Foto beigestellt

Hans Hollein starb 2014. Jetzt wurde sein letztes Werk vollendet: der 200 Meter hohe SBF Tower. Ein würdiger Schlusspunkt, der eine 60 Jahre alte Wolkenkratzer-Vision real werden ließ.

04 . Juni 2019 - By Maik Novotny

Alles begann mit einer Kerze. 32 Jahre alt war Hans Hollein, als er im Jahr 1966 seinen ersten Auftrag realisierte: das Kerzengeschäft Retti am Wiener Kohlmarkt. Mit nur 14 Quadratmetern winzig klein, doch mit maximaler Wirkung: Die Ladenfront aus Aluminium mit der eingestanzten Kerzenform wirkte im verschlafenen Nachkriegs-Österreich wie eine Botschaft aus der fernen Zukunft. Hightech traf hier auf künstlerischen Ausdruckswillen. Im Inneren gelang es Hollein, den Raum um vieles größer wirken zu lassen, als er war. Das Retti sollte der Grundstein für eine lange, erfolgreiche Karriere werden und gilt heute als eine Ikone der Postmoderne – auch wenn Hollein diesen Begriff nie mochte.

»Hollein war trotz seines hohen Alters oft auf Reisen. Er war sehr stolz auf seine Miles&More-Karte!« Christoph MonscheinArchitekt

Kunst und Hightech

Es folgten in Wien noch zahlreiche weitere Ladengeschäfte, der News Tower, der Soravia Wing vor der Albertina und das leidenschaftlich umstrittene Haas-Haus gegenüber dem Stephansdom. Es folgten weltweit vielbeachtete Kulturbauten wie das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt oder der spektakuläre Wissenschaftspark Vulcania, dessen Architektur sich in der französischen Auvergne tief ins Erdreich bohrt. Es folgten Wohnhäuser, Wolkenkratzer, Möbel. Es folgte 1985 mit dem Pritzker-Preis der Nobelpreis der Architektur. Es folgten Ausstellungen wie die große Retrospektive im Wiener Museum für Angewandte Kunst im Jahr 2014. Sie sollte ein Geschenk zum 80. Geburtstag sein, doch Hollein sollte sie nicht mehr erleben: Er starb wenige Wochen vor der Eröffnung. Sein überbordender Nachlass ging ans Wiener Architekturzentrum und füllt dort heute eine ganze Lagerhalle.

Jetzt, fünf Jahre nach seinem Tod, wurde sein letztes zu Lebzeiten begonnenes Werk vollendet: der 200 Meter hohe SBF Tower im chinesischen Shenzhen. 8700 Kilometer vom Kohlmarkt entfernt, symbolisiert er den langen ruhmreichen Weg, den Hollein zurücklegte. Nicht allein – denn realisiert wurde der Turm von Holleins Büropartner Christoph Monschein, der heute nach der Auflösung des Hollein-Office sein eigenes Büro führt. »Gut 30 Mal bin ich nach Shenzhen geflogen«, erinnert er sich, »Hollein war trotz seines hohen Alters sehr oft mit dabei. Manchmal hat er sogar eine kleine Weltumrundung daraus gemacht und sein vorletztes Bauprojekt im peruanischen Lima mit in den Reiseplan genommen.
Er war sehr stolz auf seine Miles&More-Karte!«

Gepixelte Vision

Noch vor einer Generation war die Wirtschaftsmetropole Shenzhen eine unbedeutende Kleinstadt, heute zählt sie 12 Millionen Einwohner. An Hochhäusern ist sie wahrlich nicht arm, doch der SBF Tower mitten im Central Business District im Stadtzentrum sticht heraus: Er wirkt, als hätte man zwei verschiedene Türme portioniert und die Teile aufeinandergeschichtet. Sogenannte »Box Levels« mit Bürogeschoßen wechseln sich mit »Sky Gardens« ab, die mal zurück-, mal vorspringen und Platz für Grün in luftiger Höhe lassen. Als würde sich der Bau in dreidimensionale Pixel auflösen.

Wolkenkratzer, die in der Luft um sich greifen: eine Idee, die Hollein schon in seinen frühen, visionären Skizzen der 50er-Jahre faszinierte, als er wuchtige Flugzeugträger in imaginäre Landschaften setzte. »Auch für den SBF Tower war die Grundlage eigentlich eine Zeichnung von 1959«, erinnert sich Monschein. »Damals ist er nach Chicago gereist, um sich Wolkenkratzer anzuschauen.« So schloss sich der Kreis, und Holleins letztes Werk wurde zum Echo seiner ersten Sky­scraper-Träume, Zeichen einer lebenslangen Faszination.

LIVING Nr. 02/2019

Erschienen in:

LIVING Nr. 02/2019

Genuss – das ist zentrales Thema der Falstaff-Magazine. Nun stellen wir das perfekte Surrounding dafür in den Mittelpunkt. Das Ambiente beeinflusst unsere Sinneseindrücke – darum präsentiert Falstaff LIVING Wohnkultur und Immobilien für Genießer!

AKTUELLES MAGAZIN 02/2020