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Wein und Architektur gehen überall in der Welt eine fruchtbare Verbindung ein. Dabei entstehen Weinkeller von kühler, ja, kühner Ästhetik, häufig gepaart mit einem exklusiven Hotel.

17 . Juli 2018 - By Martin Kilchmann

Häufig sind es Fremde, die mit Durchsetzungskraft ein Gebiet wach küssen: Als sich der Unternehmer Alex Vik 2004 in Chile auf die Suche nach Rebland machte, beabsichtigte er nichts weniger, als den besten Wein Südamerikas zu produzieren. Der Norweger scharte ein Team von Boden-, Klima- und Weinexperten um sich und wurde im Valle de Millahue fündig. Er ließ 400 Hektar fruchtbares Land mit Weinstöcken bepflanzen und errichtete einen Weinkeller, der mit seiner filigranen, transparenten, tief in den Boden greifenden Architektur das Besucherherz des Wein Aficionados höherschlagen lässt.

Nach dem Weinkeller widmeten sich Vik und seine amerikanische Frau Carrie dem Bau eines Boutique-hotels samt Gourmetrestaurant, wo sich heute in kunstbestückter Einrichtung mit Blick auf Anden-Kordilleren und wogendes Rebenmeer der 2009 erstmals lancierte Premiumwein VIK genießen lässt – eine in feinstem französischen Eichenholz ausgebaute Cuvée von Cabernet Sauvignon, Carménère, Cabernet Franc, Merlot und Syrah – vielleicht noch nicht der beste Wein Südamerikas, doch nahe am bescheidenen Ziel.

Die Weinberge der Hess Group in Argentinien klettern von 1700 Metern bei Cafayate auf rekordverdächtige 3111 Meter über dem Meeresspiegel. Sie sind meist nur über schottrige, bucklige Wege zu erreichen.

Reinigende Höhenluft

Donald Hess, ehemaliger Schweizer Bierbrauer, Mineralwasserbesitzer und renommierter Kunstsammler, hat als weiterer Pionier in Südamerika prägende Spuren hinterlassen. In den argentinischen Valles Calchaquíes im Nordwesten des Landes hat er sich in zwanzig Jahren einen von unterschiedlichen Höhenkurven gemusterten Rebenteppich gewoben, der wie kein zweiter auf dieser Welt schillert. Von 1700 Metern bis auf rekordverdächtige 3111 Meter klettern die Weinberge in entlegene, oft nur über bucklige Wege erreichbare Gebiete.
Das Herz des Unternehmens schlägt auf der Bodega Colomé in einem Hochtal auf 2300 Metern. Hess’ Schwiegersohn Christoph Ehrbar leitet es. Fünfmal im Jahr nimmt er die beschwerliche Reise von Bern auf sich. Hier steht der Weinkeller, in dem die extraktreichen, dickschaligen Trauben zu wunderbarem Torrontés oder Malbec gekeltert werden. Sie wachsen teilweise an über hundertjährigen Rebstöcken. Zum Anwesen gehören auch ein im rustikalen spanischen Estancia-Stil errichtetes Fünf-Stern-Hotel und ein Restaurant, in dem mit lokalen Produkten gekocht wird. Geradezu außerirdisch mutet das Museum für den US-Lichtkünstler James Turrell an. Wer hier in begehbaren Räumen ins farblich unablässig changierende Licht eintaucht, wird in einen wundersam schwebenden Zustand versetzt, der fabelhaft zur reinigenden Wirkung der Höhenluft passt.

Chilenisches Urgestein

Eduardo Chadwick ist definitiv kein Einwanderer. Er gehört zum chilenischen Urgestein. Wie um das zu bekräftigen, hat er den Aconcagua, den mit 6962 Metern höchsten Berg Südamerikas, bestiegen. Im Rucksack lag auch eine Flasche Don Maximiano, der beste Wein seiner im Valle del Aconcagua liegenden Weinkellerei Errazuriz, eine brillante Cuvée aus hauptsächlich Cabernet Sauvignon, Carménère, Malbec, Petit Verdot und Cabernet Franc.

Errazuriz kann auf eine beeindruckende Geschichte zurückblicken. Ende des 19. Jahrhunderts galt die Weinkellerei in Panquehue als größtes Weingut der Welt. 2010 baute Eduardo Chadwick neben dem historischen Keller aus dem Jahre 1870 für die Topweine eine neue Icon Winery. Der elegante Bau aus gebleichtem Beton, Glas und Titan von Samuel Claro bohrt sich spiralförmig in den Boden und lässt alle Arbeiten mittels Schwerkraft zu. Er gilt nicht nur in Chile als Referenz einer modernen, nachhaltigen Weinkellerei und kann im Rahmen einer Tour, die auch den historischen Teil und eine Weindegustation einschließt, besucht werden. Geschlossen fürs Publikum ist dagegen Eduardo Chadwicks Seña-Kellerei. Seña ist vermutlich der berühmteste Wein Chiles, 1995 aus der legendären Kooperation zwischen Chadwick und dem inzwischen verstorbenen kalifornischen Weinpionier Robert Mondavi entstanden. Heute sind die biologisch-dynamisch bewirtschafteten Rebberge wieder im Alleinbesitz der Familie Chadwick. Empfehlenswert ist ein Rundgang durch die prächtig gelegenen Rebberge unweit von Errazuriz. Hier trifft man auf die sogenannte Quincha Mirador, einen terrassenförmigen, von Germán del Sol erbauten, überdeckten Aussichtspunkt mit großartigem Blick in die Weite der fruchtbaren Felder, an deren Ende der Pazifik zu erahnen ist.

Die 2010 eingeweihte Icon Winery von Errazuriz gilt nicht nur in Chile als Referenz eines baubiologisch nachhaltigen Kellers. Sie bildet das moderne Gegenstück zur historischen Kellerei nebenan.

Streitbare Architektur

Ist das nun eine stilisierte Tankstelle oder erinnert das Gebäude an ein Kunstwerk inmitten von Weinbergen? Am Weingut O. Fournier im argentinischen Mendoza scheiden sich die Geister. Karg, reduktionistisch, auf auf­einanderliegenden Ebenen gebaut, lässt es eine Kelterung mittels Schwerkraft zu. Zwei Rampenwege führen hinauf zu einer Terrasse, über der ein weit auskragendes Dach, einem Schirm gleich, Schatten spendet. Lohnend der Blick in die verschneiten Anden, wie ein Abschied.

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