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Weltumspannender Handel, selbstbewusste Bürger, sehr viele große Lagerhallen. Perfekte Zutaten für eine Kunstmetropole? Allerdings! Hamburg mixt daraus mit seiner Mischung aus nordischer Nüchternheit und heimlicher Anarchie ein reichhaltiges Kulturmenü für alle Geschmäcker.

10 . November 2021 - By Maik Novotny

Handel und Schiffe, Lagerhäuser und Auftragsbücher und dazwischen sehr viel Wind. Hamburg means business. Alles Schöngeistige scheint in dieser sachlichen Stadt auf den ersten Blick fehl am Platz. Doch das täuscht. Denn in Hamburg, Deutschlands »zweiter Stadt« nach Berlin, gehört Kultur zum Selbstverständnis. Die Elbphilharmonie, das neue Wahrzeichen der Stadt, ist auch ein Symbol des Bürgerstolzes: »Das haben wir uns geleistet.« Denn brav ist Hamburg keineswegs, provinziell erst recht nicht. Als Hafen- und Hansestadt ist Hamburg seit Jahrhunderten Teil eines globalen Netzwerks. Stadtviertel wie St. Pauli stehen für das Aufsässige, Räudige und das Rotlicht. Hier trägt man Lederjacken und nicht die Burberry-Jäckchen der Elbchaussee-Villen. Die Museenlandschaft spiegelt die weltläufig-ruppige Seele Hamburgs wider. Viel Inter­nationales und Modernes, eine besondere Liebe zur Fotografie. Viele Museen und Sammlungen verdanken sich den Stiftungen kunstsinniger Bürger, und die Galerien decken die ganze Bandbreite von Gediegenheit bis Subkultur ab. Auf in den Norden!

FREITAG

Für viele Besucher dürfte sie das erste Museum sein, das sie hier zu Gesicht bekommen: Die Kunsthalle liegt praktischerweise direkt neben dem Hauptbahnhof an der Alster. Doch nicht die Lage des ziegelroten Baus und seiner kubischen Erweiterung von 1996 macht ihn so besonders, die Kunsthalle ist auch das museale Aushängeschild der Stadt seit dem 19. Jahrhundert. Schwerpunkte sind die mittelalter­liche Malerei, das 19. Jahrhundert und die klassische Moderne. Hier tragen die Retro­spektiven große Namen wie Beckmann und de Chirico, aber es sind auch gekonnt kuratierte Ausstellungen zu Themen wie Trauer oder zu nordischer Malerei zu sehen.

Einen fixen Platz in der Hamburger Kunstwelt hat sich das Bucerius Kunst Forum erarbeitet, dabei ist es noch keine 20 Jahre alt. Ein Beispiel dafür, wie Mäzenatentum und die Medienwelt die Kunst der Hafenstadt prägen, denn getragen wird es von der »Zeit«-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. Auch hier sind viele große Namen zu sehen, jedoch stets unter ungewöhnlichen Blickwinkeln und immer mit dem Anspruch, heutige gesellschaftliche Debatten zu spiegeln.

Ebenso aus Eigeninitiative entstanden, aber sozusagen »von unten« ist das Westwerk. 1985 nahm eine junge Gruppe Künstler und Filmemacher ein leer stehendes Haus aus dem 18. Jahrhundert in Besitz – spontan, ­improvisiert, aus dem Moment heraus. Dieser frische, wilde Geist belebt das Westwerk bis heute, wohl, weil die rund zwei Dutzend ­Macher selbst auch Künstler sind. Musik, Film, Partys, Fotografie, Malerei und Installationen. Hier wird man immer überrascht, und das täglich neu.

Kunsthalle
Out of Space, bis 28. 11. 2021
hamburger-kunsthalle.de

Bucerius Kunst Forum
Nolde und der Norden, bis 23. 1. 2022
buceriuskunstforum.de

WESTWERK
Fault Line: Transform, 15.–24. 10. 2021
westwerk.org

SAMSTAG

Ein Tag auf großem Fuß. Riesige Lagerhallen, reserviert für die Kunst, und ein Off-Festival, das fast ein ganzes Jahr dauert. Tja, Hamburg verbindet eben Nüchternheit und Größenwahn.

Heute starten wir in großem Maßstab. Auf 3.800 Quadratmetern, um genau zu sein. So groß ist die Halle für aktuelle Kunst, und sie ist nur einer von vielen Räumen in den ­Deichtorhallen. Die ehemalige Großmarkthalle im Zentrum wurde 1988 in einen Kunstort verwandelt. Die Kunst der Gegenwart und ­Zukunft wird hier selbstbewusst zelebriert und darf sich Raum nehmen. Andy Warhol, Louise Bourgeois, Martin Kippenberger und Jonathan Meese sind nur einige der Highlights der ­letzten 30 Jahre. Ebenso Teil der Deichtor­hallen ist das Haus der Photographie, das zurzeit saniert wird, die Sammlung Falckenberg als Dependance im Stadtteil Harburg lockt mit einem Ausflug an den Stadtrand.

OFF IN ST. PAULI

Einen weiteren Wandel vom Merkantilen zum Künstlerischen hat die ehemalige Markthalle hinter sich, in der seit 1993 der Kunstverein in Hamburg zu Hause ist. Gegründet 1817, ist er einer der ältesten in Deutschland und lebte lange ein unstetes Nomadendasein an verschiedenen Orten. Heute hat er sein Zuhause gefunden und pflegt seine Mission der Förderung junger Künstler mit großem Engagement und stetiger Überraschung.

Junge Künstler, nämlich drei Burschen unter 30, waren es auch, die 2012 die Affenfaust ­Galerie gründeten. Den Namen für ihren Offspace in St. Pauli borgten sie sich von einem komplexen Seemannsknoten, der als Symbol für die kreative Verknotung von Kunst und Kultur steht. Seit 2013 veranstalten sie zudem das Knotenpunkt-Kunstfestival, die größte ­Urban-Contemporary-Art-Ausstellung ­Nordeuropas und eine Art Megamesse der Off-Szene. Das Knotenpunkt 2021 ist noch bis Jahresende erlebbar und lohnt mit überbordendem Programm allein schon die Reise.

Deichtorhallen
Aby Warburg, bis 31. 10. 2021
deichtorhallen.de/ausstellung/aby-warburg

Kunstverein in Hamburg
Proof of Stake, bis 14. 11. 2021
kunstverein.de/ausstellungen/aktuell/proof-of-stake

Affenfaust Galerie
Knotenpunkt-Kunstfestival, bis 31. 12. 2021
knotenpunkt.net
affenfaustgalerie.de/de/show/
groupshow-knotenpunkt21

SONNTAG

Eigentlich kein Wunder, dass in einer Stadt, die durch das Handeln und Herstellen reich geworden ist, auch das Kunstgewerbe einen Ehrenplatz einnimmt. Mit rund 500.000 Objekten gehört das 1877 eröffnete Museum für Kunst und Gewerbe im Stadtteil St. Georg heute zu den bedeutendsten Museen für Kunst und Design in Europa. Ein Füllhorn aus Grafikdesign, Fotografie, Design, Mode, Keramik, Antikem und Fernöstlichem, sehenswert vor allem die Themenräume, etwa zum Jugendstil. Auf ­keinen Fall zu verpassen: die legendäre Pop-Art-Kantine des Magazins »Spiegel«, 1969 vom dänischen Designer Verner Panton in knall­bunten Farben gestaltet, die seit 2012 hier ­ausgestellt ist.

HANDEL UND KUNST

Etwas weniger knallig und bescheidener im Maßstab geht es ums Eck im Kunsthaus ­Hamburg zu. Das Zentrum für zeitgenössische Kunst, 1962 von der Stadt Hamburg gegründet, präsentiert in einer ehemaligen Markthalle (wo sonst!) jährlich bis zu acht Ausstellungen, vor allem ganz junge Künstler bekommen hier eine Bühne. In Zukunft plant man, den internationalen Ansatz weiter zu verstärken, hier wird also auf Dauer für kreative Reibung und ­Diskussionsstoff gesorgt sein. Gut so! Zum Abschluss kehren wir bei einer fixen Adresse der ­Hamburger Galerienszene ein. Die 1997 gegründete Galerie Borchardt zog 2009 in ein ehe­maliges Kontorhaus – ein weiteres von vielen Beispielen für die räumliche Verknüpfung von Handel und Kunst. Sicher gab auch die Nachbarschaft des expressionistischen Chilehauses den Ausschlag, eines Wahrzeichens der Stadt, passend zum Fokus der Galerie auf Design und Architektur. Ahoi und bis bald, Hamburg!

Museum für Kunst und Gewerbe
Heimaten, bis 9. 1. 2022
mkg-hamburg.de

Kunsthaus
Ilana Harris-Babou, bis 28. 11. 2021
kunsthaushamburg.de

Galerie Peter Borchardt
Mirko Reisser/DAIM: Taking Over
galerie-borchardt.de

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