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Chinas junge Landschaftsarchitekten verbinden internationale Erfahrung und jahrhundertealte Tradition. In ihren neuen Gärten, Parks und Plätzen treffen sich Poesie, Eleganz und die Freude an Bewegung und Begegnung.

07 . Mai 2021 - By Maik Novotny

Ein fragiles Metallgeflecht schwebt über einer Wasserfläche, spielt mit Lichtreflexionen. Schaut man länger hin, zeichnet sich eine Silhouette im Stabwerk ab: Ein Baum. genau gesagt ein Pfirsichbaum. Noch genauer gesagt, einer von zwei Pfirsichbäumen – der andere ist ein echter. Beide stehen im Royal Garden, einem neuen Vorort von Schanghai für die wohlhabende chinesische Mittelklasse. Mehr als schönes Design oder Lifestyle-Deko, sind sie ein Symbol dafür, wie tief Natur und Landschaft in der chinesischen Seele verwurzelt sind.

Eingefrorene Zeit

»Die chinesische Tradition lebt durch Gedichte, die eine Naturszenerie beschreiben«, sagt Ke Lijuan, die mit ihrer Büropartnerin Chen Xiaoli das Büro Moshang führt und den Royal Garden gestaltete. »Der chinesische Begriff für Pfirsichblüte, Tao Hua Yuan, stammt aus einem Werk des Dichters Tao Yuanming aus dem 4. Jahrhundert und steht für eine ideale, paradiesische Utopie.« Der metallene Baum im Royal Garden wird in der Zeit eingefroren bleiben, der reale wird wachsen, gedeihen und welken. Zarte Poesie.

Moshang sind nicht die einzigen einer jungen Generation chinesischer Landschaftsarchitekten, die alte Traditionen wiederentdecken und in das Design städtischer Parks, privater Gärten und wiederbelebter Dörfer einfließen lassen. Gao Lingua und Li Hui vom Büro WISTO haben sogar einen ergiebigen Gemüsegarten in ihre Zentrale in Chongqing integriert. So lernen sie, den Zyklus des Lebens zu verstehen, sagen sie. »Seit zwanzig Jahren beschäftigt uns die Frage, wie Landschaftsarchitektur die Bedürfnisse der Menschen und der Natur versöhnen und das Land heilen kann«, sagt Li Hui.

Das klingt für westliche Ohren zunächst fast klischeehaft zart und esoterisch, doch die Rezepte, mit denen die beiden jungen Landschaftsarchitektinnen das Land heilen, ziehen alle Register. Der Eingang eines neuen Wohnviertels in Meishan war ein schwieriges Areal: sehr beengt und sehr steil. WISTO machten diese Schwächen zur Stärke und inszenierten den Übergang als »Canyon des Lichts«, als geologische Schlucht mit dramatischen Kontrasten zwischen Licht und Schatten. »Am dunkelsten Punkt, wo die zwei Wände sich am nächsten kommen, fühlen wir uns isoliert von der Außenwelt, aber dies ist der Moment, in dem wir uns unseres inneren Lichts bewusst werden.« So wird ein Weg zur Therapie, der Raum zur Poesie.

Spirituelle Erfahrung

»Der Begriff Landschaft wird in China komplett anders verstanden als im Westen«, erklärt die Landschaftsarchitektin und Dozentin Jutta Kehrer. Nach langjähriger Erfahrung in Ostasien lebt sie seit längerem in Hongkong und veröffentlichte soeben ihr Buch »New Horizons: Eight Perspectives on Chinese Landscape Architecture Today«.

»Es fängt schon damit an, dass die chinesische Sprache kein Wort für Landschaft kennt, weil man diese in China gar nicht als Objekt wahrnimmt, sondern als spirituelle Erfahrung«, sagt Kehrer. »Interessanterweise sind es gerade die jungen Designer, die im Ausland studiert haben und global vernetzt sind, die die klassische Gartentradition Chinas wiederentdecken.«

»Seit zwanzig Jahren beschäftigt uns die Frage, wie Landschaftsarchitektur die Bedürfnisse der Menschen und der Natur versöhnen und das Land heilen kann.«

Li Hui, Landschaftsarchitektin

Landschaft als spirituelle Erfahrung: Das bedeutet nicht, dass man in religiöse Meditation versinken muss, das kann auch schlicht Spaß machen. So wie der Cloud Paradise Park in der Luxelakes Water City in Chengdu, gestaltet von Zhang Dong und Tang Ziying von Z+T Studio. Hierfür erfanden sie das »Jumping Clouds Trampoline«, eine riesige, weich federnde Hügellandschaft, die sofort zum großen Erfolg bei Kindern wurde. »Ich erinnerte mich beim Entwerfen an meine Kindheit auf dem Land, als wir im Winter Feuerholz sammelten«, sagt Zhang Dong. »Wir häuften die dünnen Zweige vor dem Haus zu großen Bergen auf und sprangen hinein.« So wird eine Kindheitserinnerung vom Land zu einem Fun-Park in der Stadt. Poesie-Transfer geglückt.

Interaktiver Spaß war auch ein Feature bei einem Projekt mitten im staubigen Gewühl Pekings. Die sogenannte Koreatown im Nordosten der Millionenmetropole wurde vom Designer-Trio Instinct Fabrication mit kraftvoll urbaner Poetik belebt. Selbst geborene Pekinger, waren sie begeistert von der vitalen Mischung der Menschen auf der Straße und setzten diesen Enthusiasmus in eine interaktive Skulptur um, ein filigranes Spinnennetz mit berührbaren Elementen in leuchtenden Farben, das den Eingang zu einem neuen Park markiert.

Und manchmal findet die Poesie ihren Weg über Stadt-, Landes- und Sprachgrenzen hinweg. So wie beim Kunyu Mountain Park auf der bergigen Halbinsel Shandong am Gelben Meer. In diesem Nationalpark waren Zhong Huicheng, YoungJoon Choi und Li Zhongwei vom Lab D+H mit einer sprichwörtlich alltäglichen Bauaufgabe beauftragt: einem WC. Dank ihrer drei Bürostandorte Schanghai, Seoul und Los Angeles mit allen kulturellen Schattierungen vertraut, interpretierten sie das amerikanische »restroom« ganz wörtlich und erweiterten die simple Funktion zu einer sorgfältig komponierten Erholungs-Oase, einem Ort der Ruhe. Ein Ensemble aus kleinen Holzbauten, die sich perfekt in die Landschaft einfügen. »Die Silhouette der Pultdächer wurde zu einem ikonischen Symbol des Nationalparks«, freut sich das Trio. Landschaft als Emotion.

LIVING Nr. 03/2021

Erschienen in:

LIVING Nr. 03/2021

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