© Leolux Bellice

Es ist Zeit, Farbe zu bekennen. Der All-Over-White-Look verliert zunehmend an Bedeutung, dunkle Nuancen sind ton­angebend und bringen die Räume zum Leuchten. Von gängigen Denkfehlern und Parallelen zur Sterneküche.

24 . Oktober 2018 - By Nicola Afchar

Ultraviolett, Sage, Millennial Pink, Marrs Green – Trendfarben der ­letzten Jahren, nominiert von Farben- und Papierherstellern oder Influencern. Mit wenigen Ausnahmen verschwinden die »Colors of now« so schnell, wie sie gekommen sind – auch wenn Marrs Green etwa als »beliebteste Farbe der Welt« durch die Medien gejagt wurde. Was aber bleibt, ist der Hang zum Bunten, der auch immer schon da war. Die »weiße Phase« der letzten Jahrzehnte ist, auch wenn es anders erscheinen mag, ein Ausreißer der Wohnhistorie. Polychrome, ja geradezu opulente Wandgestaltungen waren durch die Epochen hindurch eine Sache des Prestiges – von Wandteppichen angefangen bis hin zu Tapeten.

»Ein völlig neutral gehaltenesHaus ist heute nicht mehr so angesagt, jeder möchte etwas mehr Spannung in sein Heim bringen.« Charlotte Cosby Farrow & Ball

Auch das heute gepriesene Mix & Match ist nicht neu. Stilpluralismus war gerade im 19. Jahrhundert gefragt, die Häuser der Reichen glichen Kuriositätenkabinetten. Anfang des 20. Jahrhunderts verlangsamte sich das Farben- und Musterkarussell dann wieder, Architekten der radikalen Moderne wie Ludwig Mies van der Rohe sprachen sich für reinweiße Wände aus. Es gab aber auch die Konterparts, etwa Le Corbusier, dessen Farbklaviatur im Jahr 2000 von Katrin Trautwein (kt.COLOR) neu aufgelegt wurde. Die Schweizer Manufaktur arbeitet ausschließlich mit Naturpigmenten, das Konzept ist vergleichbar mit dem einer Sterneküche. Die Zutaten: erlesene Pigmente. Der Aufwand: gewaltig. »Es lohnt sich, weil Pigmente wie Umbra natur, Pariserblau, Veronesergrün oder Elfenbeinschwarz Farben erzeugen, die unvergleichliche Stimmungen in der Architektur ergeben«, erklärt die Farbchemikerin. kt.COLOR-Farben wurden und werden gerne kopiert – das alleine spricht Bände. »Wir wählen Farben aufgrund ihrer Wirkung im Raum, das macht sie zu Architekturfarben. Es gibt viele Blautöne, aber nur zwei Pigmente, die in allen Aufhellungen und Ausmischungen kleine Räume größer machen. Genau das macht sie für uns interessant.« Wer Trautwein zuhört, kommt nicht umhin, Farben als das zu sehen, was sie sind: große Poesie. Namen wie Königspurpur, Matterhornblau und Glühwürmchengelb tragen das Ihre dazu bei.

Neue Farbenlehre

225 Farben zählt die Verkaufspalette von ­kt.COLOR, über 2000 Rezepte hat Trautwein bereits entwickelt und produziert. Wie nur wählt man aus dieser Fülle die richtige Hülle für Boudoir, Küche oder Gästezimmer? Man sollte sich zuerst einmal von der althergebrachten Auffassung verabschieden, sich für einen Farbton entscheiden zu müssen. Heute denkt man mehrschichtig. Man kombiniert neutrale Töne mit Akzentfarben. Man denkt in Konzepten, in Szenografien, und man bezieht Bereiche mit ein, die bisher meist standardisiert weiß waren. Decken, Türen, Stuckelemente – all dies eignet sich hervorragend, um mutig zu sein. Dem Bett ein Headboard in einem Signalton verpassen oder die Wand farblich zweiteilen? Der Effekt ist immens. Immer häufiger dienen dunkle, rauchige Farben hierbei als »new neutrals«. Das ­bestätigt nicht nur Katrin Trautwein, sondern auch Charlotte Cosby, Kreativdirektorin von Farrow & Ball. Farben wie Down Pipe, Railings und Stiffkey Blue erfreuen sich, so die Engländerin, steigender Beliebtheit.

Es fällt auf: Bläuliche Grüntöne oder grünliche Blaunuancen sind derzeit gefühlt überall. Werden Blau und Grün kombiniert, verbinden sich die natürlichen, geerdeten Eigenschaften des Grüns mit der Ehrlichkeit der Farbe Blau, der beliebtesten Farbe der Welt. Je nach Nuancierung, Sättigung und Tiefe des Tons werden dabei die Attribute unterschiedlich betont. Gerade im Hospitality-Bereich ist ein gemüt­liches Grün momentan State of the Art, und das kommt nicht von ungefähr: Die Mega­trends Authentizität, Regionalität und »back to nature« finden hier ihren Widerhall. Und ja, das funktioniert auch zu Hause – sowohl im Haus auf dem Land als auch im Stadt-Penthouse.»Ein völlig neutral gehaltenes Haus ist heute nicht mehr so angesagt, ­jeder möchte etwas mehr Spannung in sein Heim bringen – und das funktioniert nun mal am besten mit stärkeren Farben, selbst wenn man diese nur sehr sparsam einsetzt.« Cosby, die 2016 als Co-Autorin das Buch »Stilvoll wohnen mit Farbe« (Callwey Verlag) veröffentlicht hat, setzt auf Details. »Akzentwände können überall funktionieren, aber Schlaf- und Wohnzimmer eignen sich besonders gut. Streicht man die Wand hinter dem Bett oder dem Kamin in einem dunkleren Ton, erdet dies das Zimmer. Dabei sollte man eine Farbe wählen, die ein oder zwei Nuancen dunkler ist als die des restlichen Raums.« Interessant auch das Spiel mit dem Finish. »Die Menschen suchen nach neuen Möglichkeiten, ihr Zuhause kreativ ­zu gestalten – die Popularität von ›Modern Emulsion‹, einem leichten Glanz-Finish, bestätigt das«, so Cosby. Bei glänzenden Möbeln sollte man eher auf ein mattes Finish setzen.

»Grün und Rosa ist immer eine gute Wahl. Ich liebe aber auch starke Rottöne mit Pink oder Senftöne mit Gold und Grün.« Laura Karasinski Atelier Karasinski

Hat man sich bei Sideboard und Lounge-Chair für Weiß entschieden, sind kräftige Wandfarben sinnvoll, wie Trautwein verrät. »Weiße Elemente leuchten viel schöner, wenn sie vor dunklen Hintergründen stehen.« Im Spiel von Hell und Dunkel verstecken sich ­einige Fallstricke, hier verheddert man sich gerne in Denkmustern, die jahrzehntelang nicht hinterfragt wurden. So gilt die land­läufige Meinung, man solle die Decke weiß streichen, um den Raum optisch zu strecken, als überholt. »Man sieht Helles zuerst, wa­rum also eine niedrige Decke auffällig gestalten? Man streicht dunkel, was verschwinden soll, und hell das, was man zeigen möchte. Oder rot. Rot hat den Effekt zu vergrößern.« Aber deswegen alle Decken dunkel streichen? Lieber nicht. »Wir vertreten die Ansicht, dass man Licht und Schatten, hell und dunkel, bunt und unbunt sowie gute, vermittelnde Töne braucht. Ein schönes Farbkonzept bietet eine anregende, aber nicht aufregende Landschaft. Wie wäre es mit einer dunklen Lesenische oder Bibliothek? Das nächste Zimmer darf dann aber wieder hell und leuchtend sein.« Ein Tipp für den Einstieg ins Dunkle: Etwas unterhalb der Augen­höhe eingesetzt wirkt solch ein Ton weniger mächtig. Eine frei stehende Badewanne oder eine Kücheninsel lassen sich so etwa perfekt in Szene setzen.

Trendbiester zähmen

Ein faszinierender Sonderfall: Rosa und Pink. Nachdem das Farbeninstitut Pantone 2016 Rose Quartz zur Farbe des Jahres ausgerufen hat, hat sich der zarte – eigentlich unaufdringliche – Ton ungebremst verbreitet und wurde zu einer Art unzähmbarem Trendbiest, das heute auch auf den Namen Millennial Pink hört. Hotels, Restaurants, Möbelstücke – was pink ist, landet auf Instagram und sorgt für Klicks. Die Wiener Art Directrice Laura Karasinski weiß, warum Pink uns nicht kalt lässt. »Die Farbe hat eine besondere neurologische Wirkung. Im Buch ›Drunk Tank Pink‹ wird die Wirkung von Farbe auf die Psyche erläutert. Pink schneidet dabei besonders gut ab.

Der Grund dafür ist die Konnotation mit dem Mutterbauch. Rosatöne beruhigen – sogar ganze Massen. In einem Gefängnis in den USA wurde der Aufenthaltsraum rosa gestrichen, um die Gewaltquote zu senken. Es hat gewirkt.« Karasinski, die unter anderem von den Machern der Wiener Restaurants »Motto« und »Schwarzes Kameel« engagiert wurde, ist überzeugt, dass Pink kein Trend ist, sondern »eine Farbe der Menschheit«. Die 1990 geborene Gestalterin und Eigentümerin des Ateliers Karasinski prognostiziert eine Retrospektive der 1970er-Jahre mitsamt ihren Farben, musterfrohen Stoffen und runden Formen. Sie weiß auch, wie man mit Trends umzugehen hat. Beispiel: Tapeten oder Stoffe mit Palmenmuster, die sich seit einiger Zeit gefühlt an jeder Ecke finden. »Als wir 2015 mit der Planung des Stammhauses des Restaurants ›Motto‹ begonnen haben, war es nicht möglich, so ein Motiv für die Vorhänge zu finden. Vier Jahre später findet man es überall. Spätestens dann weiß man, dass es Zeit für Neues ist.« Großformatige florale Muster bzw. »Greenery« sind schon seit Jahren ein Bestseller bei den Tapetenherstellern (Tipp: Surface View sowie Cole & Son) und die ersten Fall/Winter-2018/19-Kollektionen zeigen, dass das auch so bleibt. Klassische Muster sind auch nie verkehrt. So greift Laura Karasinski etwa gerne zu Papiertapeten mit ­archivierten französischen Motiven aus dem 18. Jahrhundert. Gerade kleine Räume (Gäste-WC!) oder Durchgangszimmer sind prädestiniert für Tapeten. Talking about classics: Auch Weiß wird immer seine Berechtigung haben. Abgesehen davon: Weiß ist nicht gleich Weiß – auch hier kann man Farbe bekennen.

Stilvoll wohnen mit Farbe

Ein 268 Seiten starkes Wohnbuch, das inspiriert und hilft, die eigenen Visionen zum Thema zu verwirk­lichen – verfasst von den Farbexpertinnen Charlotte Cosby und Joa Studholme von Farrow & Ball. 

Verlag: Callwey Preis: 39,95 Euro callwey.de

 

LIVING Nr. 04/2018

Erschienen in:

LIVING Nr. 04/2018

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