© Rick Joy

Die Wüste, diese zerbrechliche Schönheit, inspiriert seit jeher die Kreativen – und in besonderem Ausmaß die Architekten. Über das Bauen im Niemandsland, Fokus: der wilde Westen Amerikas.

30 . Juli 2019 - By Nicola Afchar-Negad

In einer Landschaft, in der offiziell nichts existiert (sonst wäre es keine Wüste), wird absolut alles denkbar – und kann folglich passieren.« Dieses Zitat von Architektur-Kritiker Reyner Banham (1922–1988) bringt auf den Punkt und fasst zusammen, was das Bauen im Nichts so einzigartig macht. Alles hier ist Poesie, kaum einer schafft es, die Dürre mit trockenen Worten zu beschreiben. »Für mich ist die Wüste ein fantastischer Ort«, sagt Architekt Rick Joy im Interview mit LIVING. »Und ich meine das im eigentlichen Sinne. 

Die Wüste ist eine Landschaft wie aus einem Traum.« Joy, der das Studio Rick Joy mit Sitz in Arizona leitet, steht hinter einigen der ikonischsten Gebäude wie dem »Amangiri Resort« (Utah) oder dem Desert Nomad House (Arizona). »Ich kenne keinen anderen Ort, an dem das Licht so eine Rolle spielt wie in der Wüste«, sinniert Joy. »Es ist hier wie ein eigenes Baumaterial.« Die großzügigen Glasfronten der Häuser zollen dem Licht Tribut. Joy spricht von der Weite, vom klaren Himmel, von Pflanzen, die gleichzeitig fragil und widerstandsfähig sind. Er arbeitet gerne mit gepresster Erde und Beton – Materialien, die sich in der Wüste besonders gut machen. Brutalistische Architektur, teils utopisch anmutend, in einer kompromisslosen Landschaft – das passt.

Fordernde Wildnis

Denn auch das muss man bedenken: Wer hier baut, sollte sich mit der Natur gut stellen, auf ihre Zerbrechlichkeit Rücksicht nehmen. Die Wildnis verzeiht nicht, sie fordert und wächst. Zählt man die Halbwüsten dazu, sind circa 30 Prozent der weltweiten Landober­fläche Ödnis. Das ist auch Potenzial. Nur war es bisher nicht möglich, vom Wind rund ge­schliffenen Wüstensand als Baumaterial zu verwenden. Ein Unternehmen in Deutschland (PolyCare Research Technology) verspricht hier die große Wende. Aufgrund eines neuen, zementfreien Verfahrens lässt sich der Sand zu Betonsteinen pressen, die wie überdimen­sionale Lego-Steine anmuten. 

Ökologisches Bauen ist ein Credo in dieser Landschaft. Doch was ist mit den Häusern ­des Desert Modernism in Palm Springs (Kalifornien), die Mitte des letzten Jahr­hunderts entstanden? Hier geht es um ein Update, wie Trevor O’Donnell weiß. Der Mann leitet die PS Architecture Tours im Mid-Century-­Architektur-Mekka Palm Springs. »Diese Häuser wurden damals nur in den kühleren Wintermonaten bewohnt, sie waren nicht gut isoliert. Renovierungen sind ein großes Thema in Palm Springs, die Gebäude müssen energieeffizient werden.«

Palm Springs, gelegen im Coachella Valley, ist einzigartig. »Die Magie dieses Ortes, an dem sich glühend heiße Wüste und schneebedeckte Berge so nahe kommen, war immer schon ein Magnet für die Kreativen. In den 1910er- und 1920er-Jahren waren es die Künstler, in den 20er- bis 60er-Jahren Holly­wood«, so O’Donnell. Das Frank Sinatra House kann sogar gemietet werden. 

Auch die Kreativen der Jetztzeit vergötternPalm Springs. Für uns Menschen des 21. Jahrhunderts ist all das, was die Wüste ausmacht – die Stille, das Weite, das nicht Vorgegebene –, eine lautstarke Sehnsucht. Und die Wüste ein Ort, der sie stillt.

LIVING Nr. 03/2019

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LIVING Nr. 03/2019

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