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Fröhliche Farben, plakative Formen und opulente Muster. Heiterkeit statt strenges Grau. Witz und Ironie statt Stirnrunzeln. Architekten und Designer entdecken die lange vergessene Postmoderne wieder. Willkommen zurück!

02 . April 2019 - By Maik Novotny

Das soll wohl ein Witz sein? – Diese Frage haben sich wahrscheinlich einige Besucher und Bürger der niederländischen Stadt Zaandam angesichts dieses neuen Gebildes, das seit 2010 im Stadtzentrum 40 Meter in die Höhe ragt, gestellt. Wie eine riesige Staffage aus Theaterkulissen mutet es an, das »Inntel Hotels«: leuchtend grüne Scheiben mit weißen Fensterläden, die die Fassaden traditioneller Holzhäuser nachbilden. Die Mehrheit zeigte sich jedoch begeistert: Endlich etwas Farbe und Humor in der gesichtslosen Kleinstadt!

Postmoderne Bauten wie Philip Johnsons Hochhaus in New York und Möbel im wild gemusterten Memphis-Design von Ettore Sottsass ließen niemanden kalt.

Spielerisches Vergnügen

Witz oder wertvoller Beitrag: Zwischen diesen Deutungen war die Postmoderne schon immer hin- und hergerissen. Auf ihrem Höhepunkt Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre galt sie vielen als willkommene Dosis spielerischen Vergnügens nach Jahrzehnten geradlinig-spröder Moderne, anderen als oberflächlich-kommerziell. Bauten wie Philip Johnsons als »Chippendale-Kommode« tituliertes Hochhaus an der New Yorker Madison Avenue und Möbel im wild ge­musterten Memphis-Design wie die von Ettore Sottsass wurden als Innovation ge­feiert und als Kitsch verdammt. Kalt ließen sie niemanden.

Der Trend hielt nicht lange an – schon in den 1990er-Jahren fasste niemand die Postmoderne mit spitzen Fingern an. Das ändert sich nun. Junge Architekten wie das Duo Space Popular in London und Adam Nathaniel Furman, Co-Autor des Buchs »Revisiting Postmodernism«, kleiden sich nicht nur in bunten Farben und Mustern wie aus dem Memphis-Katalog, sie designen auch Häuser, Räume und Möbel, die dem gediegenen Schwarz, Grau und Weiß der Architekten eine freche Nase drehen. 

Auch die 2014 eröffnete Markthalle in Rotterdam, entworfen vom Büro MVRDV, drückt auf die Farbtube. Wie eine gigantische Röhre in die Stadt gestellt, ist ihr Inneres – ein 40 Meter hohes Gewölbe – mit einem LSD-Traum aus Obst, Gemüse und flatternden Insekten bedruckt, gestaltet von den Künstlern Arno Coenen und Iris Roskam. Ob man es als postmodern definiert oder nicht, darüber dürfen sich Theoretiker den Kopf zerbrechen, farbig-frech ist es jedenfalls, mit einem gesunden Schuss Popkultur und Populismus.

Chips und Würste

Nicht nur in der Architektur, auch im Design und Interieur feiert die Postmoderne ein Comeback. Wie sonst soll man es nennen, wenn ein Lounge-Sessel nicht nur »Chips« heißt, sondern seine Form auch der eines Kartoffelchips nachempfunden ist? Die tschechische Designerin Lucie Koldová hat ihn für den Hersteller Ton entworfen, und er sieht keineswegs wie ein Witz aus, sondern sehr komfortabel. Nur eben mit einem lässigen Augenzwinkern – und einer Auszeichnung mit dem German Design Award 2019. 

Wer weniger auf Chips steht, dem schmeckt vielleicht der wurstartige Sessel Sam Son von Designer Konstantin Grcic. Ein gebogenes Stück runder Kunststoff dient hier als Rückenlehne, das Ganze ähnelt einem freundlichen Wesen aus einem Cartoon. Kindliche, spie­lerische Freude, die einem jedes seriöse Stirnrunzeln austreibt (bequem ist der Sessel natürlich trotzdem). Ähnlich pointiert ist das Sofa »Favn«, vom spanischen Designer Jaime Hayon entworfen: fleischrosa gekurvte Lippen, ein Bild, das sich sofort einprägt. Oder der knautschige Sessel von Annie Hiéronimus, der etwas an eine in sich gestülpte Seegurke erinnert.

Wiederentdeckt

Vielleicht ist die neue Heiterkeit im Design auch gar nichts Postmodernes, sondern nur eine Wiederentdeckung von etwas, das immer schon da war. Wiederentdeckt wie der amerikanische Designer Alexander Girard (1907–1993), den Vitra dieses Jahr mit einer Sonderedition feiert. Girard, Freund und Zeitgenosse von Charles und Ray Eames, entwarf Textilien und Objekte mit lebhaften Mustern, inspiriert von der Volkskunst, die er liebte und sammelte. Seine Stoffe werden heute noch produziert, und seine 1953 gestaltete Großfamilie von bemalten Holzpuppen ist so zeitlos, dass sie Moderne und Postmoderne hinter sich lässt. Kein Witz!

LIVING Nr. 01/2019

Erschienen in:

LIVING Nr. 01/2019

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