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Küche und Wohnraum lassen sich kaum noch trennen. LIVING sprach mit dem Einrichtungsexperten Martin Wetscher über neues Handwerk und wie man moderne Designerküchen wohnlich gestaltet.

15 . Oktober 2019 - By Sandra Keplinger

Eine großzügige Raumaufteilung und klare Linien sind seit geraumer Zeit starke Trends beim Kücheninterieur. Man sieht immer wieder Designs, die großteils aus Edelstahl oder anderen Metallen sind und an Industrieküchen erinnern, die im Wohnraum wenig Charme versprühen. Martin Wetscher, Inhaber der Wetscher GmbH, beschäftigt sich in seinem Einrichtungshaus nicht nur mit Trends aus ganz Europa, sondern verleiht seinen Küchen mit einer eigenen Werkstätte einen heimischen Touch. So fließt Tiroler Holzarbeit perfekt in die moderne Formensprache des Markts ein. »Bei deutschen Designs steht die Funktionalität im ­Vordergrund, was manchmal – nicht immer – auf Kosten einer gewissen Ästhetik geht. Dort muss alles perfekt ineinanderfließen, die Linien sind schlicht und das Material langlebig«, erklärt Wetscher. »Der Italiener ist, ähnlich wie wir, barocker. Wenn er reduziert, dann ­ist die Oberfläche in Hochglanz gehalten, und es gibt eine gewisse Materialvielfalt.«

Egal, wie groß eine Küche ist: Die Wege zwischen Herd, Abwasch und Kühlschrank müssen kurz bleiben.

Echtes Holz ist Trumpf

Dass moderne Küchen oft etwas unnahbar wirken, ist ein Umstand, der dem Handwerk neuen Aufwind gibt. Mittlerweile produzieren Tischlereien in derselben Qualität und Exaktheit wie große Möbelfabriken und arbeiten im Zehntelmillimeter-Bereich. »Man ist nicht mehr auf Rastermaße oder irgendwelche Typologien angewiesen, sondern kann millimetergenau einpassen. Wir mischen Küchen von Poliform oder Bulthaup oft mit unserer eigenen Tischlerei. Gerd Bulthaup hat bei einem seiner letzten Besuche in unserer Ausstellung überhaupt nicht mehr erkannt, wo seine Arbeit aufhört und unsere anfängt«, erzählt Wetscher stolz. »Das liegt unter anderem daran, dass wir die gleichen Furnierbilder und Lacke verwenden. Der Kunde hat dadurch eine höchst personalisierte Lösung, die er so in keinem klassischen Küchenstudio kaufen kann.« 

Handwerk hat aber noch andere Vorteile: Wenn moderne Designküchen zu kalt und unpersönlich wirken, kann man diesen unerwünschten Effekt mit Holzdetails weichzeichnen. Massivholz aller Art ist daher wieder stark im Kommen. »Industriegefertigte Mö­bel sind oft zu perfekt und glatt, was man mit echtem Holz gut abfedern kann.« Eine strenge Unterteilung in Klassen ist dabei nicht mehr so wichtig wie früher. Strukturbrüche oder eingewachsene Äste sind erwünscht, um eine natürliche, authentische Optik zu erzielen.

Grosser Raum, kleine Wege

Auch im Bereich der Planung tun sich einige Neuheiten auf: Der Trend zur offenen Küche ist ja schon länger da, was an den technischen Innovationen der letzten Jahre liegt. Gerüche schwirren dank neuer Abzugstechniken nicht mehr im Raum herum, auch unschöne Dunsthauben verschwinden mehr und mehr. »Was aber neu kommt, ist eine Art Hinterküche«, erzählt Wetscher. »Dort befinden sich nicht repräsentative Bereiche, unansehnlichere Geräte oder eine größere Abwasch finden hier Platz. So ergeben sich zwei Räume: eine Art Herzeige-Küche zum Wohnen und für den Kontakt mit Gästen – und eine zusätzliche Küche, wo man gröbere Arbeiten erledigt oder ein Koch tätig ist.«

Wer nicht die baulichen Möglichkeiten für eine Hinterküche hat, aber trotzdem auf die Küche als Statussymbol setzt, sieht sich also mit einer Herausforderung konfrontiert: Die Funktion darf trotz Ästhetik nicht in den Hintergrund rücken. »Wenn man die Küchenplanung angeht, muss man darauf achten, dass der Arbeitsbereich nicht zu weitläufig wird. Man beobachtet oft, dass Küchenstudios zu groß planen, weil sie nicht die gesamte Innenarchitektur im Blick haben«, erklärt Wetscher. »Wir achten in großen Räumen zwar stark darauf, dass die Küche großzügig wirkt – die Wege zwischen Herd, Abwasch und Kühlschrank müssen aber kurz bleiben.« Um die Sache zu veranschaulichen, vergleicht Martin Wetscher Küchen gerne mit Autos: »Lenkrad und Gaspedal sind in einem Fiat 500 genauso weit voneinander entfernt wie in einer Stretchlimousine. Auf die Küche umgelegt sieht das dann so aus: Bei der Kochinsel werden Herd und Wasser gegenübergestellt, in unmittelbarer Nähe befinden sich Kühlschrank und große Laden.« Wenn man sich einen Koch bildlich bei der Arbeit vorstellt, muss er sich in der Küche kaum vom Fleck bewegen. Es entsteht ein Dreieck, innerhalb dessen er navigiert: von links nach rechts, von oben nach unten, ein Standbein, ein Spielbein.  

 Wie geht man eine Küchenplanung also ­am besten an? »Wir fangen immer beim Menschen an. Wir sehen uns an, welche Vorlieben er hat und wo er sich wohlfühlt. Die Besichtigung der Gegebenheiten vor Ort ist erst der zweite Schritt. Man muss immer im Ganzen denken und planen, damit sich durch alles ein roter Faden zieht.« Es gilt in der Planungsphase also tunlichst zu vermeiden, Böden, Licht und Tisch von drei unterschiedlichen Händlern zu kaufen. So läuft man Gefahr, dass am Ende alles zusammengewürfelt wirkt. »Wenn Sie die besten Zutaten in einen Topf schmeißen, entsteht kein gutes Gericht. Es muss jemanden geben, der den Dirigenten spielt und die Zutaten gut aufeinander abstimmt.«

LIVING Nr. 04/2019

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LIVING Nr. 04/2019

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