© Leolux/Gijs Spierings

Was bringt das Interieur-Jahr 2022? Welche Farben, Formen, Muster und Materialien sind am Vormarsch? Viele Fragen, für die LIVING die Antworten liefert.

16 . Februar 2022 - By Manfred Gram

Manche Memes, die sich übernsoziale Netzwerke verbreiten, newähren durchaus Einblicke in den momentanen Zustand einer Gesellschaft. Eine der beliebtesten (humoristischen) Bild-Text-Botschaften zum Jahreswechsel und in den letzten Wochen waren entsetzte, panische, schreiende, verzweifelte und betroffene Gesichter, versehen mit dem Satz: »When you realize that 2022 is pronounced as Twenty Twenty too!«

Die Erinnerungen an 2020, als die ersten Covid-Wellen und Lockdowns Leben und Alltag der Menschen abrupt änderten, sind noch frisch. Und auch wenn es mittlerweile mit Impfungen ein probates Mittel gegen die Pandemie gibt – vorbei ist der virale Albtraum noch nicht.

Was kommt, was geht, was bleibt?

Ohne sich jetzt groß prophetisch aus dem Fenster zu lehnen, kann man zudem behaupten, dass einiges, was sich durch das Virus verändert hat, auch bleiben wird.

Wohnraum, in präpandemischen Zeiten schon oft im Fokus, avancierte in den letzten zwei Jahren zur Hauptbühne des Alltags. Hier wird nicht nur mehr geschlafen, gegessen und gelebt, sondern jetzt auch gearbeitet (und oft auch unterrichtet). Man denkt beim Einrichten multifunktional, alles hat einen Zweck. Und diese Zweckmäßigkeit inszeniert man am besten in sauberen, cleanen Räumen, die – und das ist die Kunst – nicht steril wirken dürfen. Mit ruhiger Farbwahl schafft man das. 

Zudem haben zahlreiche Trends, die nach wie vor bestimmend sind, parallel auch gleich ihre eigene Gegenbewegung im Gepäck. Natur wurde in den Wohnraum geholt, viel Holz, Bambus, Rattan, Bast und Co. ist nach wie vor en vogue, aber vor allem die charakterstarken Materialien wie Metall, Marmor, Glas oder gar Beton sind stark im Kommen und setzen klare Statements.

Rundungen und organische Formgebung sorgen noch immer für Gemütlichkeit, aber gerne wird wieder auf Geradliniges, Kantiges oder sogar Asymmetrisches als Kontrapunkt gesetzt. Nachhaltigkeit und ökologisches ­Bewusstsein sind in Designprozessen 2022 ein absolutes Muss, aber auch um Vintage-Stücke aus bestens sortierten Läden herrscht zurzeit ein Hype. Getrennt kann man diese Tendenzen und Entwicklungen nicht mehr sehen. Will man 2022 zusammenfassen, könnte man sagen: Alles greift ineinander und ergänzt sich – selbst im Widersprüchlichen.

Gute alte neue Zeit

Nostalgie ist ein starkes Gefühl. Und sauber inszenierter Retro-Chic der fruchtbare Boden, auf dem solche Gefühle gedeihen. Das legt zumindest die gestiegene Nachfrage nach Vintage-Stücken und Redesigns von Klassikern nahe.

Am Interior-Sektor erlebt Vintage gerade einen Boom. Alte Designerstücke sind gefragt wie schon lange nicht mehr. In darauf spezialisierten Geschäften genauso wie auf einschlägigen Onlineplattformen. Simon Weber-Unger, Antiquitätenexperte und Mitbetreiber des Wiener Vintage-Shops Glasfabrik, kann in dieser Hinsicht ein paar gute Gründe liefern, woher die starke Nachfrage nach gut erhal­tenen alten Dingen eigentlich rührt: »Im wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsjahre kam bereits der Trend auf, bunte, neue Möbel mit historischen, völlig kon­trären Möbeln zu mischen. Das war in der Form neu und beeinflusst jetzt sicher, zwei bis drei Generationen später, den heutigen Geschmack.«

Vorwärts, es geht zurück

Im Mittelpunkt stehen dabei die 1950er- und 1960er-Jahre. »Diese Jahrzehnte sind weit genug entfernt, um als verstaubte Kindheitserinnerungen durchzugehen, aber auch nah genug, um sie zu verherrlichen.« Und noch etwas spielt eine entscheidende Rolle: »Ein Vintage-Möbel kann man auf ein glamourfreies Adjektiv reduzieren: gebraucht! Man kauft also ein Möbel, das bereits produziert ist. Es ist nicht nur klimaneutral, sondern vollkommen emissionsfrei.«

Durchaus kräftige Verkaufsargumente. Aber auch die Designindustrie reagiert auf wachsende Retro-Bedürfnisse. Alte Klassiker großer Unternehmen, die zuletzt im Back­katalog oder gar in den Archiven verstaubten, werden sanft modifiziert und als Redesigns neu aufgelegt. Das ist jetzt zwar nicht Vintage im engeren Sinne, bedient aber perfekt im neuen Gewand die Sehnsucht nach alten Zeiten. Oder wie Simon Weber-Unger verdichtet zusammenfasst: »Retro und Vintage gab es schon in früheren Epochen und sie leben voneinander.«

Die nächste Runde!

Formensprache will gelernt sein. Für 2022 soll man es – wie bereits letztes Jahr eingeführt – vor allem mit Bögen, Kurven und Co. gemütlich angehen. Aber es spricht auch nichts dagegen, sich ab und an die Kante zu geben.

Für den schwedischen Designer Gustaf Westman, zurzeit weltweit einer der gefragtesten Kreativen, ist die Sache ziemlich eindeutig: »Ich mag schöne Dinge wirklich sehr gerne. Und runde Formen, Kurven, Bögen und Schwünge machen Dinge einfach schön. Außerdem liebe ich es, wenn man das Gefühl hat, ein Objekt hat weder Anfang noch Ende.« Mit dieser persönlichen Analyse, die charmant lakonisch in die Unendlichkeit der Dinge verweist, beschreibt Westman recht gut, was im Design in der Formensprache den Ton angibt. Das Runde und Organische.

Das zeichnet sich zwar schon seit Längerem ab, man denke nur an die vielen Sofas, Fauteuils, Lampen, Tische oder Accessoires, aber geht es nach Westman, steht alles erst am Anfang. »Ganz ehrlich, ich habe den ­Eindruck, dass die großen Unternehmen gerade erst auf diesen Trend aufspringen. Es wird interessant zu sehen sein, wie sie diese ­Formensprachen an neuen Objekten und mit neuen Materialien weiterentwickeln.«

Im Spannungsfeld

Dass aktuell bei Interior vermehrt auch Eckiges, Kantiges, Geometrisches und gar Asym­metrisches zu sehen ist, bewertet Experte und Kenner Westman allerdings nicht als Gegentrend. Vielmehr ist es nämlich so: »Unterschiedliche Stile  und Trends existieren unabhängig voneinander zur gleichen Zeit – ich liebe das!«

Das hat jetzt wiederum den Vorteil, dass man mit einigem Geschick schöne optische Spannungsfelder schaffen kann. Etwa wenn Kantiges auf Kurviges trifft oder elegant reduzierter Neominimalismus einladender, abgerundeter Gemütlichkeit gegenübergestellt wird.

Harte Brocken

Wer sich ernsthaft mit Materialfragen beschäftigt, kommt an Nachhaltigkeit nicht mehr vorbei. Egal ob man mit Plastik gestaltet oder zum harten Stoff aus der Natur greift.

Nachhaltiges Denken, Natur-, Umwelt- und Klimaschutz sind in Design­prozessen endgültig angekommen. »Auch wenn in den allermeisten ­Fällen Beweggründe dafür vom Marketing ausgehen, letztlich ist es eigentlich egal, auf welchem Wege man zum Ziel kommt, nachhaltiger zu produzieren«, merkt Peter Otto Vosding etwas ironisch an. Der 31-jährige deutsche Designer zählt zur jungen, aufstrebenden Riege seines Fachs. Nachdenken über Verwertungs- und Nach­haltigkeitsketten, wenn es um Produktion und Materialien geht, ist für ihn selbstverständlich. »Mein Lieblingsmaterial ist Holz«, erzählt ­Vosding, »aktuell arbeite ich auch intensiv mit einem nord-

deutschen Start-up zusammen, das mit 3D-Drucker Kunststoffe aus Mais oder Zuckerrohr herstellt.« Bei Materialfragen ist Vosding, der am Anfang seiner Karriere mit seinem Tisch »Pipe-Line« aus Papier für ­Aufsehen sorgte, also sehr flexibel.

Gib Stoff

Die Branche übrigens ebenfalls. Kunststoffe, wenn recycelt, oder eben ohne Erdöl hergestellt, sind ein beliebter Werkstoff. »Auf ­diesem Sektor tut sich momentan sehr viel. Von der Herstellung des Materials bis hin zur Verarbeitung«, so Vosding. Sie sind also durchaus eine Alternative zu den vielen natürlichen Materialien, die man sich nach wie vor (wohl auch wegen Corona) ins Haus holt.

Die werden übrigens zusehends charakterstärker. Alu, Eisen oder Kupfer kommen ebenso zum Einsatz wie Glas, Natursteine und Marmor. Auch der gute alte Beton wird wieder ausgepackt. Die Kunst besteht darin, die neue Härte bei den Materialien harmonisch in den Wohnraum zu integrieren.

»Die meisten Materialien erlangen durch Veredelung jeglicher Art vom Feinschliff bis zur Oberflächenbehandlung ihre volle Eleganz«, so Vosding.

Bühne und Kontrast

Farben, Muster, Textilien und Strukturen gelten als Seele von Räumen. Und wie man weiß, braucht es beim Umgang mit der Seele Fingerspitzengefühl. Heuer mehr als sonst.

Man kann nicht behaupten, dass Textilien, Muster und Farben stiefmütterlich behandelt werden, wenn es um Fragen des Wohnens geht. Allerdings muss man auch sagen, dass ihnen nicht immer die Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, die sie verdienen. Aber: »Die Haptik und die Qualität der Oberfläche sind wesentlich, da sie das Produkt, aber auch den Raum zu dem machen, was er ist«, bringt es Karin Santorso vom Designerinnenduo Lucy.D knackig auf den Punkt. Deshalb müssen Symbiosen geschaffen werden.

Materialien und Formen von Gegenständen sollen mit Farben, Mustern und Textilien zusammenpassen, damit so etwas wie ­Atmosphäre entstehen kann.

In der Praxis heißt das, dass die Verbindung von Natur und Wohnen, die seit der Coronapandemie noch einmal an Fahrt ­aufgenommen hat, sich auch im Textildesign widerspiegelt. Sind Retro-Feelings im Spiel oder wird das verwendete Material härter, reagiert auch das Textildesign darauf. Aktuell sind daher weiche Texturen und amorphe Formen stark gefragt. Und dabei trifft man auf alte Bekannte. So feiert Bouclé, also der effektvolle Stoffklassiker, den man von ­Chanel-Kostümen kennt, ein Interior-Comeback, weil er an vergessene Dekaden erinnert, weich und strapazierfähig gleichermaßen ist. Ähnlich ergeht es übrigens dem Cord. Als Gruß aus den 1960er- und 1970er-Jahren macht es sich der Stoff gerade in den Wohnzimmern gemütlich. Und ja: Material- und Mustermix dürfen durchaus auch einmal überborden, wie die »Monster Rugs« der Künstlerin und Illustration Siri Carlén für Hem zeigen. Hier knallt Flokati-Gemütlichkeit auf giftige Fellzeichnung.

Bitte einfärben

Das legt nahe, dass 2022 durchaus einmal in den Farbtopf gegriffen werden darf. Auch bei Wänden. Und auch mal extravagant. So erzählen etwa Tapeten der französischen Marke Élitis ebenso bunt wie clever Geschichten und machen dabei auch eine gewisse Sehnsucht nach Farbe deutlich. Fasst man dabei die von Herstellern proklamierten Farbtrends zusammen (Grün-, Blau- und Erdtöne), merkt man schnell, dass Farben im Jahr drei mit Corona vor allem beruhigen sollen.

Aber bitte so, dass man vor lauter Entspannung nicht einschläft. Dafür bieten sich ­Farbakzente an, die mit Fingerspitzengefühl eingesetzt werden sollten, so Santorso: »Die können ruhig poppig sein – sie dienen als ­Muntermacher, aber sie sollten auch lang­fristig funktionieren.« Und es kommt ­natürlich auch immer auf den Kontext an,

in dem die Farbe eingesetzt wird. »Wir ­denken doch, dass es so etwas wie ein tiefes Farb­wissen in unserer Gesellschaft gibt«, ist sich Karin Santorso sicher und geht ins ­Detail: »Hellgrau und Erdfarben beruhigen, beleben aber auch und sind mit allen anderen Farben kombinierbar. Sie bieten Bühne und Kontrast gleichzeitig.«

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