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Breaking News: Drei Experten verraten die Wohntrends 2021

Was bringt 2021 in Sachen Wohntrends? Und welchen Einfluss hat die Covid-Pandemie? LIVING hat drei Experten befragt.

06 . Februar 2021 - By Manfred Gram

Ein neues Jahr bringt neue Trends. Wobei – ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Vielmehr ist es so, dass sich Tendenzen und Ideen, die man schon Monate davor beobachten konnte, verdichten. Dabei spielen auch gesellschaftspolitische Faktoren eine Rolle. Selten ist das so offensichtlich wie jetzt. Die Covid-Pandemie hat die Welt im Griff und beeinflusst direkt und indirekt natürlich auch die Design-Branche. Wichtige Messen und Veranstaltungen werden ver­schoben, Geschäfte haben zu, und Unternehmen geraten in wirtschaftliche Schieflagen. 

Gleichzeitig reagieren Kreative auf diese neuen Herausforderungen und veränderten Parameter. Ebenso wie die Industrie. Und das spiegelt sich in Farbe, Form und Material von Interior und Designs wider. In der Praxis bedeutet dies: Wir sehen 2021 Farben, die einerseits beruhigend wirken, aber auch Optimismus verströmen. Eine Art »ruhige Fröhlichkeit« ist demnach gefragt.
In der Formgebung legt man den kühlen Minimalismus der letzten Jahre ein wenig zur Seite und reagiert mit schwungvollen Kurven und gemütlichen Rundungen auf lockdownbedingtes Zwangs-Cocooning. Und in Sachen Material wird die Vielfalt des Natürlichen genutzt. Das darf auch spürbar sein, schließlich ist in Krisenzeiten Handfestes gefragt. LIVING hat daher drei kreative Köpfe um ihre Meinung gebeten und erfahren, was 2021 wie und wa­rum wichtig wird.

Der pure Wohnsinn: Ruhig, aber nicht fad, abgerundet und möglichst natürlich: Das italienische Edel-Label Baxter zeigt mit dieser Wohnlandschaft, wie man heuer am besten mit Farben, Formen und Material arbeitet.

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Formen: Ganz schön Formidable

Wohlfühlen ist wieder angesagt. Kein Wunder, wenn man mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringt. Die Interior-Welt befeuert diesen Trend mit schwungvollen Designs und Reminiszenzen an die 1980er-Jahre. Runde Sache, das alles.

Richard Yasmine, Designer:  »Ich versuche, zeitlose Stücke zu kreieren, die man keiner bestimmten Ära zuordnen kann.«

Trends, das weiß man aus Erfahrung und aus guten Büchern, unterliegen einem Lebenszyklus. Sie tauchen auf, erreichen einen Höhepunkt und verschwinden dann wieder. Ihr Abgang ist üblicherweise mit einem kleinen Knalleffekt verbunden, denn die entstehende Lücke wird vom sogenannten Gegentrend gefüllt, und der ist – wenig überraschend – genau das Gegenteil von dem, was gerade noch sehr beliebt war, allerdings nun ein wenig ausgelutscht ist. 

So gesehen ist es auch nicht verblüffend, dass nach der minimalistischen, sehr reduzierten und klaren Formensprache der letzten Jahre das Interior wieder etwas pompöser wird. Sofas, Couches und Lounge-Chairs zeigen sich runder und geschwungener in ihrer Linienführung. Ja, das kann sich sogar bis zu einem überdimensionierten Chubby-Look aufplustern. Eine gewisse Gemütlichkeit darf also durchaus propagiert werden als Gegenentwurf zum knallharten Mini-malismus der letzten Jahre, der ja nicht unbedingt dazu einlädt, in Ecksofas mehrere Stunden lang verloren zu gehen. 

Zudem ist vieles von organischen Formen der Natur inspiriert: ein tropfenförmiges Accessoire hier, eine perfekt geschwungene Welle da. Dabei kann man auch tiefer gehen. So wie die vielseitig begabte Künstlerin Dima Srouji, die sich für ihre Glasarbeiten mitunter von absurd schönen Organismen zu Lande und zu Wasser inspirieren lässt und es so schafft, Fremdes vertraut und Vertrautes fremd wirken zu lassen. Ein Kunstkniff, der zusätzlich Spannung in all die Bögen und Rundungen bringt, die man gerade allerorts sieht.

Durch Raum und Zeit
Das neue Bekenntnis zu Kurve und Schwung passt auch zur Wiederentdeckung der 1980er-Jahre, die auf der einen Seite sehr pompös, sehr bunt und quietschfidel waren, gleichzeitig aber mit dem sehr reduzierten, monochromen Anti-Stil auch einen Gegenentwurf in sich trugen. Der libanesische Stardesigner Richard Yasmine, der in seinen Arbeiten mit liebevoller Kreativität Epochen, Stile und Dekaden referenziert, erklärt diese Koinzidenz so: »Design ist eine aufregende Reise durch Raum und Zeit. Ich erforsche selbst mit Begeisterung diese Verbindungen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Die besten Einfälle und größten Ideen haben ihren Ursprung in der Vergangenheit.« Und wenn es um Formgebung geht, dreht Yas-mine das Raum-Zeit-Kontinuum sogar noch weiter: »Vor Millionen von Jahren kreierten das Universum und die Natur unendlich viele Dinge. Ich glaube nicht, dass wir Menschen in dieser Hinsicht kreativer sind. Die Natur ist aber eine großartige Inspirationsquelle.« Eine Quelle, die weiter sprudelt und noch so einige Epochen und Trends kommen und gehen sehen wird. 

  • KURVIGE FORMSPRACHE

Nach den minimalistischen und reduzierten Entwürfen der letzten Jahre bekennt sich die Kreativwelt zu einer Art »neuen Gemütlichkeit«. Erreicht wird diese durch üppige Formensprache, die Kurven, Bögen und Rundungen vorzieht. Es wird also pompöser und – wenn man so will – auch organischer. Das heißt auch, dass die Natur bei der Formgebung
einmal mehr zur Inspirationsquelle wird. Aber nicht nur: Einiges an Ideen holt man sich in nächster Zeit auch aus den 1980er-Jahren. Das kann durchaus spaßig werden, schließlich gibt der postmoderne Setzbaukasten dieses Jahrzehnts einiges her.

Material: Gut kombiniert

Bei Materialien ist die Natürlichkeitswelle noch nicht vorüber. Im Gegenteil. Designer müssen zurzeit gut kombinieren können, um aus unterschiedlichen Materialien das Beste herauszuholen. Einmal mehr macht’s die Mischung aus.  

Alexandra Spitzer, Designerin, designkollektiv.at: »Die Herausforderung der nächsten Zeit wird sein, innerhalb der neuen Covid-19--Parameter atmosphärische Sinnlichkeiten zu erzeugen.«

Immer wieder betonen Designer, dass eine der größten Herausforderungen im Produktentwicklungsprozess das Finden des richtigen Materials ist. Nicht selten ent-scheidet diese Wahl, ob aus einem Entwurf ein Long- und Bestseller wird oder ob er in jenem Bereich des kollektiven Gedächtnisses landet, der für das Vergessen zuständig ist. Das Material spielt also gleich mehrere wichtige Rollen. Es bringt Optik und Haptik eines Objekts in Einklang und transportiert am sichtbarsten Nachhaltigkeitsansprüche. Allerdings bringt die nähere Zukunft noch andere Materialanforderungen mit sich: »Bedingt durch die Pandemie treten aktuell wenig sinnliche Eigenschaften wie Des-in-fek-tions-mittelbeständigkeit und dergleichen in den Vordergrund«, erklärt Alexandra Spitzer. Gemeinsam mit Martin Ritt betreibt sie das Wiener Studio designkollektiv, das auf Interior-, Grafik- und Produktdesign spezialisiert ist. Spitzer wird noch konkreter, wenn es um materielle Zukunftswerte geht: »Glatte, antiseptische Oberflächen, auskochbare Textilien aus flammenhemmender Kunstfaser und abwaschbare Tapeten lassen resopalbeplankte Erinnerungen aufkommen. Die Herausforderung wird sein, innerhalb dieser neuen Parameter atmosphärische Sinnlichkeiten zu erzeugen.« 

Mix it!  
Um Sinnlichkeit abseits antibakterieller Ästhetik zu schaffen, greift man zurzeit vor allem auf natürliche Materialien zurück. Der Bast- und Bambuswahnsinn der letzten Jahre ist somit nicht vorbei. Warum auch? Man verbringt zwangsläufig mehr Zeit zu Hause, und auf diesem Weg holt man sich vor allem im urbanen Raum Natur ins Haus. Wenngleich – und jetzt wird es spannend – Natürlichkeit vielschichtig gewandet auftaucht. Als Glas und Keramik zum Beispiel. Oder als Marmor und Stein. Oder als Holz. Oder als Leder und Wolle. Nicht zu vergessen als Metall. »Im Grunde kann man Materialien in zwei Gruppen teilen: die Beständigen und die Modischen, beide haben ihre Berechtigung und ihre Anwendungsbereiche. Die Kunst liegt wie immer in der richtigen Mischung, wobei hier durchaus mit pro-vokanten Kontrasten und Crossovers gearbeitet werden darf«, ist Alexandra Spitzer überzeugt. Oder anders: Das Mixen verschiedenster und mitunter auch gegensätzlicher Materialien wird weiterhin forciert. In der Praxis bedeutet dies, dass haptische Erlebnisse zwischen glatt und rau, kratzig und flauschig, eben und gewölbt die Sinne herausfordern und so Spannung evozieren, die im besten Fall bleibende Eindrücke
hinterlässt.

  • Auf einen Blick

Auch 2021 bewegt man sich bei den Materialien, die in der Interior- und Designwelt zum Einsatz kommen, weiter in Richtung Natürlichkeit. Ein weites Feld, das schon des Längeren beschritten wird und neben Holz, Bast und Jute auch Werkstoffe wie Glas, Keramik, Leder, Leinen, Wolle oder Metall beinhaltet. Mit möglichst gegensätzlichen Materialkombis schafft man zusätzlich Spannung. Das Bekenntnis zu natürlichen (und im besten Fall auch nachhaltigen) Materialien ist zudem auch dringend nötig. Denn parallel dazu werden, bedingt durch die weltweite Covid-19-Krise, auch Fragen zu sterilen und antibakte-riellen Oberflächengestaltungen virulent.

Farben: Es ruhiger angehen

Wenn rund um einen die Welt im Ausnahmezustand ist, tut man gut daran, die Nerven zu bewahren. Aktuelle Farbtrends beim Wohnen nehmen genau darauf Rücksicht.

Jasmin Köse, Interior-Designerin, ilayakos.com: »Pastelltöne begleiten uns schon länger. Im Gegensatz zu den kräftigen Farben, die gekonnt in Szene gesetzt werden müssen, lassen sie mehr Handlungsspielraum in der Gestaltung.«

Farben haben einen direkten Einfluss auf das menschliche Gemüt und sein Empfinden. Das formulierte bereits Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe vor über 200 Jahren. Der Dichter befasste sich bekanntlich intensiv mit der Farbenlehre. Er gibt übrigens – ganz Didakt – auch Handlungsanweisungen zum richtigen Umgang mit Koloriertem: »Die stärkste Far-be findet ihr Gleichgewicht aber nur wieder -in einer anderen starken Farbe, und nur, wer seiner Sache gewiß wäre, wagte sie neben-einander zu setzen.«

Nun denn. Dem Unternehmen Pantone darf man getrost unterstellen, seiner Sache gewiss zu sein. Die Überraschung war dennoch gelungen, als im Dezember letzten Jahres gleich zwei Farben zur Farbe des Jahres gekürt wurden. »Ultimate Gray« und »Illuminating« heißen sie, oder wie vielleicht Goethe dazu gesagt hätte: Mausgrau und Sonnengelb. 

Ob die Entscheidung, ein Farbduo zu promoten, wirtschaftliche Hintergründe hat – schließlich müssen auch Konzerne mit Umsätzen im zweistelligen Millionenbereich versuchen, ihre Verkäufe anzukurbeln –, sei dahingestellt. Die Farbwahl hat auf jeden Fall mit den weltweiten Lockdowns und der nervenzehrenden Covid-Pandemie zu tun, wie Pantone verkündet: »Zusammen vermitteln das solide ›Ultimate Gray‹ und das strahlende ›Illuminating‹ eine positive Botschaft der inneren Kraft. Praktisch und ro-bust, aber auch erwärmend und optimistisch – das ist die Farbkombination für Hoffnung und Resilienz.« 

Durchhalte-Farben
So ähnlich sieht es auch Interior-Designerin Jasmin Köse: »In der gegenwärtigen Situation benötigen wir Farben, die für Hoffnung, Zuversicht und Optimismus sorgen, aber auch in der ›Hitze des Gefechts‹ beruhigend wirken.«

Dieses Ziel lässt sich aktuell auch mit einem Griff in andere Farbtöpfe erreichen. Mit dem warmen, erdigen Farbton »Brave Ground« etwa. Ein ruhiges Beige, das sich hervorragend kombinieren lässt. »Überall, wo ich Behaglichkeit in die Räume bringen möchte, sind dezente Sandtöne großflächig einsetzbar. Das kann sowohl das Badezimmer sein als auch die Küche, in der die Gemütlichkeit viele Gäste einladen soll«, meint Interior-Expertin Köse. 

In eine ähnliche Kerbe schlägt das behagliche »Transcend«, das über einen angenehm weichen Rotanteil verfügt und sich großartig mit Pastelltönen kombinieren lässt. Pastellfarben sind also auch 2021 ein Thema, das sich übrigens kunstvoll zuspitzen lässt. »Marbling«, also marmoriertes Papier und Marmormuster, soll in Innenräumen verstärkt zum Einsatz kommen und einerseits für Struktur, andererseits für auf den ersten Blick ungewöhnlichere Farbakzente sorgen.

  • Stimmige Farbwelten

Stürmische Zeiten verlangen nach ruhigen Farben. So gesehen ist es nicht verwunderlich,
dass Farbexperten auf weniger Aufwühlendes setzen. Hoch im Kurs stehen daher Grau beziehungsweise sandig-erdige Beigetöne. Ihr Vorteil: Sie lassen sich perfekt kombinieren. Und zwar mit Knalligem ebenso wie mit ruhigeren Pastelltönen. Bei Letzteren geht man gerne ins Aquanautische und bedient sich zarter, unaufdringlicher Blau- und Grünschattierungen. In Sachen Musterung ist nach der strikten Geometrie der letzten Jahre das (scheinbare) Chaos von Marmor-Effekten angesagt.

LIVING Nr. 01/2021

Erschienen in:

LIVING Nr. 01/2021

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