© Dubai Design District

Sie sind das Salz in der Suppe der Stadtentwicklung. Kreative, Hipster, Designer:innen und Gamer:innen. Kein Wunder, dass sich Städte und Developer einen Wettbewerb um die besten Ideen liefern, wie man die anspruchsvollen Creative Industries anlocken kann.

26 . April 2022 - By Maik Novotny

Alte Fabrikhallen und Lagerhäuser, Ziegelmauern und Blech, bunt zusammengewürfelt. Ein Kanal, ein Bahndamm – und mehrere Hundert Künstler:innen, darunter, zumindest früher, sagt man, der berühmte Banksy. Hackney Wick im Osten Londons ist das postindustrielle Kreativquartier par excellence, und es trägt nicht wenig zur Aufwertung der Gebiete um den Olympic Park bei, wo die Grundstückspreise ins Astronomische steigen.

LOCKSTOFF-WETTBEWERB

Seit der amerikanische Urbanismus-Guru Richard Florida 2002 sein Buch »The Rise of the Creative Class« vorstellte, weiß jede:r Bürgermeister:in, dass Design und Hipster den Weg zur erfolgreichen Stadtentwicklung ebnen. Kein Wunder, dass inzwischen ein globaler Lockstoff-Wettbewerb ausgebrochen ist, um das Künstler:innenvolk anzulocken.

Zusammengewürfelt wirkt auch der 2021 eröffnete London Design District südlich der Themse. Zwischen der O2-Arena und brandneuen sterilen Wohngebieten eingeklemmt, soll er in kulturellem Brachland für Mehrwert sorgen. Hackney Wick Nummer zwei aus der Retorte. Finanziert wird das Areal vom Hongkonger Milliardär Henry Cheng Kar-shun und seiner Firma Knight Dragon. Der erste Eindruck: Hier hat man sich wirklich Mühe gegeben. Anerkannte Architekten wie Barozzi Veiga und David Kohn durften ihre Interpretationen von Lofts realisieren, zwischen postmoderner Buntheit und slickem Stahlblech. Die ersten Mieter:innen sind schon eingezogen: Sneaker-Designer:innen, Musikindustrie, Kunstkollektive, Grafiker:innen, Start-ups.

Das Loft als Synonym für Kreativität ist, wie man sieht, global etabliert. Im chinesischen Shenzhen adaptierten die niederländischen Wunderwuzzi-Architekten MVRDV ein altes Fabrikgebäude im Stadtviertel Nantou zur kreativen Idea Factory. Mit Gym, Dancefloor und Räumen zum ungezwungenen Get-together. »Das zeigt, dass die brandneue Stadt Shenzhen jetzt in eine Phase der Erneuerung und des Neu-Alt eingetreten ist«, sagt MVRDV-Chef Winy Maas.

DESIGN IN DER WÜSTE

Nicht jede Stadt hat die historische Substanz, die den idealen Nährboden für Kreativität darstellt. Manche versuchen daher, ihn aus dem Nichts heraufzubeschwören. So wie Dubai, das bereits Alternativen zur Öl-industrie sucht und sich zum Ziel gesetzt hat, die Designmetropole der arabischen Welt zu werden. Also nahm man ein 1,4 Millionen Quadratmeter großes Stück Wüste am Stadtrand her und errichtete darauf den Dubai Design District (d3). Ob sich der Mut und das Investment auszahlen, wird man sehen.

Kleiner und organischer geht es in den etablierten Kreativmetropolen zu. In Finnland etwa hegt und pflegt man die Gaming-Industrie, mit einem Jahresumsatz von rund 2,4 Milliarden Euro eine der größten in Europa. Gamer:innen brauchen Farbe, Lockerheit und Gemütlichkeit, das weiß man in Helsinki sehr gut. Also baut man ihnen als Lockmittel schöne Co-Working-Lofts, die ihr Design nicht zu auffällig vor sich hertragen. »Mothership of Work« (MOW) heißt eines von ihnen, das 2016 eröffnete, neben Arbeitsplätzen bietet es Burgerrestaurant, Garten und natürlich eine Sauna.

In Berlin, wo die Kreativindustrie fast schon ein Unique Selling Point ist, wurde ein verschlafenes, aber zentrales Gebiet im westlichen Kreuzberg behutsam (um Gentrifizierung zu vermeiden) angehipstert. Hier bekam die ehrwürdige Zeitung »taz« ein neues Domizil, daneben wurden Gewerbebaugruppen wie Frizz23, Künstler:innen-ateliers und Galerien mit Wohnungen zu einer Berliner Mischung kombiniert.

Doch dieser globale Wettbewerb bedeutet nicht, dass alle Städte zu gnadenlosen Rivalen werden. Ein Netzwerk der Creative Cities ist längst etabliert, in Österreich gehört Graz dazu, dessen Mischung aus Kunsthaus, steirischem herbst, Diagonale und viel regionalem Handwerk ein kleines, aber hervorragendes Kreativbiotop darstellt. Denn ob in London, in der Wüste oder in der Steiermark: Gutes Design braucht immer ein gutes Netzwerk – sonst hilft auch das größte Investment nichts.

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