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Artgerechtes Wohnen: Wenn Möbel zur Kunst erhoben werden

Kunst und Design stehen sich oft sehr nahe. Vor allem, wenn ausgewiesene Künstler plötzlich durchs Interieur-Feld spazieren und Sessel, Tisch und Couch zur Kunst erheben. Ein kleiner Einblick in ein facettenreiches Spannungsfeld.

14 . September 2021 - By Manfred Gram

Sessel und Tisch von Franz West. Ein Sofa von Salvador Dalí. Eine Couch von Ólafur Elíasson. Licht von Jorge Pardo. Es ist offensichtlich – es gibt eine Beziehung zwischen der bildenden Kunst und der Design- und Interieurwelt. Allerdings: Der Beziehungsstatus zwischen den beiden ist kompliziert, oder wie es Sebastian Hackenschmidt, Experte für Möbel- und Holzarbeiten im Wiener MAK formuliert: »Ein komplexes Thema, über das man auch eine Dissertation verfassen könnte.«

Man kann also an dieser Stelle lediglich versuchen, einen groben Überblick zu geben, wie denn die Dynamiken zwischen Kunst und Design aussehen. Wo liegen die Wurzeln dieser »Grenzüberschreitungen«, wie haben sie sich im Laufe der Jahrzehnte verändert, wie sieht der Status aus und wohin könnte sich das alles weiterentwickeln? 

Dinge des Alltags haben sich in die Kunst eingeschlichen und dort ein künstlerisches Pendant zu gewöhnlichen Gebrauchsgegenständen geschaffen.

Sebastian Hackenschmidt, Möbelexperte MAK

Gut angewandt

»Künstler wie Ernst Ludwig Kirchner oder Paul Gauguin haben bereits im frühen 20. Jahrhundert Möbel und Einrichtungsgegenstände nach Ihren Vorstellungen geschaffen. Auch Keramiken, Mode oder Teppiche wurden von Künstlern ausgeführt«, klärt Experte Hackenschmidt gleich die historische Perspektive und ergänzt: »Dinge des Alltags – und damit auch das Design – haben sich in zunehmendem Maße in die Kunst eingeschlichen und dort eine eigene Entwicklung als künstlerisches Pendant der gewöhnlichen Gebrauchsgegenstände vollzogen.« 

Heißt also, dass Haushaltsartikel, Möbel, Kleidung und Technik immer wieder zum Kunstgegenstand werden und dementsprechend von KünstlerInnen neu zerlegt und neu gedacht werden. 

Mitunter auch aus pragmatischen Gründen. Damit man bei seinen Ausstellungen nicht nur stehen muss, entwarf Franz West etwa Stühle und Bänke, die er mit alten Teppichen versah, Lampen und Tische folgten. Und alles fügte sich in den West’schen Kunstkontext nahtlos ein – als eine Art »Pass-stücke«, ähnlich seiner Skulpturen-Serie aus den frühen 1970er-Jahren. Mehr noch: West formte in weiterer Folge mit seinen Entwürfen Möbel-Skulpturen und lotete so grundlegende Begrifflichkeiten aus. In Serie gingen die Stücke freilich nicht, solide Preise am Auktionsmarkt erzielen sie nach wie vor. Dass sie von ihren Besitzern nicht nur angeschaut, sondern auch benutzt werden, ist alles andere als ein Gerücht. 

Etwas, das auch der dänisch-isländische Kunstsuperstar Ólafur Elíasson in das eine oder andere Werk von ihm einkalkuliert hat. Er, der für die Luxusbrand Louis Vuitton schon ganze Schaufenster gestaltet hat, stört sich nicht daran, wenn seine Lichtinstallationen und kleinere Lichtobjekte in Sammlerwohnungen Doppelfunktionen erfüllen. Und seit fast 15 Jahren arbeitet er auch regelmäßig mit dem dänischen Designlabel Kvadrat zusammen. Kleiner Höhepunkt dieser Kooperation: Das Möbel-Kunstwerk »Fog Couch«, in dem fünf Jahre Forschung stecken, um die perfekte Sofa-Oberfläche zu kreieren. Bei Elíasson ist dies ein gestrickter Textilbezug, der an den Sand erinnert, der bei Ebbe zurückbleibt. Das gute Einzelstück schaffte es sogar in die Londoner Tate Modern. 

Künstler haben nicht nur die Form und Funktion, sondern auch die gewohnte Materialpalette von Gebrauchsgegenständen hinterfragt.

Sebastian Hackenschmidt, Möbelexperte im MAK

Material-Experimente

Design und Kunst nähern sich also an. Mitunter auch sehr offensichtlich. Etwa wenn der in Kuba geborene US-Künstler Jorge Pardo gleich die Grenzen zwischen Kunst, Design und Architektur verschwimmen lässt und nicht nur Bars, Cafés oder Hotels einrichtet, sondern gleich ganze Wohnhäuser baut und so richtig raumübergreifende Konzepte verwirklicht. Besteht also die Möglichkeit einer noch engeren Verbindung? Kunst- und Möbelexperte Sebastian Hackenschmidt analysiert und beruhigt: »Es ist nie zu einer wirklich dauerhaften Fusion von Kunst und Design gekommen. Produkt­design widmet sich nach wie vor der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen. Kunst dagegen stellt einen anderen Anspruch und kann nur dann ihren Status bewahren, wenn sie nicht im Alltag aufgeht und etwas Besonderes bleibt.« 

Eine genaue Zuordnung ist also nicht ganz einfach. Vor allem kommt es immer wieder zu intensiven Experimenten mit Materialien, wenn sich Künstler daranmachen, Interieur zu designen. 

Ein gutes Beispiel dafür ist der Londoner Kreative Tom Price. Er selbst gibt in Gesprächen gerne an, sich weder als Designer noch als Künstler zu sehen. Einfach weil er sich nicht auf eine Disziplin festlegen will. Was aber bleibt und sich durch sein Schaffen zieht, ist sein unkonventioneller Umgang mit Materialien. Gut zu sehen etwa in seinen Melt-down-Stühlen. Für diese Sessel-Serie erhitzt er Materialien wie Seile, Kabelbinder oder Me-talle, bringt sie in Form und schafft so Sitzgelegenheiten voller bizarrer Anmut, die überraschenderweise auch noch bequem sind. 

Alleine ist er mit derartigen Zugängen im Grenzland zwischen Kunst und Design übrigens nicht. KünstlerInnen wie die Französin Célia Bertrand oder der Chinese Zhou Yilun bewegen sich ebenfalls dort und fordern mit ihren Kreationen Betrachter immer wieder heraus. Egal ob tierähnliche skulpturale Stühle als Spritzbildfläche dienen oder klassische Materialien in noch nie gesehene Formen geklopft werden. 

Zugänge, bei denen reizvolle Symbiosen entstehen, wie Sebastian Hackenschmidt zusammenfasst: »Unkonventionelle künstleri­sche Einrichtungen können ein eindrückliches ästhetisches Erlebnis sein, aber auch ein provozierendes Denkmodell für die kreative Auseinandersetzung mit unserer Wohn­situa­tion und Haushaltsausstattung.«

LIVING Nr. 06/2021

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