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Beton sei rau, grob und unfertig, sagen die einen. Beton habe eine poetische, authentische Sinnlichkeit, behaupten die anderen. Tatsächlich gibt es weltweit eine lange Liste an Bauwerken, die letztere These unterstreichen. Ode an einen Baustoff massiver Nacktheit.

18 . November 2021 - By Wojciech Czaja

Ein schwerer Sockel aus schwarz durchgefärbtem Beton, zwischen den fetten Fundamentmauern ein stiller, gespenstisch dunkler Swimmingpool und ringsherum nichts als australische Wildnis mit Gräsern und Dschungeldickicht bis zum Horizont. »Wir wollen die Erde mit unserem Bauen möglichst leicht berühren«, sagt Kim Bridgland. »Alles, was wir tun, kommt hoffentlich von einer höheren Lebensebene und ist Abbild einer empathischen und -sympathischen Handlungsweise, die über das reine Bauen weit hinausgeht.« 

Gemeinsam mit seinem Partner Aaron ­Roberts, mit dem er das Büro Edition Office leitet, baute er mitten im wilden Urwald von New South Wales ein Wohnhaus aus schwarz pigmentiertem Beton und ebenso schwarz gebeiztem Holz, das vor erst wenigen Monaten fertiggestellt wurde. »Wir sind sehr daran ­interessiert, mit formalen Sprachen zu arbeiten, die kulturell mehrdeutig sind und ganz unterschiedliche Interpretationen zulassen. Der Baustoff Beton eignet sich dazu, eine ­gleichermaßen materielle und immaterielle Spannung zu erzeugen.« 

Die längste Zeit galt unverputzter ­Sichtbeton als Sinnbild für Straßenbau, ­Industriearchitektur und infrastrukturelle Einrichtungen. Erst mit dem japanischen ­Architekten Tadao Ando, der Mitte der Siebziger­jahre die ersten minimalistischen Wohnhäuser in Stahlbeton errichtete und sich entschied, das Material nicht zu verstecken, sondern es in seiner Nacktheit mitsamt Ankerlöchern und Schalungstextur zu präsentieren, wurde der Beton salonfähig – nicht nur im Stadtbild, sondern auch im Wohnbereich. 

Der Trend hat sich bis heute einzementiert. Und obwohl Beton in den letzten Jahren ­aufgrund seines großen ökologischen ­Fußabdrucks und seines immens hohen ­Ressourcenverbrauchs in Fachkreisen massiv in Verruf geraten ist, gilt er vor allem im Wohnbereich nach wie vor als beliebter ­Baustoff. Grund dafür ist seine nahezu grenzenlose Formbarkeit. Aber auch in bauphysikalischer und haustechnischer Sicht hat Beton einen unschlagbaren Vorteil: Dank seiner Schwere und Speicherfähigkeit eignet er sich hervorragend für die Bauteilaktivierung – sowohl zum Heizen als auch zum Kühlen – sowie für die Kombination mit geothermischen Maßnahmen. 

»Beton ist ein faszinierender Werkstoff, der in der Fertigung sehr komplex und auch ziemlich brutal ist«, sagt der Wiener Architekt Franz Sam. »Man muss Schalungen bauen, den Beton in einer perfekt abgestimmten Rezeptur anmischen und innerhalb einer bestimmten Zeit verarbeiten, man muss tonnenweise miteinander verknoteten Bewehrungsstahl verlegen, man muss den flüssigen Beton nachrütteln, damit es nicht zur Ansammlung von Wasserbläschen kommt, und man muss einen Monat lang bis zur absoluten Aushärtung warten, bevor man den Beton wieder ausschalen kann. Wahrscheinlich sorgt genau diese langwierige Genese für die hohe Beliebtheit bei Architekten.« 

Gemeinsam mit dem New Yorker ­Architekten Steven Holl plante er zuletzt die Erweiterung zum »Loisium«-Hotel in ­Langenlois. Wie schon das bestehende Hotelgebäude ist auch der Zubau von oben bis unten durchbetoniert – diesmal aber mit fünf Meter hohen Tonnengewölben und ringsum sichtbaren, unverputzten und unverspachtelten Betonoberflächen in den Zimmern. »Die Bogenform«, meint Sam, »hat eine erdige, bodenschwere Anmutung und orientiert sich an den Querschnitten der Weinkeller, die in dieser Weinregion häufig anzutreffen sind. Gibt es was Schöneres als diese betonierte Ruhe?« 

Der Baustoff Beton eignet sich dazu, eine gleichermaßen materielle und immaterielle Spannung zu erzeugen.

Kim Bridgland über den Baustoff

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