© Steve White 2016, Saatchi Gallery

Nirgendwo bilden Kunst-Design und Architektur eine so aufregende Einheit wie in London. Checken Sie mit uns für ein Wochenende ein.

06 . Oktober 2017 - By Maik Novotny

Alte Meister, zeitgenössische Kunst, Designer, die im Jetzt die Zukunft vorausnehmen – London ist in Europa der unumstrittene Hot-spot, wenn es um Kunst und Kultur geht. Die Metropole mit ihren 8,5 Millionen Einwohnern ist seit jeher ein attraktiver Anziehungspunkt für Künstler, Kreative und Galeristen. Daran hat auch der Stimmungsdämpfer Brexit nichts geändert – zu schillernd sind die Stadt und die Chancen, die sich aufstrebenden Talenten und etablierten Künstlern hier bieten. So nimmt etwa eine lebendige Avantgarde-szene neue Diskurse vorweg, und Kunst- und Designmessen wie die Frieze oder die London Design Fair sorgen dafür, dass die Creative Industry an der Themse Anknüpfungspunkte zum Networking vorfindet. 

London ist stolz auf seine Künstler, und diese Mentalität spiegelt sich in allen Lebensbereichen wider. Museen und Galerien pflegen niederschwellige Zugänge. Inhalte und Inspirationen werden London-Besuchern sozusagen am Silbertablett serviert. Insbesondere im Herbst, wenn neue Shows eröffnen, ist ein Wochenendtrip im Zeichen der Kunst höchst empfehlenswert. 

Freitag

Wir beginnen unsere Tour dort, wo die Londoner Innenstadt ins East End übergeht, wo brandneue Bürotürme aus Spiegelglas unvermittelt neben alten Fabriken, indischen Restaurants und kleinen Cafés stehen. Abrupte Brüche sind typisch für London, und genau an einem solchen steht die Whitechapel Gallery seit 1901 wie ein Fels in der Brandung der Veränderungen. Die prachtvolle Art-deco-Fassade mag gediegen wirken, doch die Galerie steht seit Langem für eindeutig moderne Kunst. Im Herbst 2017 ist hier eine Auswahl aus dem fast 40-jährigen Schaffen des Fotografen Thomas Ruff zu sehen: sachlich-kühle Porträts und verfremdete Nachrichtenbilder, passend zu diesem Ort der Gegensätze. Zurück zur Square Mile, wie der Londoner die City, das historische Herz der Stadt, nennt. Im Zentrum der Finanzwelt wirbelt das Kunstprogramm Sculpture in the City die Business-Seriosität mit 18 Installationen durcheinander. Hinter Norman Fosters ikonischem »Gherkin«-Wolkenkratzer stellte der Künstler Nathaniel Rackowe einen schwarzen, auf dem Kopf stehenden Schuppen, der von innen geheimnisvoll glüht und kurz vor dem Auseinanderfliegen zu sein scheint.

Essen mit Kunstanspruch

Für die Mittagspause bietet sich der mitten in der City versteckte viktorianische Leadenhall Market an, bevor wir uns nach Chelsea aufmachen. Die dortige Saatchi Gallery hat 1992 die Young British Artists berühmt gemacht und ist für Ausstellungen bekannt, die keine Kontroverse scheuen. Eine inspirierende Kunsterfahrung, die mit den Mitreisenden geteilt werden will, am besten beim entspannten Dinner im ­japanischen Fine-Dining-Lokal »Zuma«.

Samstag

Den Samstag starten wir in der Tate Modern am Südufer der Themse, die ein buchstäbliches Kunst-Kraftwerk ist. Im Jahr 2000 im wuchtigen Backsteinbau der ehemaligen Bankside Power Station eröffnet, wurde sie ohne Umschweife zum Publikumsmagnet. Besonders die ehemalige Turbinenhalle ist Treffpunkt der Kunstinteressierten und Ort für spektakuläre Installationen. 2016 bekam die Tate Modern von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron einen ebenso wuchtigen Anbau verpasst -zusammen ein riesiges Kunstlabyrinth, in dem es unendlich viel zu entdecken gibt, etwa im Herbst 2017 die ­große Modigliani-Retrospektive.

An der Kulturmeile South Bank könnte man ein ganzes Wochenende verbringen, doch wir eilen nach Westen und folgen dabei dem Design Museum, das 2016 von hier nach ­Kensington umzog. Hier wie dort war und ist es in der Designmetropole London genau am richtigen Ort. Ein Besuch lohnt sich immer, die Ausstellung über kalifornisches Design seit den 60er-Jahren verspricht eine besondere Dosis sonniger Coolness. Schlicht eines der großartigsten Museen der Welt ist das Victoria and Albert an der Exhibition Road. 

Der majestätische Bau aus dem 19. Jahrhundert wurde 2017 erweitert, die Sammlung und die Ausstellungen spannen den Bogen von der Antike zur Popkultur. »Plywood« widmet sich 2017 einem der wichtigsten Materialien des modernen Möbeldesigns. Für eine Abendgestaltung, die dieses stilvolle Niveau spielend hält, bietet sich die »Connaught Bar« an, die momentan unter Nachtschwärmern besonders hoch im Kurs steht. Im kubistisch angehauchten Marmor-Ambiente werden die Drinks der Stunde gemixt.

Sonntag

Unseren letzten Tag in London widmen wir anfangs einem alten Bekannten: An Damien Hirst kommt man in Londons Kunstwelt nicht vorbei. Und warum sollte man auch, immerhin hat er der Newport Street Gallery nicht nur seine eigene sehenswerte Sammlung zur Verfügung gestellt, sondern auch das darin befindliche Lokal »Pharmacy 2« mit seiner legendären Apotheken­schrank-Installation ausgestattet. Das preisgekrönte Backstein-Ensemble aus Alt und Neu von Caruso St. John Architects ist obendrein einer der besten Bauten der letzten Jahre in London. Nach anfänglichen Zweifeln ins Herz geschlossen haben die Londoner die 70er-Jahre-Betonburg des Barbican Centre, ein großzügiges Füllhorn der Kultur von Musik über Film bis zur Kunst.

Zum Abschied Tee

Die Ausstellung des New Yorker Kunst-Heroen Jean-Michel Basquiat verspricht im Herbst 2017 ein Blockbuster zu werden. Danach ­haben wir uns einen Drink in der »Barbican Martini Bar« oder ein Menü in der »Barbican Kitchen« verdient, bevor wir das Wochenende in den grünen Weiten des Hyde Park ausklingen lassen. Mitten darin eingebettet die Serpentine Gallery, ein Fixpunkt der Kunstwelt. Der jährlich von einem anderen Architekten gestaltete Serpentine Pavillon neben dem Altbau stammt 2017 von Diébédo Francis Kéré.

Im Haupthaus empfiehlt sich ein Besuch der Ausstellung des norwegischen Fotografen Torbjørn Rødland, der einen ironisch poetischen Blick auf die Welt pflegt. Bleibt dann noch Zeit, schauen wir auf einen artifiziellen Nachmittagstee im »The Berkeley« vorbei. Designer inszenieren ihre Fashion-Teatime dabei mit aktuellen Kollektionen in Form von Törtchen und Keksen und sorgen so für Glanzlichter moderner Tischkultur. Ein fashionabler Abschied, der Lust auf Wiederkommen macht. 

LIVING Nr. 04/2017

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LIVING Nr. 04/2017

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