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Brit-Designer Paul Smith im Exklusiv-Interview

Er ist ein entwaffnend sympathischer Gentleman, der die Männermode seit fast einem halben Jahrhundert rockt: der britische Star-Designer Paul Smith. MAN’S WORLD traf den 72-Jährigen zum lockeren Gespräch über Popkultur, zeitlos schön sitzende Anzüge und sein Chaos-Prinzip.

29 . Dezember 2018 - By Uwe Killing

Er betritt täglich gegen sieben Uhr sein Atelier in Covent Garden. Zuvor ist er schon geschwommen und vor seinem Haus in Notting Hill aufs Rennrad gestiegen. »Das spart mir eine Stunde in Londons Stadtverkehr«, sagt Sir Paul Smith mit seinem verschmitzten Lächeln. Kein Zweifel: Der smart ergraute Modeschöpfer agiert geschäftlich altmodisch, aber kreativ hellwach und mit seinem untrüglichen Gespür für den lässig-verspielten Paul-Smith-Twist.

»Ich möchte keine nervigen Diskussionen mit Aktionären, sie wären Gift für meine Freiheit und meine Spontaneität. Viele Brands, die ich aus meiner Anfangszeit kenne, haben nun Tausende Flagship-Stores und sehen in jeder Stadt gleich aus.« Paul Smith 

Der Meister gut gelaunt und im geliebten Karomuster: Paul Smith mit Models bei der Präsentation der aktuellen Kollektion in Paris.

© Sonny Photos

Man’s World: Sie dürften der einzige britische Ritter sein, der an seinem Arbeitsplatz von solch einem Chaos umgeben ist. Papierberge, Bücher, Spielzeug, Kleidung, Räder … 
Paul Smith: Ich habe dafür mal ein schönes deutsches Wort gehört: Wunderkammer. Sie wird immer unübersichtlicher, weil ich einfach nichts wegschmeißen kann.

Fassen Sie die Dinge denn noch einmal an?
Ich treffe gleich mein Team, um erste Ideen für meine Kollektion 2020 zu besprechen. Es kann gut sein, dass ich mitten im Meeting den Konferenzraum verlasse, um mir hier ein Buch aus dem Chaos herauszufischen. Dann habe ich plötzlich eine Idee, die der Diskussion hoffentlich eine neue Richtung gibt. An dieser Arbeitsweise hat sich bei mir in dieser langen Zeit nichts geändert.

Paul Smith ist noch immer unabhängig, wurde nicht von einem Luxuskonzern aufgekauft wie so viele andere Marken.
Und das wird auch so bleiben. Ich möchte keine nervigen Diskussionen mit Aktionären, sie wären Gift für meine Freiheit und meine Spontaneität. Viele Brands, die ich aus meiner Anfangszeit kenne, haben nun Tausende von Flagship-Stores und sehen in jeder Stadt dieser Welt gleich aus. Ich habe 40 Shops, und mein Konzept ist das Gegenteil. Ich suche das Unverwechselbare. Nehmen sie Los Angeles: Dieser Shop ist so anders als alle anderen Filialen. Der bunte Kubus ist ein absoluter Renner als Hintergrund für Instagram-Posts.

Im Sommer haben Sie den ersten Shop in Berlin eröffnet. Was war hier das Kriterium? 
Ich war 1988 kurz vor dem Mauerfall zum ersten Mal in Berlin. Ich habe sofort eine starke Verbindung gespürt, aber lange nach der passenden Location gesucht. Der Standort in Schöneberg erschien mir nun perfekt: Es ist eine internationale Gegend mit noch bezahlbaren Wohnungen, wie man sie in New York, Paris oder London leider nicht mehr findet. Ich habe viele kleine Designbüros und Cafés entdeckt. In meinem Laden war zuvor das Devotionaliengeschäft Ave Maria untergebracht. Jetzt hängt dort meine Kunst an den Wänden.

Es ist auch der Stadtteil, in der eine Zeit lang Pop-Heroen wie David Bowie und Iggy Pop gelebt haben. 
Mit den verschiedenen Subkulturen und ihrer Energie erinnert mich Berlin in der Tat ans London der späten Sechzigerjahre. Es war eine befreiende Zeit. Ob Mods, Hippies oder später die Punks, ob Modemacher oder Designer: Alle suchten nach neuen Ausdrucksformen. Ich habe zum Beispiel Freddie Mercury nicht als Musiker kennengelernt, sondern als Design-Studenten, als er noch in einem Klamottenladen in Kensington Market jobbte. 

»Ich bin dem Anzug treu geblieben, ja. Aber erstens muss man in diesem nicht aussehen wie ein Banker, und zweitens kommt es darauf an, womit man ihn kombiniert.« Paul Smith 

Mercury und Bowie experimentierten gerne mit einem androgynen und verrückten Stil.
Ihre Mode hat bei aller Verspieltheit immer
 d
iese klassisch-männliche Note behalten.
Ich bin dem Anzug treu geblieben, ja. Aber erstens muss man in diesem nicht aussehen wie ein Banker, und zweitens kommt es sehr darauf an, womit man ihn kombiniert, etwa mit einem T-Shirt, einem Vintage-Teil oder einer Trainingshose. Paul Smith ist Klassik mit einem gewissen Etwas.

Ihr Vater war Schneider. Rührt daher das Beständige in Ihrer Mode?
Mit 18 bin ich regelrecht in die Modewelt gestolpert, nachdem ich nach einem schweren Unfall meine Berufsträume als Rad-Profi aufgeben musste. Ich habe dann für meinen Vater gearbeitet und erste Erfahrungen als Boutique-Manager gesammelt. Dieser frühe Kontakt mit Kunden hat zweifelsohne zu meiner Bodenständigkeit geführt. Zugleich kam ich in Kontakt mit vielen Kunststudenten und Musikern. Bei den hitzigen Gesprächen im Pub verstand ich zunächst vieles nicht, aber meine Neugierde war geweckt. 

Im Londoner Museum Tate Modern läuft eine Retrospektive der Textilkünstlerin Anni Albers, einer Pionierin des Bauhauses. Hierzu ist eine Sonderkollektion von Ihnen erschienen. Sie sind mit Ihren typischen Streifen also doch noch in der Kunstwelt angekommen. 
Für meine Kollektion im Jahr 2015 hatte ich mich bereits von den abstrakten Farbmustern von Josef Albers, Annis Ehemann, inspirieren lassen. Hierdurch entstand ein Kontakt zur Albers Foundation, und ich unterstütze sie gerne darin, das Erbe dieser wegweisenden Künstler wachzuhalten. Annis Albers hat die Stoffverarbeitung revolutioniert. Und sie war mit Paul Klee und Wassily Kandinsky befreundet – zwei Künstler, die mich auch sehr geprägt haben, obwohl mir ihre Namen anfangs so fremd waren. Ich habe die Schule mit 15 geschmissen und mich dann im Selbststudium weitergebildet. Und dann lernte ich Pauline, meine heutige Ehefrau, kennen. Sie studierte an der Royal Academy of Arts und führte mich in die Welt der Haute Couture ein. Ohne Pauline gäbe es die Marke Paul Smith sicher nicht.

Ihre aktuelle Winter-Kollektion ist geprägt von weiten Schnitten, grellen Farben und Farb-Prints – die Achtzigerjahre sind zurück und Sie können sich nun locker selbst zitieren. 
Und es macht großen Spaß, meine jungen Mitarbeiter zu beobachten, wenn sie mit leuchtenden Augen aus meinem Archiv zurückkehren. Denn sie entdecken das als etwas Neues für sich. Aber natürlich versuche ich, diese Retro-Elemente immer mit neuen Ideen anzureichern. Ich habe zum Beispiel Natur-Fotografien meines Vaters zu Prints verarbeitet und sie farblich verfremdet. Da war der Himmel meines Geburtsorts Nottingham plötzlich sehr pink.

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