© Thomas Wrede/VG Bild-Kunst, Bonn

Back to Backstein: der Ziegel ist wieder im Trend

Der gute, alte Ziegel erlebt seit Monaten und Jahren einen regelrechten Höhenflug. Die einen bauen damit New Yorker Hochhäuser und kleine norditalienische Häuschen, die anderen lassen sich zu hauchdünnen und atemberaubend schönen Konstruktionen im fernen Asien inspirieren.

04 . Mai 2021 - By Wojciech Czaja

Im Osten von Kunming tun sich große und kleine Naturparadiese auf. Keine zwei Stunden Zugfahrt von der südchinesischen Millionenmetropole entfernt, wachsen plötzlich bis zu 50 Meter hohe Kalksteintürme in den Himmel. Die geologischen Formationen sind 270 Millionen Jahre alt und verleihen der Provinz Yunnan ihre unverwechselbare Pracht. Zwischen den riesigen Naturmonumenten, die im Land der Mitte zu den sieben chinesischen Weltwundern gezählt werden, haben auch die kleinsten Völker durch den Bau ihrer Behausungen ihre Spuren hinterlassen – die Termiten. Von genau diesen Türmen und Türmchen ließ sich der chinesische Künstler Luo Xu inspirieren. 

»Was die kleinen Termiten können, das können auch wir«, sagt der 65-jährige Bildhauer, der vor allem mit Ton, Keramik und Porzellan arbeitet. Und so stapelte er Abertausende gebrannte Ziegelsteine zu organisch geformten, scheinbar unbekümmert tanzenden und schwungvoll emporwachsenden Kegelstümpfen und gruppierte diese zu einer surreal wirkenden Raumskulptur, die nicht nur eine Galerie und ein kleines Hotel umfasst, sondern auch ein Luxusrestaurant, unter dem himmlischen Titel »50% Cloud«. Anfang des Jahres wurde der überirdisch schöne, lukullische Tempel in der Kleinstadt Mile begleitet von festlichem Kerzenschein eröffnet. 

»Das Bauwerk ist ein Kunstwerk, aber irgendwie ist auch jeder einzelne Backstein, der hier zum Einsatz gekommen ist, ein Kunstwerk für sich allein«, sagt Joe Cheng, Leiter des Hongkonger Architekturbüros Cheng Chung Design (CCD), der den XXL-Termitenbau in Kooperation mit Luo Xu in die Realität umsetzte. »Jeder einzelne Stein ist von Hand geformt und wurde in der Region in einer lokalen Ziegelei gebrannt. Doch das wirklich Außergewöhnliche ist, dass der gesamte Gewölbekomplex ohne Stahlbewehrung, ja sogar ohne Nägel und Schrauben auskommt.« Über den Tischen tun sich atemberaubende Höhlen auf. Hier bleibt einem das Essen im Hals stecken. 

In den letzten Monaten und Jahren, so scheint es, erlebt der gute, alte Backstein eine regelrechte Renaissance. Und das hat auch einen guten Grund, denn im Gegensatz zu Stahl, Glas und Beton können Ziegel aufgrund ihrer kleinen Größe und des damit  verbundenen geringen Gewichts von Männern und Frauen ohne maschinelle Hilfe von Hand verlegt werden. Architekten bezeichnen den Backstein daher auch als den demokratischsten Baustoff von allen. Das zeigt sich vor allem auch in der breiten Streuung des
im Höhenflug befindlichen Ziegels. Er ist auf allen Kontinenten zu finden und zieht sich durch alle Baukategorien von Small bis Supergigantisch. 

Im norditalienischen Cigliè, auf halbem Wege zwischen Genua und Turin, setzte das Architekturbüro Studio Ata ein kleines, aber feines Einfamilienhaus in die Landschaft und verbuddelte einen Teil davon im Hang. 

Das große Fenster entlarvt das Bauwerk zwar unweigerlich als zeitgenössische Architektur, doch Form, Material und Bauweise orientieren sich unmissverständlich an der mittelalterlichen Burg, die von hier aus zu sehen ist. Als Fassadenmaterial wählte Studio Ata bewusst eine ziemlich wilde, unsortierte Mischung. 

Weitaus eleganter und raffinierter ist da schon die hauchdünne, federleichte Ziegelschalenkonstruktion im westindischen Maharashtra. In der Kleinstadt Kopargaon schuf Architekt Sameep Padora die sogenannte Maya-Somaiya-Bibliothek für Kinder und Jugendliche, indem er den 44 Meter langen Raum mit einer nicht einmal zehn Zentimeter dicken, geodätischen Kuppelschale überspannte. Die waghalsige Konstruktion aus insgesamt 105.000 Ziegelsteinen wurde durch ein Schweizer Computermodellierungs-Verfahren ermöglicht und ist sogar begehbar. 

»Ich bemühe mich, die Nostalgie der starren Musealisierung von Handwerk, Tradition und Regionalität in meinen Projekten zu hinterfragen«, sagt der Architekt. »Durch die regionale und globale Vernetzung sind im Umgang mit dem Baustoff Ziegel neue, noch nie dagewesene Konstruktionen möglich. Und so bewegt sich die digital entworfene und doch handwerklich geprägte Bibliothek auf einem schmalen Grat zwischen technischer Zauberei und einem Gespür für Natürlichkeit.« Das Projekt wurde mit dem Brick Award 2020 ausgezeichnet. 

Für Heimo Scheuch, CEO und Vorstandsvorsitzender der Wienerberger AG, die den letztjährigen Brick Award auslobte und das indische Projekt damit würdigte, ist die Entwicklung »Back to Backstein« überaus erfreulich: »Sowohl im Global North als auch im Global South erkenne ich einen gewissen Mut, ein gewisses stolzes Selbstverständnis im Umgang mit dem Baustoff Ziegel, und ich denke, dass in den letzten Jahren auf diese Weise viele beeindruckende Bauwerke entstanden sind. Ich würde sogar behaupten, dass der Ziegel derzeit eine Art Renaissance erlebt.« 

In westlichen Gefilden braucht sich der Ziegel ebenfalls nicht zu verstecken. In Münster errichteten die Behet Bondzio Lin Architekten für den Deutschen Textilverband ein neues Verwaltungsgebäude und hüllten die 1.300 Quadratmeter große Südfassade in einen scheinbaren Faltenwurf aus 74.000 wassergestrichenen Ziegelsteinen, die durch eine leichte Verdrehung aus der Achse auf Basis eines parametrischen Rechenmodells eine dreidimensionale Plastizität erzeugen. Vorbild für den textilen Schleier, so die Architekten, war eine Skulptur Max Klingers, die den Komponisten Beethoven mit einem Tuch über den Beinen zeigt. 

Und ja, sogar im New Yorker Hochhausbau erklimmt der gute, alte Backstein neue Sphären. Vor einem Monat wurde in der 180 East 88th Street ein 150 Meter hoher Wohnturm fertiggestellt – aus 594.443 händisch geformten Ziegeln. 

LIVING Nr. 03/2021

Erschienen in:

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