© Michael Sazel

Büros in Bewegung: Desk-Sharing als Designfaktor

Sesselkleben ist passé: Die Arbeitsplätze von heute sind flexible Lebenswelten, Konzepte wie Desk-Sharing und Activity Based Working machen die Räume auf – die Möblierung wird Teil eines innovativen Gesamtkonzepts.

22 . März 2017 - By Maik Novotny

Ob im Google-Headquarter, im Microsoft-Campus oder im aufstrebenden Start-up: von beamtengrauen Bürokabinen keine Spur. Hier eine Rutsche, dort ein Wuzler, da hinten ein bunter Spielbereich. Die Arbeitswelt ist in Bewegung geraten. Teilzeit- und Teamarbeit verlangen nach räumlichen Innovationen. Activity Based Working heißt die Loslösung der festzementierten Einheit von Person und Arbeitsplatz. Auch in Wien ist hier einiges in Bewegung geraten.

Alles neu gedacht

Mit dem 2016 eröffneten Erste Campus und seinen geschwungenen Glasfassaden hat sich die Erste Bank nicht nur ein neues Erscheinungsbild nach außen geleistet, auch für die Mitarbeiter wurde alles von Grund auf neu gedacht. Üppige Grünpflanzen umranken gemütliche Polstergarnituren wie in einer Siebzigerjahre-VIP-Lounge, hinter einer Glastür herrschen gedämpftes Licht und Stille. Will man sich ungezwungen austauschen, ungestört arbeiten oder ein Meeting abhalten? Für jede Situation gibt es eine eigene Welt.

»Wir haben mit der Erste Bank ein Moodbook entwickelt und Atmosphären festgelegt«, erzählt Dieter Henke vom Architekturbüro Henke Schreieck, das den Campus entwarf. Mit der Konzeption der Innenräume wurde das Berliner Büro Kinzo beauftragt. 

Offenheit statt Korridor

Desk-Sharing lautet hier das Motto. Sprich: Nur wenige der 5000 Mitarbeiter haben einen fixen Platz, Reviermarkierungen wie Postkarten und Plüschtiere sucht man vergebens. Die unterschiedlichen Bereiche funktionieren dabei wie eine Stadt: aktive Zonen, wo sich Wege kreuzen, Ruheinseln abseits, Korridore sind passé. Damit die Offenheit nicht in einem permanenten Geräuschteppich resultiert, wurde auf einen hohen Anteil textiler Oberflächen geachtet, die als Schallabsorber wirken. Insgesamt 15 Hersteller durften unter Koordination der Firma Schachinger aus Waidhofen/Ybbs  die edlen Möbel beisteuern, darunter BuzziSpace, Foscarini und Vitra.

Über ein maßgeschneidertes Gesamtkonzept aus Architektur und Arbeitsplatzinnovation freut sich auch der ÖAMTC in seinem spektakulären neuen Headquarter in Wien-Erdberg.

Durch die Zusammenlegung von fünf Standorten zogen die rund 750 Mitarbeiter erstmals unter ein Dach. Das hieß für ÖAMTC und Planer: die Identität spürbar zu machen und gleichzeitig auf Sensibilitäten zu achten. Auch hier wurde ein Moodboard erstellt und Wünsche wurden abgefragt. Das Ergebnis: eine Mischung aus Großraum- und Einzelbüros, die Abteilungen sollten jedoch wachsen und schrumpfen können. Also ­legten die Architekten Pichler & Traupmann die Büroarbeitsplätze als sternförmig geschlungenes Band an. »So ergeben sich automatisch ruhigere und aktivere Zonen, ohne dass das Kontinuum des Ganzen verloren geht«, erklärt Architekt Christoph Pichler.

Erarbeitet wurde das Bürokonzept vom Beraterbüro m.o.o.con gemeinsam mit den ÖAMTC-Mitarbeitern, die Einrichtung stammt von Neudörfler. Auf Desksharing wurde notabene verzichtet: Die räumliche Einsparung wäre zu gering gewesen. 

Die Strategen von m.o.o.con haben sich auf neue Arbeitswelten spezialisiert und sind inzwischen zu Experten im Activity Based Working geworden. 

In Wien entwickelten sie gemeinsam mit dem Architekturbüro BWM die neue Zentrale für die 60 Mitarbeiter der Firma KapschTrafficCom. Offene Kommunikationsbereiche wechseln sich hier mit verglasten Rückzugsräumen und informellen Treffpunkten ab, ähnlich wie beim Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline, das in seiner Wiener Filiale ein Smart-Working-Konzept umsetzte.

Das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline setzt in seiner Wiener Zentrale auf Smart Working und Atmosphären fern jeder Apotheken-Sterilität. Tische laden hier nicht nur zur Ablage, sondern vor allem zum Austausch ein.

© Rupert Steiner

Doch nicht nur Großkonzerne investieren in die Erschaffung ganzheitlicher Office-Welten. Auch das klassische Altbau-Büro birgt Erneuerungspotenzial. Eine Mischung aus distinguiert und verspielt ist etwa der Investment- und Beratungsgruppe Q ∙ Advisers in der Inneren Stadt: Entworfen vom LIMITarchitects und ausgestattet mit Möbeln von Behan & Thurm, wurde hier mit unauffällig-cleveren räumlichen Spiegeltricks eine Vielfalt von Arbeits- und Besprechungsbereichen geschaffen.

Konzentration im Glaswürfel

Die Möbelhersteller haben sich bereits auf die neuen Anforderungen eingestellt und modulare Konzepte für die flexiblen Arbeitswelten entwickelt, die Offenheit ermöglichen und gleichzeitig den Großraumbüro-Geräuschpegel reduzieren. So hat Bene gemeinsam mit dem Londoner Designstudio PearsonLloyd das Baukastensystem NOOXS entwickelt, das sich das Raumprinzip der offenen Nische zunutze macht. So lassen sich Arbeits-, Workshop- und Loungebereiche abtrennen, ohne dass das schöne Loft durch Wände zerstückelt wird. 

Ein Raumbildungssystem, mit dem das Ich-Gefühl im konzentrierten Arbeiten und das Wir-Gefühl der Firmenidentität harmonisch vereint werden soll, hat der Büromöbel-Marktführer Hali entwickelt, dazu bietet man den verglasten Human Space Cube an, eine Art Konzentrationsvitrine als Raum-im-Raum-System, Belüftung inklusive.

Das Tischsystem »s100« des oberösterreichischen Herstellers Hali hat sich die Flexibilität ins Programm geschrieben. Räumlich erlaubt das Baukastensystem strikte Regeln ebenso wie freies Experimentieren.

© Hali

Wiesner-Hager wiederum wird 2017 das Bausteinsystem m.zone für Activity Based Working auf den Markt bringen. »Die Implementierung einer auf ABW ausgerichteten Büroarchitektur macht dann Sinn, wenn die Mitarbeiter projektbezogen und eigenverantwortlich arbeiten sollen. Bei Unternehmensbereichen mit statisch-funktionaler Arbeitskultur sollte man besser auf ein klassisches Arbeitsumfeld setzen«, relativiert Geschäftsführer Markus Wiesner.

Das von Wiesner-Hager entwickelte System m.zone wurde speziell für Activity Based Working konzipiert. Die Einheiten lassen sich flexibel kombinieren, je nachdem, wer gerade wie, wo und mit wem zusammenarbeitet.

Foto beigestellt

Doch nicht alle Mitarbeiter sind so raumflexibel wie gewünscht. Oft läuft der Übergang zum Desk-Sharing nicht ganz reibungslos, auch beim Erste Campus schmerzt viele der Verlust des fixen Arbeitsplatzes. »Es gibt Leute, die bereits um 6 Uhr in der Früh kommen, um einen angenehmen Tisch zu ergattern«, berichtet eine Mitarbeiterin. Sind diese Startschwierigkeiten ein Grund, eine Kehrtwende zum alten System einzuleiten? Das dürfte nicht nötig sein. Denn ein wirklich flexibles Raumkonzept wird auch diese Probleme lösen können. 

Aus dem Living Magazin 01/17 

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