© Markus Edger-Ruf

Der gefeierte Produktdesigner Sebastian Herkner liebt Handwerkstradition und zeitlose Eleganz: Nach diesen Prämissen hat er auch sein erstes Restaurant gestaltet – in den Räumen eines alten Wirtshauses in der Baden-Württembergischen Weinstadt Lörrach.

22 . Juni 2021 - By Uwe Killing

Am Anfang war ein Stuhl. Nicht irgendein Stuhl, sondern eine ­Legende: der Thonet »214«, den alle Welt als den klassischen Wiener Kaffeehausstuhl kennt. Mit dem Thonet »118« hat der Designer Sebastian Herkner vor drei Jahren seine moderne Interpretation des Originals mit großem Erfolg auf den Markt gebracht. Gleich 62 Exemplare vom Thonet »118« findet man in den Räumen des jüngst eröffneten Wirtshauses »Mättle« in Lörrach.  

»Der ›118‹ ist ein klassischer Holzstuhl, der an jedem Esstisch, in jedem Restaurant für subtile Eleganz sorgt«, betont Sebastian ­Herkner. Der Designer, der für seine Möbel vielfach ausgezeichnet wurde (u. a. Maison&Objet, »Designer des Jahres« 2019), hat bei dem Gastro-Projekt jedoch nicht nur die Stühle geliefert. Der 40-Jährige zeichnet für das Raumkonzept verantwortlich. Und so lässt er über den runden Holztischen im Vintage-Look seine für Pulpo entworfenen Hängeleuchten »Stellar Grape« schweben – in der Anmutung von prallen Trauben.

Für Herkner ist der enge Bezug zum Charakter des vom Weinbau geprägten Orts im Dreiländereck von Deutschland, Frankreich und der Schweiz elementar. Das »Mättle« öffnete Mitte des 19. Jahrhunderts, war aber in den vergangenen fünfzig Jahren ­geschlossen, bis es vom Sternekoch und Gastro-Unternehmer Nicolai Wiedmer wiederentdeckt wurde. Herkner kannte die Familie bereits über ein anderes Hotelprojekt. Das »Mättle« trägt nun ganz Herkners Handschrift: »Wir wollten die klassische Wirtshaustradition neu beleben, das Interior aber etwas feiner gestalten. Es soll eine ›gute Stube‹ sein, aber nicht historisierend, ­sondern zeitgemäß.«

Moderne Bodenständigkeit

Die Synthese aus Nachhaltigkeit und einer puristischen Ästhetik zeigt sich nicht nur im »Mättle«, sondern auch im Untergeschoß, wo das »Theodor« hinzukam – mit Bar und einer Lounge inklusive Bistro-Küche. Ob eigene Objekte, einzelne Entwürfe anderer Designer oder Sonderanfertigungen: Alle Elemente fügen sich mit eigenen Noten in das durch Steinwände und Eichenholzdielen geprägte Ambiente. Und sie bestätigen Herkners Respekt vor Naturmaterialien und alter Handwerkskunst, der in seinem Design immer stärker zum Ausdruck kommt. 

»Hier wird eine moderne Wirtshausküche mit internationalen Einflüssen serviert. Sie vergisst aber ihre Wurzeln nicht und setzt stark auf lokale Zutaten«, sagt Herkner, »die Speisen und das Interior-Konzept gleichen sich an zahlreichen Stellen: Es geht um die richtigen Zutaten in bester Qualität, das Augenmerk auf Details bei Farben und Materialien und ehrliche, aber dennoch feine und raffinierte Kombinationen.«

Das gilt besonders für den Thonet-»118«-Stuhl. Dessen Vorbild stammt aus der gleichen Ära wie die ehemalige markgräfliche Gaststube. Alt trifft Neu. Und die lackierten Rundungen der Sitz-Ikone setzen in Herkners Raumphilosophie unterschiedliche visuelle Akzente: einige in Schwarz und mit klassischem Korbgefecht, die Mehrzahl im sandfarbenen Taupe-Ton. Angefertigt wurden die Stühle im Thonet-Werk im hessischen Frankenberg mit der Dampf- und Biegetechnik, mit der Michael Thonet 1859 – damals noch in Wien – die Sitzmöbelherstellung revolutionierte. Sebastian Herkner, dessen Studio sich im nahen Offenbach befindet, fährt regelmäßig ins Thonet-Werk. Ihm ist dieser Bezug zur manufakturellen Produktion wichtig: »Ich habe auch Holz gebogen. Dabei geht es nicht nur um Kraft, sondern es gehört viel Fingerspitzengefühl dazu.«

LIVING Nr. 04/2021

Erschienen in:

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