwa von »einem Schüler von Adolf Loos« – aber auch die Domizile der Gegenwart sind mitunter eine unübersehbare Visitenkarte des Erschaffenden.

Als »Auftragskünstler« bezeichnet sich Alexander Diem, Wiener Architekt mit Vorarlberger Wurzeln. Seine »Villa am See« ging zu Recht durch die Fachmedien. Ein Objekt, das im besten Sinne des Wortes als »markant« zu bezeichnen ist, verweist doch die Holzfassade auf bäuerliche Muster der Region, zitiert aber auf den ersten Blick genussvoll marokkanische Baukultur. »Auftragskunst« ist somit wohl die passendste Umschreibung für ein architektonisches Genre, das es noch nicht in den Duden geschafft hat. Frei schwebende Stiegen oder eine Garage, die vom ­Indoor-Pool einsehbar ist: Hier ist nicht nur erlaubt, was gefällt, sondern der persönliche Geschmack das Maß aller Dinge. Einen rein theoretischen Wiederverkauf irgendwann in der Zukunft sollte man als Bauherr ausblenden. Wobei: Als LIVING Makler um Exposés annoncierter Architektenvillen bittet, kam nicht nur einmal die Rückmeldung »kürzlich verkauft«.

Unbezahl-, aber leistbar

Scheinbar funktioniert maßgeschneidert auch pre-loved, um wieder einen Begriff aus der Mode zu strapazieren. Aus der Kategorie »un-used« stammend: die Architekten-Entwürfe, die man auf best-un-built.com erwerben kann. Häuser, die geplant, aber nie verwirklicht wurden.

Doch was genau bringt es einem, mit einem Architekten zu planen, ihn vielleicht zur ansonsten oft verpönten Selbstverwirklichung anzustacheln? Warum nicht einen Generalunternehmer beauftragen? Konkret: Wie ist der Wert der Architektur einzustufen? Gute Architektur stellt, hier sind sich wohl alle an einem Privathaus Beteiligten zumindest theoretisch einig, den Menschen in den Mittelpunkt und nicht die potenzielle Wertsteigerung. Diem holt etwas aus: »Es gibt gute Marktanalysen, die besagen, was sich verkauft und was nicht. Der Markt sowohl in Wien als auch andernorts, ist derzeit sehr innovationsfeindlich. Das liegt daran, dass Bauten vielfach zur finanziellen Absicherung errichtet werden, es wird investiert. Etliche Architekturschaffende beschäftigen sich daher mit ökologischer Nachhaltigkeit und sozialpolitischen Themen. Menschliche, vor allem sinnliche Aspekte werden kaum oder gar nicht diskutiert. Das Wort ­›Ästhetik‹ wird oft nur noch von Küchenherstellern verwendet.« Es sei das Ziel, dass die Projekte geliebt und »auf Dauer gut behandelt werden«, denn so, da ist sich der Architekt sicher, würden sie auch an Wert behalten.

Jetzt gibt’s Beton

Auch Kathrin Matzig, Co-Autorin des alljährlich publizierten Kompendiums »Häuser des Jahres« (Callwey ­Verlag), spricht davon, dass »Qualität den Wert eines Hauses steigert« – und dabei muss es sich nicht um den Typus Villa handeln. Die deutsche Architektur­kennerin spielt mit dem kultigen Werbeslogan einer Kreditkarte: »Gute Architektur: unbezahlbar. Sie steigert den Wohnwert und somit das ureigene Wohlfühlen.« Wer auf der Suche nach Inspiration – und/oder einem Auftragskünstler – ist, sollte sich »Häuser des Jahres« besorgen. Randnotiz: Beton oder Dämmbeton, innen wie außen sichtbar, ist als Material gekommen, um zu bleiben. »Auch bei den 2018er-Häusern werden wir wieder mehrere Beispiele haben«, teasert Matzig.
Mit Beton, genauer gesagt Betonküchen, wurde auch der in Oberösterreich verwur­zelte Handwerksbetrieb Steininger bekannt – und das international. Im Laufe der Jahre zog man weitere Kreise. 

Zuerst mit Interior Design, seit zwei Jahren auch mit Architektur. Die Devision steininger.architecture setzt im Hochbau um, was mit den Küchen begann: Reduktion auf klare Grundformen und Strukturen, Platz für das Wesentliche. Und genau diese Un­aufgeregtheit kann ebenso charakteristisch sein wie die Exaltiertheit.

»Häuser des Jahres«

Kreativ, individuell, exklusiv. Die schönsten und eindrucksvollsten Eigenheime werden hier ins Bild gerückt. Eine Fachjury wählte aus. Was auffällt: Sichtbeton ist gekommen, um zu bleiben.  

Verlag: Callwey
ISBN: 978-3-7667-2278-2

Erschienen in:

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