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Wohnen im Büro oder arbeiten von zu Hause? Trotz Schwierigkeiten im täglichen Arbeitsprozess wird das Homeoffice auch nach der Krise einen höheren Stellenwert einnehmen als bisher und mehr denn je in unseren Wohnbereich integriert sein.

30 . April 2020 - By Angelika Rosam

Was bis dato als Privileg für Arbeitnehmer und als großzügiges Entgegenkommen des Arbeitgebers galt, wurde Alltag und Realität: Das Homeoffice ist dank Corona zu unserem neuen Arbeitsplatz avanciert – zwangsverordnet und ohne große Vorankündigung, ob man wollte oder nicht. Schlabberlook und Jogginganzug also statt Businessanzug und Designer-Kostüm. Keine Flucht mehr vor dem quengelnden Nachwuchs oder dem nervenaufreibenden Ehepartner. Die eigene Couch, der Wohnzimmertisch anstatt des großen Schreibtisches und Bürostuhls. Dort, wo sich früher Kinderspielzeug oder einfach nur feine Accessoires stapelten, thronen jetzt Laptop, Handy und Schreibwerkzeug. Soziale Abgeschiedenheit anstatt fröhliche Büro-Kommunikation. Erleichterung im Arbeitsalltag oder Frust? Oder doch vielleicht beides? 

Experiment Homeoffice

Die Meinungen darüber sind gespalten. Das populäre Homeoffice, das alleinerziehenden Frauen bestimmt war oder halbtags arbeitenden Müttern den Weg in den Berufsalltag erleichtert, ist zu einem kollektiven und unausweichlichen Experiment mutiert, dessen Ausgang noch unklar ist. Denn auch wenn jetzt Woche für Woche die strikten Maßnahmen der auferlegten Quarantäne entschärft werden, bedeutet das kaum den Aufruf, die Laptops zuzuklappen und den Büroalltag ohne Einschränkungen wiederaufzunehmen. Das Arbeiten hat fraglos eine neue Dimension erreicht – aber was bedeutet das für die Unternehmen? Und vor allem: Wie geht man damit zu Hause um? »Innerhalb der letzten Wochen hat sich die Art, wie Büros und Teams funktionieren, genauso überraschend wie radikal verändert«, beschreibt Thorsten Heiling, Büro-Einrichtungsexperte und Vitra-Geschäftsführer in Österreich, die Situation. »Nicht alle, die ihren Arbeitsplatz aufgrund der Covid-19-Maßnahmen nach Hause verlegen mussten, waren darauf vorbereitet. Die Realität sind oft schlechte Internetverbindungen, nicht vorhandene Soft- und Hardware, Homeschooling und Ähnliches. Es macht einen großen Unterschied, ob man sich bewusst für das Homeoffice entscheidet oder ob man vor vollendete Tatsachen gestellt wird.« Skepsis macht sich auch bei der zukünftigen Organisation breit. »Home-office ist wegen der Arbeitsteiligkeit organisatorisch nicht durchgehend möglich«, analysiert der Wiener Soziologe Reinhold Knoll die Lage, »Projekte werden ohne Kontakt und Fachgespräch nicht ausführbar. An die Grenzen des Rationalen stößt man, wenn vom Arbeitsteam keine klaren Vorstellungen von den individuellen Funktionen gewonnen werden und sich Teilnehmer in Vorstellungen flüchten, die zwischen Sympathie und Antipathie pendeln.« 

Die Arbeitswelt wird nach der Krise definitiv nicht mehr dieselbe sein. Die Arbeitsweisen werden sich verändern, flexible Arbeitsmodelle müssen
überdacht werden.

Ewald Stückler, GF Tecno Office Consult

Home-Feeling Wohnliches Büro- Interior von Tecno  Office Consult – ein  Unternehmen der  Behan+Thurm-Gruppe. tecno.at

Home-Feeling: Wohnliches Büro-Interior von Tecno Office Consult – ein Unternehmen der Behan+Thurm-Gruppe. tecno.at

 

© Vitra
Ewald Stückler von GF Tecno Office Consult.

Ewald Stückler von GF Tecno Office Consult.

© Guenther PEROUTKA

Veränderung der Arbeitsweise

Auch wenn es in vielen Bereichen problematisch erscheint, die Homeoffice-Situation auf längere Sicht zu bewältigen, so wird ein rasches Umdenken notwendig sein, um den Arbeitsalltag von zu Hause aus produktiv zu meistern. Eine Alternative? Die gibt es derzeit nicht. Ewald Stückler, CEO von Tecno Office Consult und mit schnelllebigen Trends in der Arbeitswelt vertraut, be-stätigt die neue Homeoffice-Zukunft. »War vor der Covid-19-Krise das Homeoffice in einem Bereich von maximal 5 Prozent angesiedelt, stehen wir jetzt bei einer Präsenz von über 90 Prozent. Die Arbeitswelt wird nach der Krise definitiv nicht mehr dieselbe sein. Die Arbeitsweisen werden sich verändern, flexible Arbeitsmodelle müssen überdacht werden.« Und natürlich auch so konstruktiv wie möglich umgesetzt. »Da auch wir davon ausgehen werden, dass der Anteil der Arbeitnehmer, die weiterhin vermehrt im Homeoffice arbeiten, höher sein wird als zuvor«, so Vitra-Geschäftsführer Heiling, »stellt das den Arbeitgeber vor die Herausforderung, Selbstverständliches der konventionellen Zusammenarbeit digital zu kompensieren, um auch weiterhin Teamgeist und gemeinsame Zielsetzung vermitteln zu können. Und zwar ohne gut durchdachte Architektur, in der Begegnungszonen eine wichtige Rolle spielen.«

 

Thorsten Heiling, Geschäftsführer von Vitra Österreich.

Foto beigestellt
Lounge-Chair »Citizen« von Vitra: Unkonventionell sowie ein überraschendes Sitzerlebnis – der »Citizen Chair«, von Designer Konstantin Grcic für Vitra entworfen. vitra.com​​​​​​​

Lounge-Chair »Citizen« von Vitra: Unkonventionell sowie ein überraschendes Sitzerlebnis – der
»Citizen Chair«, von Designer Konstantin Grcic für Vitra entworfen. vitra.com

© Vitra

Office mit Wohn-Feeling

Was bedeuten diese Zukunftsperspektiven nun für die eigenen vier Wände? Die Veränderung der Arbeitswelt bringt in Folge auch die Veränderung der Wohnwelt mit sich. Das improvisierte Homeoffice, vielleicht jetzt noch in Form eines kleinen Tisches irgendwo in eine kleine Nische in der Wohnung gezwängt, soll also aufgewertet werden, um professionelles Arbeiten so produktiv wie möglich zu gestalten und angenehmes Homefeeling zu vermitteln. Neben technischen Betriebsmitteln wie Laptop, externem Bildschirm, Drucker, ausreichender Internetverbindung für Datentransfer und genug Stauraum für Ordner und Dokumente ist im Falle von kinderreichen Familien anzuraten, einen eigenen Raum als Homeoffice zu definieren. »Wichtig ist weiters«, so Stückler, »dass es für den Arbeitsplatz ausreichend Tageslicht gibt und einen direkten Sichtbezug nach außen. Es sollten hier auch Materialien eingesetzt werden, die sehr neutral sind und sich gut in das Gesamtbild des Interieurs für den Wohnbereich einfügen.«

An die Stelle der Heimwerkerbank tritt für viele Unternehmer nun zwangsläufig das wohnlich eingerichtete Homeoffice. Was erwartet uns dann? Videokonferenzen vor geordneten Bücherregalen? Schreibtische in Design-Optik, stylishe Büroutensilien, farblich abgestimmte Blumenarrangements, die mit Tischlampen umjubelter Interior-Brands korrelieren? Sicher ist: Wenig genützte Nebenräume dürfen endlich als neue Arbeitsflächen umgestaltet werden und fügen sich harmonisch in das restliche Ambiente ein. Ein neues Wohn-Eldorado, das nicht erst seit Kurzem Zuspruch findet. Denn der neue, heimelige Homeoffice-Trend zeichnet sich in der Branche schon seit einigen Jahren ab. International anerkannte Interior-Brands wie Maxalto oder BoConcept integrieren bereits erfolgreich geschmackvolles Homeoffice-Interior in den Wohnbereich. Man wolle »klassischem Interior mit den Anforderungen des modernen Lebens begegnen«, heißt es in der Führungsebene von Maxalto, »in dem Details, Gegenstände und
Möbel zusammen neue Identitäten schaffen«. Der Boom in diese Richtung wird verstärkt, da auch Büromöbel-Hersteller auf diesen Trend aufgesprungen sind und Kreativreichtum signalisieren. Stückler: »Die Büros der neuen Generation sind wesentlich wohnlicher konzipiert als früher, als der Trend eher auf klare Bürostrukturen ausgelegt war und nicht, wie jetzt, auf Bürolandschaften. Wir sprechen darum auch nicht von der klassischen Büroplanung, sondern von Open Landscape. Hier verschwimmen die Bereiche Work, Recreation Areas, Meeting Areas oder Conference Areas. Fazit: Wohn-Feeling im Büro ist angekommen, und durch die Krise werden sich viele Möglichkeiten ergeben, diesen Bereich noch wohnlicher auszubauen.«

Home Sweet Home Vitra vereint modernes Office-Interior mit genügend Wohn-Atmosphäre. Ein Klassiker: der »Eames Lounge Chair« – überall passend. vitra.com

© Vitra

Komfort & Entschleunigung

Auch Vitra hat sich dem Wohn-Feeling zu-getan und fügt sich mit seinen neuen Kollek-tionen ebenso professionell diesem Tenor. Thorsten Heiling: »Nachdem sich unsere Haltung zur Arbeit nie auf das klassische Büro beschränkt hat und wir davon ausgehen, dass jeder Ort auch ein Arbeitsort sein kann, ist auch die Range an Produkten und Kollektionen dementsprechend konzipiert. Die Palette reicht hier von Klassikern – sie geben Sicherheit und haben für viele Jahre Gültigkeit – bis hin zu einer Reihe von Produkten, die Ausdruck frischer, neuer Ideen sowie ungewöhnlich und überraschend sind.«

Folgt man der globalen Aussage der Interior-Trends 2020, ist es offensichtlich, dass die Einrichtung innovativ sein und verstärkt den Charakter des Besitzers zum Ausdruck bringen soll. Man kreiert Orte der Entspannung, die zur Komfortzone, abgeschottet von der Außenwelt, mutieren und trotzdem die Voraussetzungen eines umfassenden und produktiven Lebensstils geben – warum also nicht auch das Homeoffice im Home? Der in Los Angeles lebende Designer Jonathan Olivares, der gemeinsam mit Vitra für das Projekt WORK tätig war und seit zwei Jahren von zu Hause arbeitet, hat sich unlängst nicht unwesentlich zum Thema Homeoffice geoutet: »Der größte Vorteil der Heimarbeit ist die Freiheit, die Tage so zu gestalten, dass man über weite Strecken nicht abgelenkt wird. Allerdings kann es auch sehr fruchtbar sein, wenn man dem Geist eine Pause gönnt. Die Kunst besteht darin, die richtige Ablenkung zu finden.« 

Folge Falstaff Living
Folge Angelika Rosam auf
LIVING Nr. 03/2020

Erschienen in:

LIVING Nr. 03/2020

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